Letztes Update am So, 11.12.2016 06:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Hamburg: Liebe auf den ersten Ton

Paris ist die Stadt der Liebe, Mailand die Stadt der Mode. Und Hamburg? Die Stadt der Musik! Nicht nur wegen der Elbphilharmonie, die bald ihre Türen für Konzertbesucher öffnet. Es sind auch die Menschen, die die Hafenstadt mit Musik erfüllen. Zu ihnen gehört Stefanie Hempel.

© Hamburg MarketingStefanie Hempel spielt auf der Ukulele einen Beatles-Hit.



Und jetzt alle: Can’t buy me love, love. Can’t buy me love!“ Junge sowie ältere Reeperbahn-Besucher haken ihre Arme ineinander, wippen zum Rhythmus des Beatles-Klassikers und grölen den Text lautstark in die Nacht hinein. Eine Gruppe junger Männer unterbricht ihre Kneipen-Tour, mischt sich unter die singende Meute und schwenkt Bierflaschen hin und her wie brennende Feuerzeuge bei einem Popkonzert.

Jeden Samstagabend springt die Uhr in Hamburgs Vergnügungsviertel St. Pauli um ein halbes Jahrhundert zurück. Hempel’s Beatles-Tour nennt sich die Reise in eine Zeit, in der Konzerte noch in kleinen, verrauchten sowie verruchten Clubs stattfanden und sich Schweiß der Musiker von der Bühne direkt auf die jubelnden Fans davor verteilte. Das Jahr 1960 war magisch, vor allem für vier Männer aus Großbritannien, die in Deutschlands zweitgrößter Stadt zur größten Band aller Zeiten wurden – die Beatles.

Schon bald finden Konzerte in der Elbphilharmonie statt.
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Dank Stefanie Hempel wirkt der Zauber der berühmten Pilzköpfe heute noch nach. Die 39-Jährige führt ihre Gäste auf den Spuren der Fab Four, spielt ihre Hits auf der Ukulele oder Gitarre, kennt alle Anekdoten, weiß, wo die Beatles spielten, soffen und wohnten. Hempel erklärt dazu, was „wohnten“ bedeutet: Im ehemaligen Bambi-Kino in der Paul-Roosen-Straße, wo die Musiker eine Zeit lang hausten, mussten sie sich nach ihren Auftritten in der Kinotoilette waschen. „Geschlafen haben sie in einem kleinen Zimmerchen ohne Fenster, während nebenan lautstark ein Kinostreifen lief“, erzählt Hempel. Ein richtiges Rock ’n’ Roller-Leben halt.

Als Hempel neun Jahre alt war, hörte sie zum ersten Mal einen Beatles-Song auf einer Kassette ihres Vaters. Es war Liebe auf den ersten Ton, die heute noch größer ist als damals. Seit 2004 tourt die Mutter eines Sohnes durch St. Pauli, vorbei an den Beatles-Bühnen im „Indra“, „Kaiserkeller“, „Top Ten“ oder „Star Club“ (mittlerweile abgebrannt). Vorbei an jenem Polizeirevier, in dem Paul McCartney im Dezember 1960 eine Nacht verbracht hat. Und vorbei an den Silhouetten aus Edelstahl, die am Rand des Beatles-Platzes stehen. Die Figuren sollen an die Jungs aus Liverpool erinnern, die Hamburg zu einer Musikstadt gemacht haben – und das ist bis heute so.

Zugegeben, zwischendurch wurde die Stadt ihrem Ruf nicht gerecht. Zum Beispiel als große Musik-Unternehmen vor zwölf, dreizehn Jahren nach Berlin zogen, weil die Hauptstadt zu einer Art Medienmagnet wurde. Universal siedelte mit 500 Mitarbeitern aus Hamburg nach Berlin um. MTV wechselte dorthin, danach VIVA und, nach über dreißig Jahren in Hamburg, auch der Bundesverband Musikindustrie. Doch in der Zwischenzeit ist Hamburg zu seinen klingenden Wurzeln zurückgekehrt. Knapp 3500 der insgesamt 166.000 Unternehmen in Hamburg sind laut Untersuchungen der Handelskammer Hamburg im Jahr 2014 der Musikwirtschaft zuzuordnen. Die Bruttowertschöpfung dieses Wirtschaftszweigs liegt bei 638 Millionen jährlich.

Elbphilharmonie, ein Haus für alle

In Zukunft könnte diese Zahl beachtlich steigen. Denn genau in einem Monat, am 11. Jänner, öffnet die Elbphilharmonie in der „Hafencity“ ihre Türen für Konzertbesucher. Ein Haus für jedermann, das betont Bürgermeister Olaf Scholz immer wieder und spielt damit auf erschwingliche Eintrittskarten an. Denn zu lange wurde im Zusammenhang mit dem Konzerthaus über Geld gesprochen. Zur Erinnerung: Der Bau kostete 789 Millionen Euro – zehnmal mehr als geplant und das meiste davon sind Steuergelder.

Vier Silhouetten aus Edelstahl in Hamburgs Stadtteil St. Pauli erinnern an die Beatles.
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Natürlich wird es einer kulturellen Einrichtung nicht gerecht, sie allein an ihren Kosten zu messen. Konzertsäle, Plaza, Restaurants: Die Elbphilharmonie besitzt durchaus das Zeug, sich zum Hamburger Wahrzeichen aufzuschwingen. Wie lange es dauert, bis der fade Beigeschmack verschwindet, wird sich jedoch erst zeigen.

Doch vieles, das mit einem Skandal anfängt, entwickelt sich zu etwas Erfolgreichem. Womit wieder die Beatles ins Spiel kommen. „An einem Sonntag im Jahr 1962 gingen die Beatles stark angetrunken auf den Fischmarkt“, beginnt Stefanie Hempel ihre Lieblings-Anekdote ihrer Helden. „Dort kauften sie sich ein lebendiges Schwein und eine Hundeleine.“ Es braucht nicht viel Vorstellungskraft, um das Ende der Geschichte zu erahnen: Ringo, George, Paul und John führten das Schwein an der Leine durch Hamburg. „Sie nannten es Bruno, so hieß der Besitzer einiger Clubs, in denen die Beatles Konzerte gaben“, erzählt die Musikerin. Als eine ältere Dame die vier Männer mit dem Schwein sah, rief sie die Polizei. „Sie wurden wegen Tierquälerei verhaftet“, sagt Hempel, schnappt sich ihre Ukulele und singt: „Help, I need somebody. Help, not just anybody. Help, you know I need someone, help.“ (Miriam Hotter)