Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 08.07.2017


Reise

Autistin, Ärztin, Eisbrecherin

Christine Preißmann ist Psychotherapeutin mit Asperger-Syndrom. Wie das zusammenpasst und welche Hürden es für Autisten im Gesundheitswesen gibt, verrät sie im TT-Gespräch.

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© preißmann



Von Nicole Strozzi

Innsbruck – „Du bist komisch.“ Christine Preißmann weiß gar nicht, wie oft sie diesen Satz schon gehört hat. Vor 20 Jahren wusste die 47-jährige Hessin selbst noch nicht, warum sie tickt wie sie tickt. Warum sie lieber daheim blieb, als mit Studienkollegen um die Häuser zu ziehen, warum es so schwer war, einen Freund zu finden. Mit 27 Jahren endlich Klarheit: Diagnose Asperger-Syndrom.

Zum Interview erscheint die Deutsche überpünktlich. Pünktlichkeit, Struktur und Ordnung seien ihr wichtig, sagt sie. Selbst im Urlaub müsse jeder Tag durchorganisiert sein. Während Preißmann erzählt, schweift ihr Blick ab, sie tut sich schwer, ihrem Gegenüber in die Augen zu blicken.

Die Hessin ist Psychotherapeutin, Autorin – und manchmal auch komisch. „Wir Autisten sind nicht humorlos“, sagt die 47-Jährige. „Wir nehmen halt vieles wörtlich.“ Einmal kam eine wütende Kollegin zu ihr und meinte: „Ich könnte in die Luft gehen!“ Daraufhin fragte Preißmann allen Ernstes, wohin sie denn gerne in den Urlaub fliegen würde.

Preißmann erzählt diese Anekdote gerne, um das Eis zu brechen und „ihr Universum“ verständlicher zu machen. Weniger lustig sei, dass noch so viel Unwissen herrsche. Auch unter Kollegen.

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Die Therapeutin arbeitet in einer Klinik mit Drogenpatienten. Das klappt gut, weil der Tagesablauf dort strukturiert ist. Oft werde sie aber von anderen Ärzten vorgeschickt, wenn es um autistische Patienten geht. „Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen wird der Zugang zum Gesundheitswesen durch viele Hürden erschwert“, so Preißmann. In ihrem Buch „Autismus und Gesundheit“ will sie daher zeigen, wie die Zusammenarbeit gelingen kann.

Im Wartezimmer mit vielen Menschen zu sitzen, bedeute für Autisten z. B. Stress. Hilfreich wäre es, wenn der Patient per SMS eine Nachricht erhält, wann er an der Reihe ist. Oder die Untersuchung: Der Arzt müsse genau sagen, was er tut, und nicht blitzartig den Bauch abtasten. Das würde Autisten überfordern.

Viele Betroffene wissen auch nicht, wie ein gesunder Lebensstil funktioniert, welche Nahrungsmenge sie brauchen, sie kennen kein Hungergefühl oder essen viel zu viel. Und Sport sei oft so hochschwellig, das fange schon in der Schule an. „Es war ein erniedrigendes Gefühl, immer als Letzter in die Mannschaft gewählt zu werden“, sagt die Ärztin. Warum hat man nicht das Los entscheiden lassen?

Diskriminierung könne krank machen, genauso wie die Tatsache, dass gerade viele Asperger-Autisten zwar hochintelligent sind, aber keinen Job finden, weil sie als exzentrisch gelten. „Ich kenne eine kluge Frau, ihr war es nicht möglich zu studieren. Heute hat sie einen Ein-Euro-Job im Labor und damit keine Aussicht auf eine Rente“, erzählt Preißmann. Das Thema Sexualität sei sowieso ein spezielles Kapitel: Sexualunterricht komme in der Schule relativ früh vor. Für Autisten zu früh, weil sie sich in dieser Lebensphase mit anderen Themen beschäftigen. Das Interesse komme erst oft im Erwachsenenalter. Viele haben dann aber keine Kenntnisse und bräuchten Nachhilfe, etwa wie man einen Mann anspricht.

Preißmann selbst hatte eine Beziehung, mit einem Asperger-Autisten, doch die Liebe scheiterte an der Entfernung. Seit drei Jahren wohnt die Ärztin nicht mehr bei ihren Eltern, sondern in einer eigenen Wohnung. Das sei schwieriger, als sie sich vorgestellt habe. Trotzdem lebt sie ihr Leben, fährt in den Urlaub bis in die Antarktis, gibt Lesungen, wie zuletzt in Tirol. Sie sei ein glücklicher Mensch, sagt sie. Nur die Menschen im Leben fehlen. „Aber daran arbeite ich.“ Und das meint sie ernst.


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