Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 17.08.2017


Exklusiv

Bettwanzen: Der Feind in unseren Betten

Bettwanzen reisen als blinde Passagiere um die Welt. Im eigenen Schlafzimmer erweisen sie sich als zähe Mitbewohner. Immer öfter werden Hotels von den Parasiten heimgesucht.

© iStockKeinen Zentimeter groß, dafür robust wie kaum ein anderes Insekt: Bettwanzen können Monate ohne Blutnahrung überleben.



Von Kathrin Siller

Innsbruck – Ein australisches Jugendherbergenzimmer, vier Stockbetten auf engstem Raum, Übernachtungsgäste aus fünf verschiedenen Ländern. In der Früh wachen vier von ihnen mit juckenden roten Flecken an Beinen, Bäuchen und Armen auf. Auf diese oder ähnliche Art machen immer mehr Menschen Bekanntschaft mit Bettwanzen.

Galten die fünf bis acht Millimeter großen Blutsauger vor einigen Jahren noch als so gut wie ausgestorben, muss der Tiroler Schädlingsbekämpfer Mario Höller heute zwei- bis dreimal pro Woche wegen ihnen ausrücken: „Von zehn Einsätzen in Privathaushalten betreffen sechs das Thema Bettwanzen.“ Deshalb möchte sich Höller nun sogar einen Bettwanzen-Spürhund anschaffen. Etwa 12.000 Euro kostet die Ausbildung eines solchen Schnüfflers.

Die Bettwanzen fühlen sich nämlich keinesfalls nur in heruntergekommenen Herbergen wohl. Weder das Kingsize-Bett im Luxushotel noch die erste Flugzeug-Klasse oder das Matratzenlager in der Almhütte sind vor den flinken Läufern sicher.

Weil Menschen immer häufiger reisen, werden die Plagegeister auch leichter von A nach B verschleppt. Grundsätzlich sind Bettwanzen ihren Wirten und deren Schlafstätten treu. Sie verstecken sich unterm Tag hinter Bilderrahmen, im Bettgestell, zwischen Buchseiten, in Steckdosen oder unterm Lattenrost. In der Nacht rücken sie dann zum großen Festmahl aus. Erst wenn die Population zu groß wird, weichen sie auf andere Quartiere aus und können dann als blinde Passagiere in Koffern eine Weltreise antreten.

Gerhard Klosterer ist Techniker bei der Schädlingsbekämpfungsfirma Rentokil und sagt: „Auf einen Einsatz in einem Privathaushalt kommen 30 in Hotelbetrieben.“ Für den Hotelier ist die „Diagnose Bettwanze“ natürlich das Schlimmste, was passieren kann. „Denn er kommt völlig unschuldig zum Handkuss. Mit der Hygiene hat das nämlich nichts zu tun“, so Höller.

Abgesehen von den Bissen erkennt ein Opfer schnell, wenn die Wanzen die eigenen vier Wände in Beschlag genommen haben: „Blut- und Kotspuren, lebende oder tote Tiere, Häutungsreste aus den unterschiedlichen Entwicklungsstadien, Eier und – bei starkem Befall – ein süßlicher Geruch“, weiß Klosterer.

Ist ein Zimmer erst einmal in der Hand der Insekten, kommt man mit Hausmitteln oder Sprays aus dem Internet nicht mehr weiter: „Bettwanzen sind nicht mit anderen leichter zu bekämpfenden Insekten zu vergleichen, da man die Biologie, das Verhalten, die Populationsdynamik und die örtlichen Gegebenheiten ganz genau analysieren muss“, rät Klosterer von verzweifelten Selbstversuchen ab. So etwa müsse die Befallsstärke und die Ausbreitung abgeschätzt werden. Auch die Bausubstanz und die Bodenbeschaffenheit spielen eine Rolle. In holzvertäfelten Räumen sei der Aufwand etwa fünfmal höher. „Und nur weil der Gast aus Zimmer 221 Bettwanzen reklamiert hat, ist es noch lange nicht gesagt, dass hier auch der Befallsherd zu finden ist. Und da Bisse oft erst fünf bis zehn Tage später bemerkt werden, ist nicht sicher, ob dieses Zimmer überhaupt befallen ist“, verdeutlicht Klosterer die Komplexität seiner Arbeit.

Höller rückt den Insekten dann – chemiefrei – mit Hochleistungstemperaturöfen auf die Pelle. Bis zu 48 Stunden werden die befallenen Räume auf bis zu 55 Grad aufgeheizt. „Ab 45 Grad stockt Eiweiß und damit erwischen wir die Wanzen in allen Lebensstadien, auch die ein Millimeter kleinen Eier.“ Sieben davon legt ein Bettwanzenweibchen pro Tag. Zusätzlich wird eine Barriere mit einem giftfreien Wirkstoff aufgespritzt, die die vor der Hitze flüchtenden Tiere austrocknen lassen.

Es gibt aber auch Einsätze, bei denen er härtere Geschütze auffahren muss: „Neulich wurden wir in eine Einzimmerwohnung gerufen, in der sich geschätzte 20.000 Bettwanzen tummelten. Sie krabbelten am helllichten Tag herum. Die Bewohnerin meinte, sie habe keine Bisse. Der Hund aber hat mir leid getan“, schaudert Höller noch Tage später. Von den Gardinen habe es nach der chemischen Behandlung schwarz heruntergeregnet.

Jedes Hotelzimmer aber panisch auf das Ungeziefer zu durchforsten, halten die Experten nicht für angebracht. Davon lassen sich jene Menschen, die in Internetforen von ihrem „Bettwanzenmanagement“ berichten, nicht beruhigen: Sie parken ihre Taschen zur Sicherheit im Hotel-Badezimmer und lassen sie nach der Heimkehr in der Sauna durchheizen. Im Badezimmer fühlen sich die Wanzen übrigens aufgrund der glatten Oberflächen und der Feuchtigkeit wirklich unwohl.

Insgesamt sind sie aber genügsam und zäh: Sie können nämlich sogar ohne regelmäßige Blut-Snacks bis zu einem Dreivierteljahr überleben.