Letztes Update am So, 29.10.2017 11:05

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Reise ins „morbide“ Wien: Wo der Tod sich nicht versteckt

Der Tod gehört zum Leben, vor allem aber gehört er zu Wien. Die Hauptstadt hat ein besonderes Verhältnis zum Sterben. Ein Streifzug vom Zentralfriedhof über den Prater bis ins Kriminalmuseum.

© APADas Falco-Grab auf dem Zentralfriedhof.



Wien – Als Erstes sieht man eigentlich nur Gräber. Wer mit dem Flieger nach Wien reist und vom Flughafen ins Zentrum fährt, passiert einen der größten Friedhöfe Europas. Drei Millionen Tote liegen auf dem Zentralfriedhof im südöstlichen Stadtteil Simmering – er ist so groß, dass Touristen dort Fiaker-Rundfahrten machen können. 80 Kilometer messen die Wege, es gibt Bushaltestellen. Etwa 1000 Promi-Gräber mit Musikern, Schriftstellern oder Politikern zählt die Ruhestätte.

Eine Grusel-Tour kommt nicht ohne eine Geisterbahnfahrt im Prater aus.
- iStockphoto

Am Grab von Falco, der Johann Hans Hölzel hieß und 1998 in der Dominikanischen Republik im Koksrausch mit einem Bus zusammenprallte, machen zwei Fans schon an einem kalten Montagvormittag Fotos. Das Grab hat die Form einer durchgebrochenen CD und zeigt Falco in einem schwarzen Umhang. „Muss ich denn sterben, um zu leben?“, sang der Künstler, und man möchte ihm antworten: Ja, in Wien vielleicht schon.

Die Bewohner der Hauptstadt haben ein spezielles Verhältnis zum Tod. Eine Beerdigung war früher ein Großereignis – pompös musste­ es werden, am besten sollte die ganze Stadt zusehen. Manche Menschen sparten ihr Leben lang für ihr Begräbnis.

„Time to Say Goodbye“

Seit 1967 gibt es ein Bestattungsmuseum, es liegt heute auf dem Zentralfriedhof. In einer früheren Aufbahrungshalle sind Särge, Urnen oder Totengewänder zu sehen. Besucher können die beliebtesten Beerdigungslieder der Wiener anhören. Platz 1: Time to Say Goodbye, Platz 2: Ave Maria (von Bach), Platz 3: Ave Maria (von Schubert).

Der Zentralfriedhof beherbergt das Bestattungsmuseum.
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Auch die Innenstadt, das Zentrum Wiens, ist ein einziger „Friedhof“. Die Innenstadt ist von Grüften und Katakomben durchzogen. Die Michaelergruft etwa liegt unterhalb der Michaelerkirche gegenüber der Hofburg, dem Sitz des Bundespräsidenten. In dem engen, dunklen Kellergewölbe ist es kalt, manche der Särge sind geöffnet. Der Besucher schaut auf mumifizierte Leichen, deren Perücken teils noch zu sehen sind.

„Ist der Mozart auch hier unten?“, will ein kleiner Bub wissen. „Na, aber sein Schwiegervater“, sagt der Führer. Wo die Reste des Mannes sind, weiß keiner. Totenbücher geben zwar Aufschluss, wer in der Gruft liegt, die Särge selbst sind aber nicht mit Namen versehen.

Keinen Zweifel gibt es, wer in der Kapuzinergruft liegt: Wiens wohl berühmteste Gruft unterhalb eines schlichten Klosters beherbergt die Gebeine der Habsburger, die vom 12. Jahrhundert bis zum Ende der Monarchie 1918 regierten. 149 von ihnen finden sich in aufwändig verzierten Särgen. Tanja Dolnak, die mit ihrem Pagenschnitt und Seidenschal auch Luxusmode in der Innenstadt verkaufen könnte, konzentriert sich beim Rundgang durch die ausgeleuchtete Gruft auf die wichtigsten Herrscher und lässt auch die Ruhestätte von Österreichs berühmtester Kaiserin Sisi nicht aus. Frische Blumen liegen vor dem Sarg, Selfies macht niemand.

Die Särge von Kaiser Franz Joseph I. und Sisi sieht man in der Kapuzinergruft.
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Bilder, die nicht jeder aushält

Drastische Bilder finden sich dafür im Kriminalmuseum, das abseits der Touristenströme in einem unscheinbaren Wohnhaus in der ruhigen Leopoldstadt untergebracht ist. Hier stellt die Stadt Folterwerkzeuge und Tatwaffen aus und illustriert die schauerlichsten Morde – teils mit Original-Leichenfotos. Das muss man aushalten können.

Der Prater, Wiens großer Vergnügungspark, ist nur auf den ersten Blick das Gegenteil von Trübsinn. Aber auch hier kann es ganz schön bedrückend sein. An einem kühlen Herbsttag ist das Areal fast menschenleer, die kahlen Bäume rund um die Fahrgeschäfte, von denen die Hälfte Geisterbahnen sind, verleihen ihnen etwas Tristes. „Rechts a Gspenst, links a Gspenst!“, scheppert es aus den Lautsprechern, und es könnte jetzt gut auch das Jahr 1970 sein.

„Die Geisterbahnen waren das Größte für uns“, erzählt Karl Kalisch, ein 86 Jahre alter Österreicher, der seit Jahrzehnten mit seiner 71 Jahre alten Frau Gertraud in Wien lebt. Kalisch erzählt außerdem gerne vom „Friedhof der Namenlosen“, draußen am südöstlichen Stadtrand, am Alberner Hafen. Es ist die letzte Ruhestätte für Selbstmörder, die keiner identifiziert oder Menschen ohne Angehörige. „Das gibt es doch in anderen Städten nicht“, ist er sich sicher. Zum Abschied schenkt Gertraud Kalisch der Besucherin einen Friedhofsführer für Wien. Wie passend. (APA, dpa)