Letztes Update am Fr, 03.11.2017 12:19

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Ravenna: Steinreiches Paradies für Pixel-Fans

Einst Hauptstadt des Römischen Reiches ist Ravenna heute Metropole der Mosaike. Zu bewundern sind einzigartige spätantike Kunstwerke ebenso wie moderne Ateliers. Und wer will, kann sogar einen Mosaik-Kurs absolvieren.

© iStockIm Mausoleum Galla Pacidia bekommen Besucher einen steifen Nacken, weil sie staunend an die Decke schauen.



Von Stephan Brünjes

Diese Adria-Stadt verdreht jedem Gast den Kopf! Nicht, weil Ravenna eine Liebe auf den ersten Blick wäre, dafür flirrt zu wenig Dolce-Vita-Flair durchs akkurate, beige bis rostrot aufgehübschte Altstadtgassen-Trapez, wo manche schöne Piazza unschön zugeparkt ist. Nein, fürs Kopfverdrehen sorgen Ravennas Kirchen- und Gewölbe-Decken, Rundbögen und Arkaden, auf die alle Besucherblicke wie Suchscheinwerfer gerichtet sind, steil nach oben, um unter erheblicher Nackensteife-Gefahr die dort zu besichtigenden Monumental-Mosaike abzuscannen.

Bibelszenen und „Familienfotos“ byzantinischer Kaiserhöfe zumeist, als Pixel-Puzzle aus Millionen Fingernagel-kleinen Steinen gefertigt – am prächtigsten in der Basilika San Vitale und im angrenzenden Mausoleum Galla Placidia. Beide aus dem 5. und 6. Jahrhundert, als Ravenna Hauptstadt des Römischen Reiches war.

Rund um die Piazza del Popolo erreicht man die vielen Kirchen und Höfe mit den beeindruckenden Gewölben.
- iStock

Von Bilderstürmern späterer Jahrhunderte und Weltkriegsbomben wurden diese einzigartigen Unesco-Weltkulturerbe-Schätze verschont, weil die heute 154.000 Einwohner zählende Stadt meist abseits großer Kriegsschauplätze lag. Daher sind Ravennas Mosaike so vollständig und vielfältig erhalten wie sonst wohl nirgendwo. Erinnerungen daran begegnen einem sogar zwischen aktueller Sommermode in der „Max Mara“-Boutique. Jedenfalls, wenn man mit der hier lebenden deutschen Künstlerin und Mosaik-Restauratorin Almuth Schöps nach Steinchen-Bildern fahndet: „Diese Ausbuchtung in der Boutique war früher die Apsis einer Kirche aus dem 6. Jahrhundert“, erklärt sie. Später entweiht wurde das Gotteshaus zur Fischhalle. Wesentliche Teile des Mosaiks sind im Auftrag des deutschen Kaisers gekauft worden und bis heute im Berliner Bode-Museum zu sehen.

Ein verantwortungsvoller Job

Die gebürtige Hamburgerin Schöps kennt die Geschichte genau, hat ein Buch darüber geschrieben. Und auch andere Mosaike, wie die entrückten Pausbacken-Engel in der Basilika San Vitale, holt sie ganz nah ran – mit ihren kundig-unterhaltsamen Erzählungen: „Da oben bei den Füßen des Engels begann mein erster Arbeitstag als Restauratorin – ich war irrsinnig aufgeregt!“ Kein Wunder, durfte sie doch eines der wertvollsten Mosaike weltweit ausbessern und konservieren – fünf Jahre lang dauerte das, hoch oben auf einem wackeligen Gerüst, stets hin und hergerissen zwischen großer Arbeitsfreude und ebenso großer Angst, dass einzelne Steine auf Nimmerwiedersehen ins Gerüst oder – schlimmer noch – in die Kirche purzeln.

Moderne Mosaike. Figuren aus dem Computerspiel "Space Invaders" kleben an vielen Hausfassaden verteilt über die Stadt.
- Bruenjes

Im Nu beamt Almuth Schöps ihre Gäste aus dem 6. Jahrhundert ins Hier und Jetzt – geradewegs ins Atelier ihres Mosaik-Künstlerkollegen Luca Barberini. An den Wänden zottelige Mangas, Schlachtengetümmel-Bilder und eine raumhohe stilisierte Hochhausfassade mit Alltagsszenen in jedem postkartengroßen Fenster – ein streitendes Paar, ein Zimmer mit Weihnachtsbaum oder ein Stillleben aus Blumen – alle mit Fingerspitzen komponiert aus bunten Steinchen: Luca – der Pop-Artist unter Ravennas Mosaizisten gewährt mit Partnerin Ariana Gallo Einblicke in seine Werkstatt „Koko“ – bietet pfiffige Unikate ab 50 Euro und Tages-Schnupperkurse ab 150 Euro. Hier kopiert man als Quasi-Kunstfälscher ein antikes Blumenvorbild, zerhackt dafür mit dem „Martellina“ (Hammer) auf dem „Ceppo“ (Holzbock) Stein- oder Glasstreifen in Mosaikstücke und drückt sie in elastische Kalkmasse.

Wer gleich eine Woche Steinchen-Puzzle legen und Grundlagen der Mosaik-Bildgestaltung wie den „Goldenen Schnitt“ lernen will, ist bei Luciana Notturni richtig, eine Straße weiter: Nach einer Art „Malen-nach-Zahlen-Phase“ (Durchpausen der antiken Bildvorlage Linie für Linie mit Bleistift auf Butterbrotpapier und Übertragen der Linien auf die Knetmasse) unterhalten sich die Teilnehmer bald in Geheimsprache, wenn’s an die Mosaiksteinchen geht: Ob noch C24 oder S6 da sei, möchte Dario wissen. Übersetzt: Er sucht welche in Creme-Weiß und Aubergine.

Versteinerte Blicke

Mit oder ohne Pixel-Puzzle-Kurs – Ravenna-Besucher bekommen nach einigen Tagen unweigerlich den „versteinerten“ Blick, sehen plötzlich überall Mosaike.

Im MAR-Museum hängt dieses Mosaik von Ariana Galla.
- Bruenjes

Sie sind eingearbeitet in die bunten Straßenschilder, an Blumenkübeln in der Fußgängerzone, ins Sparkassen-Logo, den Torbogen der Via Cavour Nr.85 und das Pflaster der Via Matteotti. Die simpelsten Motive aber kleben an 40 Hausfassaden: Figuren des Computerspiels „Space Invaders“ aus Küchenfliesen – umstrittene Street Art des Pariser Künstlers „Invader“, zu sehen etwa am Haus Via di Roma 59 und Via Boccaccio 2. Mit diesem modernen, öffentlichen Mosaikmix gewinnt Ravennas Stadtbild eine ganz eigene Note und bietet beim Stadtbummel pfiffige „Ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“-Momente.

Der Blick geht auch zum Boden

Das ganze Abenteuer der Mosaike – Tutta l’Avventura del Mosaico, kurz TAMO – verspricht das gleichnamige Museum und lohnt den Besuch wirklich. Erstens, weil hier mal keine Nackenstarre droht – dank permanentem Blick nach unten auf riesige, fast 2000 Jahre alte Bodenmosaike aus römischen Villen. Und zweitens, weil sehr plastisch erklärt wird, auf welchen ausgeklügelten, mehrschichtigen Fundamenten diese XXL-Fußbodenbilder ruhen.

Almuth Schöps möchte zum Schluss gerne noch Ravennas zweites Museum mit großer Mosaik-Ausstellung zeigen, das Museo d’Arte della città di Ravenna (MAR). Entlang seiner Ausstellungsstücke bietet es eine Zeitreise durch verschiedene Mosaik-Epochen der Stadt, endend in der Gegenwart bei aus der Wand guckenden Einhörnern, großformatigen Mosaik-Comics und Steinchen-Wimmelbildern sowie einem mannshohen, goldglitzernden Strohballen vorm Eingang.

Und dann ist da noch ein Bild, gut einen Quadratmeter groß, bestehend aus einem schmalen unteren Rand weißer, beiger und grauer Mosaiksteine mit großem, stellenweise etwas welligem grauem Blech darüber. Rätselraten bei den Besuchern: ein schmaler Strand vielleicht mit grauem Meer davor? Oder ein Streifen Land mit grauem Regenhimmel darüber? Amüsiert beobachtet Almuth Schöps das Kopfzerbrechen und sagt: „Genau das wollte die Künstlerin erreichen. Das Bild heißt „Windstill“ und ist übrigens von mir …“

Informationen zu Ravenna

Anreise: Lufthansa sowie Ryan Air fliegen zum nächstgelegenen, größeren Flughafen Bologna. Von dort ist Ravenna per Bus oder Mietwagen in einer Stunde erreichbar.

Übernachten: Für italienische Verhältnisse üppiges Frühstück im grünen Innenhof mit Springbrunnen, etwas angeplüschte Zimmer – die perfekt deutschsprechende Nunzia Paci führt mit dem Hotel S. Andrea ein Altstadt-Kleinod (Via Carlo Cattaneo 33, www.santandreahotel.com ; DZ/F ab 90 €).

Erleben: Anfragen zu Touren nimmt Almuth Schöps an unter info@almuthschoeps.com oder Tel.: +49 173 6328030. Infos zum Koko und seinen Kursen unter www.kokomosaico.com , zu denen von Luciana Notturni unter www.mosaicschool.com

Infos zu den Museen unter www.mar.ra.it und www.tamoravenna.it




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