Letztes Update am Fr, 26.01.2018 08:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Bhutan: Im heiligen Land des Glücks

Gigantische Täler, atemberaubende Klöster, schrill-bunte Tempelfeste und sagenhaft freundliche Menschen – in Bhutan kümmert sich der König persönlich um das Glücksgefühl seines Volkes.

© KatzAtemberaubend klebt das Tigernest-Kloster an der Felswand über dem Paro-Tal.



Von Martina Katz

Thinley Wangmo steigt die zehn Stufen einer Holzleiter zu ihren Wohnräumen empor. Die studierte Bauerntochter mit dem schwarzen Zopf streift die Schuhe ab, schiebt die Ärmel der blauen Wolljacke bis zu den Ellenbogen hoch und nimmt eine Schüssel mit geröstetem Reis aus der Kochecke.

Thinley Wangmo serviert ihren Gästen, Mönchen aus der Hauptstadt Paro,
gerösteten Reis.
- Katz

Sie stellt sie auf einen klobigen, drei Meter langen Holztisch, der den dunklen Hauptraum ausfüllt. Dort sitzt der 80-jährige Großvater Nudrup in knielangem Wickelmantel und schwarzen Kniestrümpfen, der Gho-Tracht. Daneben sein kleiner Enkel. Sie trinken Kuh-Buttertee aus Tonschälchen und lauschen dem Gemurmel und der schrägen Blasmusik aus dem Nebenzimmer. „Wir haben Mönche aus Paro eingeladen, um für eine gute Ernte zu beten“, sagt Thinley in perfektem Englisch. Die 30-jährige Bhutanerin blickt zu den sechs Geistlichen in den roten Roben, die auf Kissen am Boden hocken und unermüdlich in die zwei Meter lange Dung blasen, eine Trompetenart, deren Ende auf den Boden gelegt wird.

Paro, im Westen des Königreichs, ist die meistbesuchte Provinzhauptstadt in Bhutan. Der einzige internationale Flughafen des Landes begrüßt dort jährlich rund 140.000 Besucher mit einem „Welcome to the Land of Gross National Happiness“-Schild. Umgeben von endlosen Reisfeldern schmiegt sich die Stadt am gleichnamigen Fluss an die grünen Berge. Weiß getünchte Häuser mit kunstvoll verzierten Holzfenstern reihen sich an der Hauptstraße aneinander.Darin traditionelle Souvenirläden, Restaurants, eine Bank. Männer in Gho-Tracht und Frauen in der Kira, einem knöchellangen Wickelkleid, schwatzen auf dem Fußweg.

Nur ab und zu fährt ein Auto vorbei. Seit den 60er-Jahren ist Paro durch eine Straße mit Indien verbunden, eine Ampel sucht man – wie im gesamten Land – vergeblich. Vielmehr gleicht das Zentrum einem gemütlichen Dorfkern. Im Tal trocknen derweil Chilischoten auf den Dächern, Phallussymbole prangen an Hausfassaden – als Schutz vor Geistern und Dämonen.

Wie an den Felsen geklebt

„Der heiligste Ort unseres Landes ist das Tigernest Kloster“, sagt Thinley, während sie von dem Buttertee nachschenkt.

Jeder gläubige Buddhist besucht es regelmäßig. Wie an die Felswand geklebt thront Taktshang Lakhang auf über 3000 Metern Höhe in den Bergen des Himalajas. Nur eine Piste führt hinauf, rechts der Fels, links der Abgrund, an der einen oder anderen Gebetsmühle und an manchem atemberaubenden Aussichtspunkt vorbei. Pinienwald bedeckt die Berge mit einem grünen Schleier.

Moose hängen wie Lametta von den Zweigen, zwischen den Stämmen wehen Gebetsfahnen. Zahlreiche Legenden ranken sich um das Kloster: dass es seinen Namen Guru Rinpoche verdanke, der vor rund einem Jahrtausend auf dem Rücken eines Tigers zu den damaligen Höhlen gelangt sein soll, um zu meditieren. Und, dass Engelshaare die Gebäude in den Felsen halten. Denn als das Kloster vor 300 Jahren gebaut wurde, wurde kein einziger Nagel verwendet.

Tausende Einheimnische pilgern jedes Jahr zum Tashichho-Dzong-Klosterfest in Thimphu.
- Katz

Bei Kinderwunsch ins Kloster

Legenden sind verbreitet in Bhutan. Zwischen den Ortschaften Punakha und Wangdue Phodrang, weiter im Osten des Landes, zieht es die Einheimischen in den Chimi Lhakhang. Schon im 16. Jahrhundert galt das Kloster als Fruchtbarkeitstempel. Lama Drukpa Kunley, der auch als verrückter Heiliger bekannt ist, soll dort den Buddhismus mit unorthodoxen Methoden gelehrt, über Frauen und Sexualität gesprochen haben. Noch heute spazieren Bhutanerinnen mit Kinderwunsch durch die weiten Reisfelder den Hügel hinauf, um sich mit einem Holzphallus segnen zu lassen.

In Thimphu, Bhutans Hauptstadt, gehört Musik einmal im Jahr zu einem Großereignis. Dann ist die einzige richtige Stadt des Landes wie leergefegt, die zweispurige Hauptstraße verwaist, die Mehrfamilienhäuser sind wie unbewohnt. Nur am Abend herrscht Trubel auf dem Markt, denn tagsüber bestaunen Tausende Männer, Frauen und Kinder, gekleidet in den schönsten Trachten, mit Gebetsketten und -mühlen in den Händen, die religiösen Maskentänze im Tashichoe Dzong, der eindrucksvollsten buddhistischen Klosterfestung des Landes. Drei Tage dauert das Tempelfest auf dem Platz des Regierungssitzes.

Auch außerhalb des Festes ist die Stadt bei vielen Bhutanern beliebt. Gerade die Jungen mögen nicht mehr auf dem Feld arbeiten, wollen in einem Apartment wohnen und am modernen Leben teilhaben. Und so wächst Thimphu stetig. Da hilft es auch nichts, dass sich König Jigme Khesar Namgyel Wangchuck um die Landbevölkerung und mit einer extra einberufenen Kommission um das Bruttonationalglück kümmert.

Die Tänzer beim Klosterfest treten in den farbenprächtigsten Trachten auf.
- Katz

Zwar ist Bhutan das erste Land weltweit, in dem Tabakkonsum verboten und das Tragen der Nationaltracht zu offiziellen Anlässen obligatorisch ist. Doch der 35-jährige Monarch reist durch seine 20 Provinzen, befragt dort die Menschen danach, wie glücklich sie sind und unterstützt dann Arbeitslose, Rentner und Bedürftige aus einem Fonds.

Sieg über den Terrorismus

„Ich bin glücklich auf dem Land“, sagt Jsoma Jsing. Die 36-Jährige verkauft Äpfel aus ihrem Garten am Dochula Pass, der Punakha und Thimphu über die einzige Ost-West-Straße im Zentrum Bhutans verbindet. Jeden Tag von Montag bis Sonntag kommt sie an ihren Verkaufsstand. Ein paar Meter weiter recken sich 108 schneeweiße Chörten in den Himmel. Die Königinmutter ließ die buddhistischen Bauten vor gut zehn Jahren errichten – als Erinnerung an den Sieg über terroristische Eindringlinge aus dem indischen Assam. „Die Chörten stellen die 108 Stufen zur Erleuchtung dar und bieten dazu eine grandiose Aussicht bis zu den Bergen des Himalayas, vorausgesetzt das Wetter spielt hier auf 3100 Metern Höhe mit“, sagt Jsoma lächelnd und zieht die blaue Wolljacke enger um den Körper.

Informationen zu Bhutan

Reiseplanung: KLM/Air France fliegt ab Innsbruck über Paris nach Delhi (ab 465 Euro, www.klm.com ). Turkish Airlines ab Salzburg über Istanbul (ab 587 Euro, www.turkishairlines.com ). Weiter nach Bhutan dürfen bislang nur Druk und Bhutan Air fliegen.




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