Letztes Update am Fr, 02.02.2018 15:45

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Zeitreise entlang einer berühmten Weinstraße

Von schwedischen Truppen bedrängt, von bayerischen Landsknechten überrannt, von französischen Truppen überfallen – wie dramatisch war doch die Vergangenheit Tirols; genauso wie jene des Elsass.

© FuiszIn Mulhouse beeindrucken Bauwerke wie das Rathaus mit prächtigen Renaissancefassaden.



Von Stefan Fuisz

Tatsächlich gleicht die Geschichte des Elsass über viele Jahrhunderte hinweg jener Tirols und dementsprechend spannend sind auch die Spuren der Vergangenheit. Auch die Mentalität der Elsässer ist jener der Tiroler verwandt: Das Verschachern von Landesteilen hinterlässt einfach Furchen in den Köpfen. Und so wie uns Tiroler eine bedingungslose Freundschaft mit Südtirol verbindet, fühlen sich die Elsässer – mit Vorbehalten – den Deutschen verbunden, aber auch den Franzosen, zu denen sie seit 1945 wieder einmal (und vorerst wieder einmal endgültig) gehören. Nur noch ein Vergleich mit Tirol, bevor wir die Reise ins Elsass antreten: Frankreichs östliches Département „Nieder- und Ober-Rhein“ ist ungefähr so groß wie Nordtirol – klein genug also, um auch in wenigen Urlaubstagen viele Eindrücke sammeln zu können.

Nördlich von Colmar thront mit der Hochkönigsburg eine Festungsanlage aus dem Mittelalter über dem Rheintal.
- Fuisz

Wenn man nach vier bis fünf Stunden Autofahrt ab Innsbruck nördlich von Basel die Grenze ins Elsass überquert, merkt man das kaum. Das ist nicht weiter peinlich. Selbst Franzosen haben bis zur Einführung des Euro im Elsass oft genug gefragt, ob man hier auch mit französischen Franc bezahlen könne. Auch die Schilder am Straßenrand signalisieren Weltoffenheit: Abwechselnd oder auch vereint auf einem Wegweiser wird man nach Mulhouse, Mühlhausen oder Milhusa gelenkt – der 110.000 Einwohner zählenden Großstadt im Süden des Elsass.

Mulhouse ist eine pulsierende Universitätsstadt, die als Wegbereiter der industriellen Revolution in Frankreich gilt. Automobilfabriken, chemische Industrie, Elektronik-Konzerne und Maschinenbauer sorgen als Nachfolger der Textilindustrie für Wohlstand. Die abgewirtschaftete Textilindustrie wiederum war es, die mit ihrem Untergang die Tür zur Geschichte und Kultur des Elsass öffnet: Eine alte Baumwollspinnerei ist heute ein Kulturzentrum und unter anderem Heimat der Philharmoniker und der Rheinoper. Und die einstige Wollspinnerei der Brüder Schlumpf beheimatet heute mit der Cité de l’Automobile – der Stadt der Automobile – das größte Automobilmuseum der Welt.

Mulhouse ist die Heimat des größten Automobilmuseums der Welt.
- Fuisz

Die Leidenschaft der Schlumpfs

Fritz und Hans Schlumpf fuhren mit ihrer Autoleidenschaft ihre Fabrik mit 2000 Arbeitern seinerzeit in nur knapp 20 Jahren an die Wand. Während die Schlumpfs 1976 unter Schimpf und Schande – und unter Polizeischutz – in die Schweiz flüchteten, formierten sich die Retter von knapp 500 historischen Autos, von denen heute mehr als 300 bereits restaurierte Gefährte zu sehen sind. Stellvertretend sei hier nur ein Exemplar herausgehoben: Mit dem ausgestellten Alfa Romeo 8C 2,9A gewann Carlo Maria Pintacuda 1937 die legendäre Mille Miglia – das Rennen von Brescia nach Rom und zurück –, und das, obwohl während der letzten Nachtstunden zur Zieleinfahrt die gesamte Lichtanlage ausfiel. Von diesem Auto wurden nur knapp drei Dutzend gebaut. Heute zählen die wenigen verbliebenen Alfa Romeo 8C zu den teuersten Oldtimern der Welt.

Sehenswert ist natürlich die gesamte Stadt, die sich um die Oberstadt mit Bauwerken aus dem 13. Jahrhundert gruppiert: Renaissancefassaden – zum Beispiel am alten Rathaus –, Villenviertel, Arbeitersiedlungen und zeitgenössische Bauwerke, wie der 112 Meter hohe Europaturm, öffnen den Blick für Geschichte, aber auch für die Gegenwart: Mulhouse hat Herz und Hirn für die Straßenkunst: Graffiti-Künstler sind willkommen, Straßenmaler dürfen sich ungehindert breit machen und die Aktionskunst des Franzosen Clet Abraham hat schon Nachahmer gefunden.Abraham hat Anfang des Jahres 2017 Straßen-Verkehrszeichen mit kleinen Männchen aufgepeppt. Aus einem nüchternen „Einfahrt verboten“-Schild wurde mit wenig Aufwand ein schwer schleppender Bauarbeiter. Schandtat oder Kunst – auf jeden Fall ein Beitrag für ein lebenswertes Mulhouse, wozu übrigens auch die Straßenbahn zählt: Außerhalb des Zentrums sind zwei Drittel der viele Kilometer langen Schienen als so genannte Rasengleise verlegt. Da liegen zwei Gleise mitten auf einer grünen Wiese.

Zwei Tage sollten reichen, um einen ganz guten Eindruck von Mulhouse zu bekommen – und endlich noch tiefer ins Mittelalter einzutauchen: Entlang des Rheins im Osten oder am Fuß der Vogesen im Westen erreicht man nach rund 55 Kilometern Colmar – eine Hochburg mittelalterlicher spitzgiebeliger Fachwerkhäuser. Um 800 gegründet, drohte der Stadt zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert mehrmals der Untergang: Im 30-jährigen Krieg plünderten und zündelten die Schweden, dann eroberten Franzosen die Stadt, bevor schließlich auch noch die Deutschen einmarschierten.

Das kleine Venedig

Eigentlich ein Wunder, dass so viel der alten Bausubstanz erhalten geblieben ist, die heute den Reiz der Stadt am kleinen Flüsschen Itz ausmacht. Ein Flüsschen, dessen Verbauung einem Stadtteil den Namen „La petite Venice“ – das kleine Venedig – eingetragen hat. Ein Ort der Ruhe – und des Genusses: Hier kann man auf kleinen Terrassen über dem Flussbett hervorragend Zeit vertrödeln und dabei zum Beispiel den berühmten Elsässer Flamkuchen verkosten. Dieser Flamkuchen – die deutsch-französische Antwort auf Italiens Pizza – ist allerdings nicht die einzige kulinarische Spezialität der Region. Der Grafiker, Schriftsteller und Illustrator – und gebürtige Elsässer – Tomi Ungerer meint über die Küche seiner Heimat: „Im Elsass esse ich am liebsten Leberwurst. Schließlich sind wir Teil des alemannischen Wurstgürtels, der im Elsass mit der Leberwurst beginnt und über die Zürcher Bratwurst bis hin zu den Weißwürsten in München reicht.“

"La petite Venice", das kleine Venedig in Colmar.
- Fuisz

Stichwort „berühmte Söhne und Töchter“ der Region: Der neunfache Rallye-Weltmeister Sebastian Loeb stammt aus dem Elsass, genauso wie der Arzt, Theologe und Nobelpreisträger Albert Schweitzer oder Anna Maria Grosholz, die unter dem Namen Madame Tussaud mit ihren Wachsfiguren-Kabinetts Weltruhm erlangte. Und weil wir gerade in Colmar sind: Dem berühmtesten Sohn der Stadt, Frédéric-Auguste Bartholdi, dem Erbauer der New Yorker Freiheitsstatue, wurde hier ein eigenes Museum gewidmet.

Colmar ist zudem ein idealer Startort für Ausflüge in die Umgebung. Die Elsässische Weinstraße ist jeden Kilometer Fahrt wert und in den kleinen Städten erlebt man, was der Begriff Mittelalter reloaded beschreibt: uralte Steinhäuser, Fachwerkbauten, alte Handwerksschilder, kleine Läden, und das Ganze fast schon kitschig verziert mit üppigem Blumenschmuck. Wer mit dem Auto unterwegs ist, kann übrigens ohne Weiteres auf Straßenkarte und Navi verzichten: Wer die Weinstraße nordwestlich von Colmar erkundet, braucht sich nur von „-wihr“ zu „-wihr“ zu hangeln: Niedermohrschwihr, Ammerschwihr, Bennwihr und Riquewihr sind lohnende Ziele. Ähnlich die Orientierung nach Südwesten: Hier geht’s von „-heim“ zu „-heim“: Wintzenheim, Wettolsheim, Euguisheim und Herrlisheim locken.

Heißer Tipp: Eguisheim ist durch den kreisförmigen Aufbau seiner Altstadt besonders attraktiv. Und es ist zudem auch wegen seines Blumenschmucks mehrfach europaweit ausgezeichnet. Besonders intensiv ist die Erkundung der Gegend mit einem Fahrrad; aber Vorsicht, der Begriff Weinberge beinhaltet das Wort „Berg“ – und ein bisschen Kondition (oder ein E-Bike) sollte man schon haben.

Wenn man Mulhouse zwei Urlaubstage spendiert hat, können es in und um Colmar ohne Weiteres doppelt so viele sein – bevor die Reise weiter nach Norden, in die rund 75 Kilometer entfernte Hauptstadt der Region, nach Straßburg, geht. Eine gemütliche Tagesetappe, auch wenn man einen Ausflug in die Hochkönigsburg einbaut. 30 Kilometer nördlich von Colmar thront dieses Musterbeispiel einer mus­tergültig restaurierten Burg aus dem Mittelalter 600 Höhenmeter über dem Rheintal. Im 12. Jahrhundert von den Staufern erbaut, wurde die Anlage im 15. Jahrhundert von Raubrittern schwer beschädigt und während des 30-jährigen Krieges von schwedischen Truppen niedergebrannt. Der Wiederaufbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts gilt als eine der Meisterleistungen einfühlsamer Rekonstruktionen. Heute wird das Nationaldenkmal von Touristen belagert: Statt mit dem eigenen Auto zum kleinen Parkplatz unter der Burg zu fahren, empfiehlt es sich, einen Pendlerbus (zum Beispiel von Kintzheim aus) zu benützen.

Die einst überdachten Brücken zwischen den Wehrtürmen an den fünf Kanälen in Straßburg.
- Fuisz

So klein und doch so groß

Überwältigend. Alt. Modern. Spektakulär. Verspielt. Nach Straßburg könnte man auswandern. Wenn man an den gedeckten Brücken über die fünf Kanäle vorbei durch die Altstadt schlendert, durch das „La petite France“ bis zum Straßburger Münster, kann man sich nicht vorstellen, dass diese kleine Stadt Heimat von 280.000 Menschen ist. Wenn man dagegen das moderne Straßburg besichtigt, mit seinem Europäischen Parlament und dem Europäischen Gerichtshof erfährt man, dass diese kleine doch eine große Stadt ist.

Eine Stadt mit viel Leben, mit Märkten, auf denen kulinarische Spezialitäten der Region angeboten werden, mit etlichen Kunstaktionen – wie etwa den regelmäßigen Lichtshows am Münster – und mit kilometerlangen Wasserstraßen in und um Straßburg. Kanäle übrigens, die nicht nur der Schifffahrt dienen: Entlang dieser Kanäle, die oft genug von Alleen gesäumt sind, locken Radwege, auf denen man bis weit nach Frankreich hineinkommt – über den Rhein-Rhone-Kanal zum Beispiel, oder über den Rhein-Marne-Kanal. Aber das ist eine andere Geschichte.




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