Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 25.04.2018


Interrail

Europas Jugend kommt zum Zug

Per Bahn den Horizont zu erweitern, boomt bei jungen Menschen: Die EU will heuer möglichst vielen 18-Jährigen Interrail-Tickets spendieren. Wie die Vergabe funktioniert, steht aber noch nicht fest.

© iStock(Symbolfoto)



Von Philipp Schwartze

Innsbruck – Mit riesigen Rucksäcken bepackte junge Menschen sitzen auf dem Bahnsteig oder stehen vor den Anzeigetafeln in den Bahnhofshallen. Im Internet werden zahlreiche Fotos unter dem Hashtag #Interrail veröffentlicht: Interrail-Reisen sind auch in Zeiten von Billigfliegern und Fernbussen aktuell, boomen gar wieder.

Die Europäische Union will dazu beitragen und allen 18-Jährigen heuer die Chance auf einen Gratis-Interrailpass geben. Initiiert wurde das Projekt vor zwei Jahren vom deutschen EU-Abgeordneten Manfred Weber. Nach einer Absage im vergangenen Jahr wurden von der EU-Kommission dafür jetzt zwölf Millionen Euro im Budget 2018 vorgesehen. Viele deutsche und österreichische Promis hatten einen offenen Brief an die EU geschrieben, um sich für dieses Projekt starkzumachen.

Das Ziel: junge Menschen durch die Begegnung mit anderen Europäern zusammenbringen, ihnen die europäische Identität vermitteln.

Seit der Interrail-Gründung 1972 sind jährlich zwischen 100.000 (2005) und 370.000 (1980er) mit dem ursprünglich als Werbegag geplanten Ticket durch Europa gereist. Nach einem Tief nimmt diese Art des Reisens wieder zu, knapp 300.000 nutzen das Angebot laut EU jährlich.

Unter ihnen war auch Manuel Kometer aus Aldrans. „Vor drei Jahren war ich gemeinsam mit meiner Freundin drei Wochen auf einem Interrail-Trip“, sagt der 24-Jährige. Es sei die einfachste und günstigste Lösung gewesen, viele Städte und Orte in einem Urlaub zu erkunden – Berlin, Hamburg, Amsterdam, Brüssel, Paris und Zürich sind es letztlich geworden, denn einen festen Plan braucht es nicht: „Das Tolle an Interrail ist, dass man, bis auf die Ticketdauer, völlig unabhängig ist.“

Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien sieht hier einen großen Vorteil dieser Reiseart – verglichen mit Billigfliegern. „Wenn etwas nicht klappt, setzt man sich einfach in den Zug und fährt woanders hin“, sagt er. Von langen Wartezeiten vor Sicherheitskontrollen und Fahrzeiten zu den Flughäfen einmal abgesehen, denn per Zug kommt man meist direkt ins Zentrum der Metropolen.

Interrail habe großes Zukunftspotenzial, meint der Tourismusforscher, weil junge Leute heute im Reisefieber gerne in ein „kleines Abenteuer“ aufbrechen wollen. „Außerdem ist auch das ökologische Bewusstsein bei der Verkehrsmittelwahl da. Sie reisen vernünftig und überlegt.“ Hinzu kommen an den Zielen Angebote, wie preiswertes Wohnen, etwa durch Airbnb.

Kometer und seine Freundin haben ihre Unterkünfte während der Reise online gebucht. „In der heutigen Zeit hat man überall WLAN oder Datenroaming und kann via Internet kurzfristig buchen.“ Apps und Webseiten machen auch laut Zellmann die Reiseplanung heute leichter.

Davon konnte Elisabeth Müller-Breidenbach (60) aus Jenbach bei ihren Interrail-Trips nur träumen. Sie war 1977 in Italien und 1978 in Skandinavien per Bahn unterwegs. „Es war die Freiheit, für vier Wochen überall ein- und aussteigen zu können und zu bleiben, wie lange man wollte“, schwärmt sie noch heute.

Internet brauchte es damals nicht. „Man konnte ganz viele Gleichgesinnte kennen lernen, sich Reisetipps holen, das war wie eine Community. Man erkannte sich sofort am Rucksack“, erinnert sie sich, wie auch an das Kennenlernen von vielen Einheimischen, von vielen Erfahrungen mit Land und Leuten.

Es sind genau diese Dinge, die die EU nun fördern möchte. Doch einen bestätigten Plan, wer die rund 20.000 Gratis-Tickets bekommt, gibt es noch immer nicht.

Eine Verlosung unter allen EU-Bürgern mit Geburtsjahr 2000 scheint wahrscheinlich, bereits diesen Sommer sollen die glücklichen Gewinner damit fahren können. Die Gratis-Monatstickets dürften aber über einen Zeitraum von insgesamt sechs Jahren einsetzbar sein. Weitere Infos zu Interrail und dem Projekt unter: www.interrail.eu