Letztes Update am Fr, 11.05.2018 12:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Liverpool

Beim ersten Date um die Häuser ziehen

Liverpool ist mehr als Fußball und die Beatles. Wer durch die britische Stadt mäandert, ist begeistert, wie man mit Kunst und Kultur den Weg aus der Krise geschafft hat.

© iStockEin spannender architektonischer Mix wie vielerorts in der Stadt: die neo-klassischen "Three Graces" ("Drei Grazien", rechts) und der moderne Bau des Museums of Liverpool (links).



Von Brigitte Warenski

Den Fans der „Reds“ braucht man von Liverpool nicht mehr vorzuschwärmen. Bereits im Flugzeug diskutiert eine gut gelaunte Runde über den Höhenflug des FC Liverpool und schwärmt von der Aussicht, Karten für ein Heimspiel im Anfield Stadion zu ergattern. Bei dieser Reise gibt’s – wie die Fußballfans ihre Mitflieger wissen lassen – zwar nur eine Tour durch das legendäre Stadion, doch schon jetzt ist klar, dass alle mit einem Selfie heimkehren und die Stadt am Mersey River nie vergessen werden.

Doch die einst heruntergekommene und trostlose Industriestadt, die die Wirtschaftskrise in den 70er-Jahren mit aller Härte traf, kann mit mehr als Fußball punkten, wie Besucher bei ihrem ersten Date mit der Metropole erstaunt feststellen. Liverpool hat viel Geld in Kunst und Kultur investiert und damit die Chance im Jahr 2008 genützt, als ihr der Titel europäische Kulturhauptstadt verliehen wurde. Die Kultur hat Liverpool aus der Krise geholfen, sie zu neuem Leben erweckt und zu einer der spannendsten Städte der Insel gemacht. Die Metropole im Nordwesten Englands zeigt sich in Aufbruchsstimmung und zieht immer mehr junge Künstler an, denen London zum Leben zu teuer wurde. Ganze Stadtviertel wie das Baltic Triangle im Süden sind zum kulturellen Hotspot geworden, „im Northern Lights, einer revitalisierten Backstein-Lagerhalle, arbeiten Künstler und Designer, die zum Entdecken ihrer Arbeiten einladen. Daneben gibt es eine bunte Lokalszene mit Gin-Garten und Craft-Beer, das gebraut wird“, erzählt uns Tourguide Paul, der wie alle „Liverpudlians“ (so die offizielle Bezeichnung) besonders herzlich und zudem bes­ter Werbeträger für die Stadt ist.

Ideal, um ein Selfie zu machen: das Denkmal der Beatles an der Hafenpromenade.
- Warenski

Höhepunkt auch für die Einwohner Liverpools ist die jährlich stattfindende Biennale der modernen Kunst, zu der heuer u. a. der belgische Fotograf und Videokünstler Francis Alys erwartet wird. „Das Besondere daran ist aber auch, dass die ganze Stadt zum Freilufttreffpunkt wird. Auf den Plätzen werden Liegestühle aufgestellt, überall ist Leben, auch wenn zwischendrin das ‚Beast­ from the east‘, die steife Brise aus dem Osten, zuschlägt oder es wieder einmal regnet“, sagt Paul.

Museumseintritte kostenlos

Bereits rund ums Jahr fällt beim Städtewochenende die Wahl schwer, sich für eines der zahlreichen Museen zu entscheiden, auch wenn der Eintritt wie in Großbritannien üblich kostenlos ist. Nach einem kurzen Rundgang durch die Filiale der Londoner Tate Gallery, durch das „Bluecoat“-Zentrum und das vor allem architektonisch beeindruckende Museum of Liverpool sollte man unbedingt das Western Approaches Museum besichtigen. Dort befand sich die geheime unterirdische Kommandozentrale der Alliierten für die Atlantikschlacht im Zweiten Weltkrieg.

Die Hafenanlage Albert Dock verfiel nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde aber in den 1980er-Jahren wieder aufgebaut.
- iStock

Im International Slavery Museum offenbart sich die dunkle Geschichte des einst blühenden Überseehafens, der Englands Tor zur Welt und wichtigster Ausgangspunkt für die Auswanderung nach Amerika war.

Denkmal für Sklavenhändler

Bevor 1807 die Sklaverei verboten wurde, verhalfen dem Reeder James Penny Sklaven aus Afrika, die er mit seinen Schiffen in die Neue Welt brachte, zu Reichtum. Vor Jahren entbrannte eine Diskussion über die Umbenennung der Straßen, mit denen auch anderen Sklavenhändlern ein Denkmal geschaffen wurde. „Als es um die Penny Lane ging, die von den Beatles besungen wird, war dann Ende der Debatten“, erinnert sich Paul.

Dass alles, was in Liverpool irgendwie mit den Pilzköpfen zu tun hat, quasi heilig ist, wundert nicht. Die „Fabulous four“ sind hier aufgewachsen, haben hier ihren Ruhm begründet und Liverpool damit zum Mekka für die weltweite Beatles-Fangemeinde gemacht. Auch wer den Beatles nicht mehr als mit Interesse begegnet, sollte in den 1:1 nachgebauten Cavern Club in der Mathew Street hinabsteigen. Ringo Starr spielte noch als Schlagzeuger der Rory Storms and the Hurricanes am 25. Mai 1960 im düsteren Kellergewölbe seine erste Beat-Session. Danach traten dort Größen wie die Rolling Stones, The Who und 292 Mal die Beatles auf.

Auf dem Turm thront ein "Liver Bird". Das Phantasiewesen ist Symbol Liverpools.
- iStock

Heute geben dort die Cavern Club Beatles ihr Bestes, die den Spirit vergangener Tage wieder heraufbeschwören sollen. In den vorderen Reihen herrscht tatsächlich Gedränge, Mädchen fallen zwar nicht in Ohnmacht, kreischen aber, als würden die originalen Pilzköpfe vor ihnen stehen. Die Frisuren stimmen, der Schlagzeuger darf erhöht wie einst Ringo Starr sitzen und der Bassist demonstriert sein Können linkshändig wie Paul McCartney. Die letzten Wissenslücken füllt man dann mit einem Besuch des Museums „The Beatles Story“. Zahlreiche Original-Erinnerungsstücke und Interviews machen einmal mehr bewusst, dass die vier mehr als ein Pop-Ereignis waren und warum das Phänomen „Beatlemania“ eine ganze Generation veränderte.

Historische Hafenanlage

Eindrucksvoll verändert haben sich auch die Gebäude des Albert Dock, in denen die Beatles-Ausstellung untergebracht ist. Die his­torische Hafenanlage mit ihren Lagerhallen verfiel nach dem Zweiten Weltkrieg zusehends und wurde in den 1980er-Jahren wieder aufgebaut und zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt. Heute sind sie Liverpools größte Touristenattraktion, die Museen, Bars, Res­taurants und Shops beherbergt. Von dort geht der Spaziergang der Hafenpromenade entlang zum nördlich gelegenen Pier Head. In den Blick gerät sofort das neo-klassische Gebäudeensemble der „Three Graces“ („Drei Grazien“): Im Port of Liverpool Building war früher die Hafenbehörde untergebracht, das Cunard Building war Hauptsitz der gleichnamigen Reederei und auf den Spitzen der beiden Türme des Royal Liver Building sitzen die Liver Birds. Die Phantasiewesen, halb Adler, halb Kormoran, sind Symbol der Stadt und zieren die Trikots der FC-Liverpool-Spieler.

Begehrter Filmdrehort

Im Hintergrund steht das Albion House aus weißem Portland-Stein und roten Ziegeln, das von den Einwohnern scherzhaft „streaky bacon building“ genannt wird, weil es aussieht wie ein durchwachsener Speck. „Hier war das Hauptquartier der Schifffahrtsgesellschaft White Star Line, zu deren Flaggschiffen die Titanic zählte, die aber in Liverpool nie angelegt hat. Das Haus erlangte 1912 traurige Berühmtheit, als Mitarbeiter der Gesellschaft vom Balkon aus vor der versammelten Weltpresse die Namen der Titanic-Opfer verlasen“, sagt Paul, bevor es mitten durch die Stadt zum letzten Ziel geht, „natürlich auch zu Fuß, weil sich Liverpool so am besten erkunden lässt.“

Vorbei am Vorzeigeeinkaufscenter „Liverpool One“ geht es zur prunkvollen neo-klassischen St. George’s Hall mit Europas größtem Tunnelgewölbe und einem 30.000 Steine umfassenden Mosaik. „Hier, ebenso wie im Cunard Building, wurden die einzigen Außenaufnahmen für das Zauber-Abenteuer ‚Die phantastischen Tierwesen und wo sie zu finden sind‘ gedreht“, zeigt sich Paul stolz auf Liverpools Rolle als begehrter Filmdrehort. Souvenirs gibt’s dort keine, aber am Weg zur Metropolian Cathedral of Christ the King Liverpool geht es durch belebte kleine Straßen mit den einzigartigen britischen Second-hand-Läden.

Schönste Toilette Europas

Beim Anblick der runden katholischen Kathedrale, deren Spitze die Dornenkrone Jesu symbolisiert, denkt man an ein riesiges Zelt, womit man nicht falsch liegt. Liebevoll nennen die Liverpudlians das Kirchengebäude „Paddy’s Wigwam“, dessen Innenraum mit seinen regenbogenfarbenen Fenstern einfach außergewöhnlich ist und zum Verweilen einlädt.

Die Metropolitan Cathedral of Christ the King Liverpool wird liebevoll "Paddy’s Wigwam" genannt.
- iStock

Vor der Kirchentür zeigt sich Liverpool in seinem schönsten viktorianischen Kleid. Die Flaniermeile Hope Street entlang, vorbei an der Philharmonic Hall, Liverpools elegantestes Art-déco-Gebäude, zum berühmtesten Aushängeschild viktorianischer Kneipenkultur. Berühmt nicht nur weil sich im „Phil“ zumindest eine zeitlang John Lennon gern mal ein Pint genehmigte, sondern weil dort auch weibliche Gäste Europas schönste Herrentoilette aus Marmor ablichten dürfen. Und spätestens hier erinnere ich mich wieder an die mitfliegenden Fußballfans, weil Paul erzählt, was sie wohl gern wüssten. „Vor jedem Heimspiel ist es Tradition, dass die Mannschaft hier im Viertel eine Runde dreht“. Das ist nicht nur für die Fans der „Reds“ Grund genug für ein zweites Date mit Liverpool.

Wochenendtrip nach Liverpool

Nach Liverpool selbst gibt es nur wenige Flugverbindungen. Ideal ist ein Flug nach Manchester, von dort ist die Stadt mit ihren 470.000 Einwohnern sehr gut in einer Stunde mit Bussen und Zügen erreichbar.

Weitere Informationen zu allen Sehenswürdigkeiten und Veranstaltungen findet man unter www.visitliverpool.com und www.visitbritain.com

Vom 25. bis 28. Mai findet das Bordeaux-Wein-Festival zeitgleich mit der Tall Ships Regatta statt. Die 10. Ausgabe der Biennale für zeitgenössische Kunst ( www.biennial.com/2018 ) steht heuer unter dem Titel „Beautiful world, where are you?“ 40 Künstler aus 22 Nationen zeigen vom 14. Juli bis 28. Oktober ihre Werke. Zum ersten Mal seit mehr als 30 Jahren sind Figuren von Chinas berühmter Terrakotta-Armee außerhalb Londons zu sehen. Die Ausstellung im World Museum Liverpool dauert bis 28. Oktober.

Die Reise fand auf Einladung von VisitBritain statt.




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