Letztes Update am Fr, 29.06.2018 12:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Wandern zwischen Tempeln und Träumen in Myanmar

Eine Wanderung in Myanmar mit wunderbaren Eindrücken: Der Weg von Kalaw nach Nyaung Shwe führt durch unberührte Landschaft, an bewirtschafteten Feldern und buddhistischen Tempeln vorbei, in Dörfer, in denen sich abends die Kinder gemeinsam tummeln.

© Clara Maier



Hier sind ein paar Mini-Feigen, kostet mal!“, sagt Khin Kyi in brüchigem Englisch, pflückt die samtgrünen Kügelchen und verteilt sie unter den Wanderern. Sie schmecken säuerlich, aber gut. Khin Kyi ist vor 22 Jahren im burmesischen Kalaw geboren und begleitet von hier aus die sechsköpfige Wandergruppe, die sich bei Sam’s Family Trekking zusammengefunden hat, auf der dreitägigen Route zum Inle-See.

Erst vor wenigen Jahren ist Khin Kyi dem ersten Reisenden begegnet, das Land war davor militärisch beherrscht und von anderen Staaten abgeschirmt. „Ich war überrascht, wie groß Menschen sein können“, erzählt sie und kichert. Sie selbst misst knappe eineinhalb Meter. Vermutlich sind es weitere westliche Eigenheiten, die die Burmesin immer wieder dazu veranlassen, verschmitzt zu grinsen.

Mit schnellem, sicherem Schritt steigt sie den Pfad entlang, der von den großblättrigen Feigenbäumen zu weitläufigen Reisfeldern führt, die nur während der Regenzeit in den Sommermonaten bewirtschaftet werden. Ingwer, der vor ein paar Wochen geerntet wurde, liegt neben dem Weg. In einem süßlich duftenden Nadelwald wägen sich Europäer fast im heimischen Gehölz – wären da nicht zwischendurch Bananenstauden und Mangobäume. Der Weg führt einen Hügel hoch, auf dessen Plateau Khin Kyi stolz eine Teepflanze zeigt und meint: „Daraus wird hauptsächlich Schwarztee hergestellt. Wir trinken ihn und essen die Blätter auch als Salat.“

Der Wasserbüffel, den das Mädchen in der Hitze wäscht, ist 1300 US-Dollar wert.
- Clara Maier

Mit einer üppigen indischen Plantage sind die vereinzelten Sträucher zwar nicht zu vergleichen, trotzdem freuen sich die Wanderer über die Erklärung. Während des Mittagessens – köstlichem Gemüsecurry mit Chapati – schweift der Blick über die weichen Hügelkuppen. Die Familie, die hier lebt, bewohnt eine schlichte Hütte und kocht auf offenem Feuer. Langsam zieht die Sonne ganz nach oben in den Himmel und drückt mit einer schwülen Hitze auf das Land. Zum Glück schützen Limetten- und Papayabäume den nachmittäglichen Weg, der später durch Dörfer führt, die sich an die Hänge schmiegen.

Junge Männer mauern bei burmesischer Popmusik und winken lächelnd. In einem Bach wäscht eine Frau die Kleidung, gegenüber wachsen üppige Blumenkohlköpfe aus der Erde. Die Felder sind schief angelegt, fast so, als würden die Grenzen jede Nacht neu ausgepokert werden.

Nachts vom Frieden träumen

Wer die Kreidetafel am Bahnhof von Aungpan betrachtet, steht vor einem kryptischen Kunstwerk: Ankunfts- und Abfahrtszeiten sind rein in burmesischen Schriftzeichen angegeben. Die Wanderer, die ohne Khin Kyis Hilfe wohl verloren wären, lassen die hupenden Züge fortziehen und steigen auf den Bahngleisen weiter. Immer wieder laufen sie an Tempeln vorbei und begegnen buddhistischen Mönchen, die Jungen mischen sich mit zurückhaltender Distanz unter die Wandergruppe. Sie wirken in den dunkelroten Kutten zugleich kindlich verspielt, reif und anmutig. Die Reisterrassen breiten sich immer weiter aus und sehen aus der Ferne aus wie grüne Wellen, die an Land strömen.

Das Dorf, in dem eine Gastfamilie die Wanderer abends begrüßt, ist so klein, dass sich kein Name dafür lohnt. Im Schuppen des Holzhauses sortiert jemand Knoblauch und hängt ihn bündelweise an die Wand, eine Nachbarin siebt Reis und lächelt freundlich über den Besuch. Die Kinder tun es ihr gleich, lassen sich nicht darin beirren, wild durch ihr Dorf zu tigern und mit selbst gebastelten Kartonfliegern umherzuschießen.

Lässig richten die Jungs dabei ihre Schirmkappen zurecht, während die Mädels schüchtern kichern. Sie haben es, so wirkt es, aber faustdick hinter den Ohren. Alle tragen Thanaka im Gesicht, traditionell burmesische Schminke aus fein geriebener Baumrinde, die vor der Sonne schützt.

Die zwei Mönche wandern einen Tag lang ins Dorf, um Draht zu kaufen.
- Clara Maier

Nach und nach kehren Frauen und Männer mit träge stapfenden Büffeln nach Hause zurück. Erst das Abendessen unterbricht das Dorfleben: Es gibt köstliche Linsensuppe, Karfiol, Spinat, Tomaten mit Sprossen und Reis, zum Nachtisch karamellisierte Erdnussriegel. In dem Raum, in dem das nächtliche Matratzenlager ausgebreitet ist, fällt ein Plakat von Friedensaktivis­tin Aung San Suu Kyi auf. Sie gilt als Hoffnungsträgerin im burmesischen Friedensprozess, der die zahlreichen ethnischen Konflikte zu transformieren versucht. Vielleicht soll sie Einheimischen wie Wanderern zu Träumen über ein friedvolles Myanmar verhelfen – über den politisch stabilen Shan-Staat, in dem die Gruppe behütet schläft, hinaus.

Nach der kalten Morgendusche sind alle hellwach. Süßer Reis mit Mangostücken stärkt für den ersten Anstieg. Die Feldarbeiter kehren bereits um acht Uhr Früh mit prall gefüllten Körben voll grüner Paprika ins Dorf zurück. Durch die Hügellandschaft geht es zurück ins Tal, wo Büffel von vereinzelten Grasbüscheln naschen. Frauen spazieren über schmale Pfade und tragen Regenschirme, Turbane oder farbenfrohe Handtücher als Sonnenschutz auf dem Kopf. Elegante Tücher, die sie um den Körper geschwungen haben, verraten, dass heute kein normaler Tag ist. Khin Kyi erklärt, dass „die jährliche Schulabschluss-Zeremonie ansteht. Aus allen umliegenden Dörfern pilgern Frauen, Männer und Kinder stundenlang zu Fuß, mit dem Traktor oder Moped zur großen Feier.“ Auch die Wanderer werden freundlich dazu eingeladen, lehnen aber ab, um das Tagesziel noch vor Sonnenuntergang zu erreichen.

Bald werden sie für die heiße Etappe belohnt: an einem Fluss, der zur Badepause verführt. Kinder waschen hier ihre Büffel, ein Junge sammelt in seiner lässigen Umhängetasche Steine. „Für meine Steinschleuder!“, erklärt er Khin Kyi, die hilfsbereit übersetzt. Wenn die Mädchen vom Baumstamm springen, halten sie ihre Kleider so, dass sich eine Luftblase bildet und sie wie mit einem riesigen Schwimmreifen ins Nass platschen. Es wird viel gelacht.

Erst als abends die Feldarbeiter mit ihren Ochsenkarren in das nächstgelegene Dorf einrollen, bezieht die Gruppe ihr Lager für die zweite Nacht. Der Regen prasselt auf das Wellblechdach, als die herzliche Gastgeberin Ingwersuppe, Gemüsereis und kleine Bananen serviert. Danach beim Kartenspiel sitzt sie eine Stunde mit den Besuchern am Tisch – ohne ein Wort zu verstehen, aber zufrieden lächelnd.

Das Vermögen der "schwimmenden" Gärtner, die sich am Inlesee auf Holzbooten bewegen, sind üppiger Kürbis, Zucchini und Co.
- Clara Maier

Die schwimmenden Gärten

Der dritte Tag beginnt frisch. In einer Allee aus mächtigen Agaven werden bereits die Regenjacken angelegt. Die Bauern pflügen in Plas­tikponchos ihre roterdigen Felder. Bald wird ein kleiner Laden zum Schutzhaus, der typisch burmesische Löskaffee und köstliche Kekse erhellen die Stimmung. Schon kurz nach dem starken Schauer treibt Khin Kyi ihre Truppe weiter. Immer wieder taucht der Inle-See im Blickfeld auf.

Nach den mittäglichen Gemüsenudeln werden die schlammigen Wanderschuhe geputzt, um halbwegs sauber die schmalen Holzboote zu besteigen und durch die schwimmenden Gärten des Inle-Sees zu düsen. Die grünen Stränge von Zucchini und Melanzani ranken sich an Gestängen hoch und legen sich bogenförmig über die Wasserwelt. Der Gegenverkehr wirkt munter, Wasser spritzt ins Boot. Erst am weitläufigen See, dem zweitgrößten des Landes, breitet sich die Ruhe aus. Fischer hieven langsam und bedächtig ihre kegelförmigen Netze ins Wasser, die Sonne geht hinter ihnen unter.

In Nyaung Shwe angekommen, trennt sich die Gruppe, doch vereint sie die Erinnerung an drei lebhafte Tage durch die weitgehend unberührte Landschaft Myanmars und viele herzliche Begegnungen. (Clara Maier)

Informationen Myanmar

Trekking: Wandertouren am besten vor Ort buchen, etwa bei Sam’s Family Trekking (21 Aung Chan Thar St, Kalaw). Am Vor­abend anmelden und morgens mit der zugeteilten Gruppe losstarten.

Essen und Trinken: Abseits der Wanderung sollte man sich Shan-Nudeln, Sticky Reis, Mango und auch leckere Currys nicht entgehen lassen.

Schlafen: Für angenehme Nächte sorgen Moskitocreme und Hüttenschlafsack. In Kalaw und Nyaung Shwe gibt es zahlreiche preiswerte Unterkünfte, direkt vor Ort buchbar.

Die Autorin reiste auf eigene Kosten.