Letztes Update am So, 22.07.2018 12:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kreuzfahrt

Hochsee-Siebenkampf in amerikanischen Gewässern

Bewegende Landausflüge auf einer US-Kreuzfahrt als Aktiv-Trip: Auch beim Wandern, Laufen und Radfahren lässt sich das Land entdecken.

© SchreiberAussichtspunkt auf dem Cadillac Mountain: Vor Bar Harbor ankert das Kreuzfahrtschiff.



Der Vormittag beginnt mit einer Knöchelverstauchung, einem kräftigen Husten und einer Platzwunde. Und trotzdem ist Kurt Machens entspannt und lächelt. Es hat ihn ja auch nicht selbst erwischt. Er hat seiner Sprechstundenhilfe nur kurz die ersten Patienten des Tages aufgezählt. Machens ist Arzt an Bord der „Mein Schiff 6“, die gerade noch in einem New Yorker Hafen liegt, bevor die Nordamerika-Kreuzfahrt am nächsten Tag richtig startet.

Wer zu ihm kommt, braucht ein Mittel gegen Seekrankheit oder Fieber. Was es gratis obendrauf gibt: einen Tipp für den nächsten Landgang und einen guten Rat. Als Arzt möchte Machens möglichen Wehwehchen und Krankheiten vorbeugen.

An Land gehört ein Fotostopp mit Schiff zum Radausflug dazu.
- Schreiber

Er weiß, dass viele Gäste von Buffet zu Buffet hechten und das inkludierte Paket alkoholischer Getränke auskosten. Motto: Um die Gesundheit kümmern wir uns erst wieder zuhause. Und deswegen sind die letzten Worte, die man hört, bevor man das Reich von Kurt Machens auf Deck 3 des großen Kreuzfahrtschiffes verlässt: „Bewegung, Bewegung, Bewegung.“

Das soll auch das Motto dieses Hochseetrips werden. Wer vor der nordamerikanischen Küste unterwegs ist, denkt nicht unbedingt an eine Aktiv-Kreuzfahrt. Schließlich legt man fast jeden Tag in einer anderen Stadt in den USA und Kanada an. Überall gibt es für jede noch so kurze Strecke einen Bustransfer, kein Museum kommt ohne Förderbänder aus, und selbst zum Eingang der Muckibuden führen Rolltreppen. Deswegen kommt auch Arzt Machens ins Spiel, der Unterstützung beim Sport-Programm und der Auswahl der Aktiv-Ausflüge versprochen hat.

Manhattan auf zwei Beinen

„New York muss man sich erlaufen“, lautet einer der Hinweise von Machens, nachdem er empfohlen hatte, vom weit draußen gelegenen Hafen nicht mit dem Taxi in die City zu fahren, sondern die imposante Hochhauskulisse vom Wasser aus mit einer Fähre anzusteuern. Sobald man wieder Land unter den Füßen hat, wird man mit den Touristenströmen von einem Highlight zum nächsten gesogen.

Der Besucher, der sich im Wirrwarr der öffentlichen Verkehrsmittel kaum zurechtfindet, ist gut beraten, Manhattan laufend zu erkunden. Auch viele Einheimische verzichten auf Taxis und Busse und drängen sich auf den Gehwegen.

Im Hafen von New York begrüßt die Freiheitsstatue die einfahrenden Schiffe.
- Schreiber

Das mag zum Teil den aussichtslos verstopften Straßen geschuldet sein. Es hat sich im wahrsten Sinne des Wortes aber auch eine Auto-Gegenbewegung gebildet. Anzugträger und Arbeiter, die demonstrativ zu Fuß unterwegs sind und auf ihren Taschen das neue Credo in Aufkleberform vor sich hertragen: „I’m walking.“ Ich gehe.

New York bildet den Rahmen der zehntägigen Kreuzfahrt. Die „Mein Schiff 6“ liegt am Beginn und am Ende der Reise in der turbulenten Megacity an, sodass die Passagiere unterm Strich vier Tage dort verbringen können. Wir testen dort noch eine zweite aktive Sightseeing-Variante: mit dem Fahrrad von einem Höhepunkt zum nächsten.

Rockefeller Center, Times Square, Central Station, Brooklyn Brigde, Ground Zero – mit dem Bus wäre das an einem Tag kaum zu schaffen. Angst vor dem Verkehr muss niemand haben. New Yorker Autofahrer gewähren stets Vorfahrt, manche kurbeln sogar die Fenster runter, um einen Glückwunsch loszuwerden.

Zwischen Liegen joggen: An Bord des Kreuzfahrtschiffs herrscht auch an Deck sportliche Bewegung. .
- Schreiber

Am nächsten Morgen, dem ersten Seetag, gibt es auch noch ein Lob vom Bordarzt obendrauf. Wir begegnen ihm zu früher Stunde beim Joggen. Es gibt eine Runde auf dem obersten Deck für sportliche Seefahrer, die hindernisfrei ist, solange noch keine Sonnenanbeter Liegestühle ausgeklappt haben.

Für uns jedenfalls ist es der Auftakt zum Hochsee-Siebenkampf, mit dem wir die freien Tage an Bord füllen wollen: Joggen, Yoga, Treppensteigen, Tanzen, Schwimmen, Shuffleboard und Spinning beruhigen fortan unser Gewissen.

Der Aktiv-Tipp von Kurt Machens für Boston, das nächste Ziel der Reise, ist der „Freedom Trail“. Die acht Kilometer lange Tour quer durch die Sehenswürdigkeiten der Stadt ist nur zu Fuß machbar. Man folgt einer roten Linie auf dem Boden, die sich über Bürgersteige und Straßen schlängelt, Häuserblöcke umkurvt und Viertel durchzieht. Zwischen die Hochhäuser des modernen Bostons quetschen sich historische Friedhöfe und alte Kirchen.

Geschichte im Schnelldurchlauf

Die rund drei Stunden Sightseeing sind ein Schnelldurchlauf durch die amerikanische Geschichte mit den Höhepunkten Boston Tea Party, dem mutigen Widerstand gegen die britische Kolonialpolitik und dem folgenden Unabhängigkeitskrieg. So nebenbei durchquert man das quirlige italienische Viertel Bostons, das hauptsächlich aus Restaurants besteht, und kleine Wochenmärkte, die man in einer Millionenstadt mit gigantisch großen Supermärk­ten nicht vermuten würde.

Entgegen sämtlicher amerikanischer Hygienestandards gibt es dort rohe Austern, die Touristen auf offener Straße essen. Es ist ein Vorgeschmack auf den nächsten Stopp der Tour in Bar Harbor im äußers­ten Nordosten der USA.

Zum Standard-Programm dort gehört eine Busfahrt ins Hummer-Restaurant. Dabei sollte man die Zeit nutzen und die zerklüftete Felsenküste und die Bergwelt des „Acadia National Parks“ erkunden. Freilich ist ein wenig Vorbereitung nötig, um eine Wanderung zu starten. Aber es lohnt sich, durch die dichten Wälder zu marschieren, die dem Aktiv-Kreuzfahrer lange Zeit jegliche Aussicht nehmen, am Gipfel des 470 Meter hohen Cadillac Mountain aber endlich aufhören und den Blick auf eine einzigartige Inselwelt freigeben.

Der "Freedom Trail" in Boston startet an der Faneuil Hall.
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Auch der Wandertipp kam wieder von Machens, der uns beim nächsten Treffen allerdings gesteht, dass er sich in Bar Harbor auf Hummer und Austern konzentriert hat. Immerhin hat er seine Restaurant-Tour zu Fuß absolviert.

Mit Saint John und Halifax liegen die letzten Häfen der Tour in Kanada. Beide Städte sind sehr hügelig und kosten Kraft, wenn man sie im Machens-Modus erkundet, nämlich mit dem Fahrrad. Radausflüge gehören mittlerweile zum Standard bei den meisten Seereisen.

Ein Guide nimmt uns mit auf den Ritt durch die weiten Landschaften. Kanada ist dünn besiedelt und bietet der Natur viel Raum, sich zu entfalten. Es geht durch einsame Wälder, kleine Vororte und menschenleere Straßen – der maximale Kontrast zu New York, das die „Mein Schiff 6“ zum Abschluss wieder anläuft.

Unser Aktiv-Fazit fällt positiv aus: Wir haben keine Rolltreppe und keinen Aufzug benutzt, Busse so gut es geht gemieden und auf viele Transfers verzichtet. Der Hochsee-Siebenkampf hat uns mindestens so viel Anerkennung des Bordarztes eingebracht wie die Aktiv-Ausflüge an Land.

Machens selbst blickt auf eine arbeitsintensive Kreuzfahrt zurück, bei der er vor allem Atemwegserkrankungen behandeln musste. Im Land der unbegrenzt laufenden Klimaanlagen holen sich Gäste schnell eine verstopfte Nase oder Bronchitis. Und so lautet die finale Erkenntnis: Wer sich aktiv bewegt und (öffentliche) Verkehrsmittel in den USA meidet, tut gleich doppelt etwas für seine Gesundheit. (Christian Schreiber)

Segelboote und Hochhäuser: das Panorama der kanadischen Hafenstadt Halifax.
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