Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.08.2018


Reise

Griechenland: Baumelnde Seelen und der Weg in die Unterwelt

Das ursprüngliche Griechenland fern ab von Klischees und All-inclusive-Burgen: Die Insel Lefkáda war einst ein Zentrum des internationalen Jetset. Inzwischen ist es an der ionischen Küste ruhiger geworden.

© leitner



Dei hohe Zeit, is lang vorüber." Wenn einem in einer Hafenkneipe in Nidrí Rainhard Fendrichs Beinahe-Bundeshymne in den Sinn kommt, muss, darf das keinesfalls als heimatferner Patriotismusanfall ausgelegt werden. Vielmehr ist es eine — zugegeben etwas wehmütige — Zustandsbeschreibung. Es gab eine Zeit, da war Nidrí, 1200 Einwohner, idyllisch an der Ostseite der griechischen Insel Lefkáda gelegen, ein Zentrum des internationalen Jetset. In Sichtweite des Hafens, keine zehn Kilometer entfernt, liegt die Insel Skorpios, die einst dem schwerreichen Reeder Aristoteles Onassis gehörte. Inzwischen hat sich der russische Oligarch Dmitry Rybolovlev (Privatvermögen: 6,8 Milliarden US-Dollar) auf der hermetisch abgeschirmten Privatinsel eingepachtet. In Nidrí freilich habe man den Multimilliardär samt gutbetuchter Gefolgschaft bislang nie gesehen, erfährt man an der Bar. Das war zu Onassis' Zeiten anders: Der setzte regelmäßig über, für einen Cocktail mit Blick aufs Meer, oder ein Abendessen, das sich bis in die frühen Morgenstunden hinziehen konnte. Die Fotos von damals hängen noch heute an der Kneipenwand. Ansonsten erinnert nur noch eine Statue an der Hafenpromenade an den „großen Griechen". Den anderen, Alexis Sorbas — beide wurden übrigens von Anthony Quinn für Film und Fernsehen verkörpert — beschwört hingegen die Hintergrundmusik: Dass Alexis Sorbas den Sirtaki auf Kreta tanzte, tut wenig zur Sache.

Das etwas verwitterte Antlitz, die verblassende Ahnung eins­tiger Hochzeiten, steht Nidrí gut. Das Städtchen ist geschäftig — und trotzdem bleibt das Tempo gemächlich. Bedrohlich schnell wird in den zahllosen Bars und Restaurants entlang des Hafens von „Kafé Ellinikós", dem traditionellen Kaffee hellenischer Machart, auf würzigen Weißwein gewechselt. Dem Reisenden freilich fehlt dafür die Zeit, denn Nidrí ist vornehmlich Ausgangspunkt: Beinahe stündlich legen hier Fähren ab, die — am weltbekannten Sidría-Leuchtturm am Kap Doukáto vorbei — die Westküste von Lefkáda ansteuern. Dort finden sich die Kronjuwelen der Insel: Quasi unberührte Strände, vielfach nur über das Meer erreichbar.

Die Bucht von Parga.
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Weißer Strand, trükisblaues Meer — eine postkartentaugliche Idylle fernab von Rund-um-die-Uhr-Bespaßung und Animationsexzessen. Jedenfalls dann, wenn man vor oder nach der unmittelbaren Hochsaison hier anlegt. Läuft der Ausflugsbetrieb im Juli und August auf Hochtouren, kann es gerade am Pórto Katsiki — dem berühmtesten von atemraubenden weißen Klippen gesäumten Strand der Insel — durchaus eng werden. Kommt man hingegen rechtzeitig, kann man die Seele baumeln lassen. Dann ist einem selbst das neueste Gerücht — es hält sich, natürlich, seit Jahren — egal. Popstar Madonna will wenige Kilometer von hier ihre Ansitzsammlung erweitern. Oder war es Giorgio Armani? George Clooney jedenfalls, das belegen Pixelbilder auf einschlägigen Internetseiten, war schon da. Vor wenigen Wochen. Oder einigen. Vielleicht war's auch schon letztes Jahr. „Ti diáolo", sagt der Kapitän des Schiffes, „Was soll's".

Die Fußgängerbrücke in Lefkáda-Stadt ist beliebter Treffpunkt für Verliebte allen Alters.
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Auch die dazugeeilte Touristikerin hat schon alles gehört — und weiß von nichts. „Schön", sagt sie, „schön wär's schon, wenn die Superstars sich hier wieder niederlassen würden." Was dabei verloren ginge, bleibt hingegen ungesagt: gesellige Abende in familiengeführten Tavernen, wo man sich für vergleichsweise schmale Preise landestypisch verwöhnen lassen kann, mit deftig Gegrilltem, zart marinierten Meeresfrüchten und Gemüse, dessen Sonnengereiftheit man beim ers­ten Bissen schmeckt.

In Lefkáda-Stadt, dem Hauptort der Insel, knapp 30 Minuten Fahrtzeit nördlich von Nidrí, legt man für ein üppiges Abendessen für zwei Personen — Wein oder gut gekühltes Mythos-Bier inklusive — etwa 30 Euro aus. „Hier essen auch die Einheimischen", versichert der Besitzer — der Ouzo geht aufs Haus.

Lefkáda übrigens ist über eine Brücke mit dem Festland verbunden: Hier — weiß die Touris­tikerin in bestem PR-Sprech — verschmelzen „Inselflair und Festlandkomfort". Widersprechen will man ihr nicht. Dass sich auch in pittoreskem Ambiente unwirtliches zutragen kann, macht eine kurze Fahrt aufs Festland klar. Unweit eines Dörfchens mit dem geschichtsträchtig in die Irre führenden Namen Metopotamos liegt auf einer karg bewachsenen Anhöhe ein zumindest auf den ers­ten Blick recht unspektakuläres Gemäuer.

Zwiegespräch mit Toten

Mehrsprachige Tafeln weisen es als „Nekromanteion" aus. In antiken Zeiten soll sich hier Trauernden die Möglichkeit geboten haben, mit den Toten zu sprechen. Schon Herodot hat das beschrieben. Allerdings ohne nähere Ortsangaben. Für einen griechischen Archäologen, Sotirios Dakaris, der das Mauerwerk Ende der 1950er aushob, war die Sache trotzdem klar. Hier hauste einst das Totenorakel. Oder es gaukelte. Denn dem Zwiegespräch mit dem Jenseits ging wochenlange Askese voraus — und bewusstseinserweiternde Bohnendiät. Und als Priester getarnte Puppenspieler. Oder als Puppenspieler getarnte Priester.

Für die Theorie des Archäologen spricht, dass unweit des „Nekromanteion" der Archeron, einer der antiken Totenflüsse, über den ein Fährmann Seelen in den Hades überführte. Dagegen die Erkenntnisse amerikanischer Forscher, die in den inzwischen ansehnlich hergerichteten Mauern einen Adelssitz ungleich jüngeren Datums vermuteten. Uneinig sind sich denn auch die Experten vor Ort: Die Entstehungszeit variiert zwischen 1200 und etwa 200 vor Christus. „Ti diáolo?", „Was soll's?"

Der bereits erwähnte Totenfluss Archeron hingegen bietet sich selbst für unverbesserliche Nichtwanderer zur Wanderroute an, schattig und flach zieht sich der gut ausgebaute Weg dorthin, wo sich einst die Unterwelt öffnete. Gerade an heißen Tagen bietet sich der Archeron als Ausflugsziel an: Kühlende Kneippkur im klaren Nass inklusive. Für die echte Unterwelt hingegen muss man zurück nach Lefkáda — in die Melissani-Grotte. 1953 legte dort ein Erdbeben einen unterirdischen See frei, der sich inzwischen zur Tourismusattraktion mauserte. Mit Booten bahnt man sich den Weg ins Erdinnere. Allein das Spiel von Licht und Schatten lohnt die Fahrt hinab. Das Naturschauspiel macht sprachlos. Nur der Gondoliere singt. Was soll des Anstands wegen verschwiegen werden. Nur so viel: In dieser eins­tigen Kultstätte des Hirtengottes Pan fanden Archäologen einst die frühesten Belege für die „Nymphomanie" in seiner bis heute gültigen Verwendung.

Lefkáda bietet antikes Erbe und den Blick aufs Meer.
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Aber zurück aufs Festland: Wenige Kilometer nördlich des geschichtsträchtigen „Nekromanteion" liegt das schmucke Städchen Parga. Parga gilt noch als Geheimtipp an der Ionischen Küste: kunterbunte Fassaden, verwinkelte Gassen, Boutiquen, Bars und liebevoll zurechtgezimmerte Gasthäuser. Steht man auf der Promenade oder schlendert in Richtung Stadtstrand, wähnt man sich in mondänen Rückzugsstätten: Portofino kommt einem in den Sinn, oder die Amalfiküs­te. Jedenfalls bis die Touristenmassen kommen. Man sollte also hoffen, dass Parga noch lange Geheimtipp bleibt.




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