Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 05.08.2018


Tiroler Badeseen

Blindsee: Wenn der König seinen See verkauft

Der vierte Teil der Serie „Tiroler Badeseen“ führt an den Blindsee. Ein idyllischer wie mysteriöser Ort – ob wegen der königlichen Historie, den versunkenen Panzerteile oder des „Mikadowalds“.

© TT/Julia HammerleVor der Kulisse der Sonnenspitze, des Wampertern Schrofen und des Marienbergjochs lässt es sich im See schön dösen.



Von Judith Sam

Tauchlehrer Dieter Kuchling betaucht den Blindsee seit 45 Jahren.
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Königsschlösser errichten zu lassen, ist nicht ganz billig. Vor allem, wenn es sich dabei um prunkvolle Bauten wie Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof handelt. Kein Wunder, dass König Ludwig II., Bayerns Märchenkönig, für seine Projekte beinahe die Staatskasse leerte. Ein Umstand, der einer Lermooser Familie zugutekam.

„Im Jahr 1813 ließ der König den Blind-, den Mitter- und den Weißensee versteigern, um Geld für seine Bauten zu verdienen. Einer unserer Vorfahren kaufte sie für 165 Gulden", erzählt Brigitte Künstner, Seniorchefin des Hotel Mohr Life Resort in Lermoos. Die Seen samt Wasser- und Fischereirechten gehören seitdem zum Hotel. Wer würde nicht gern einen See sein Eigen nennen? Besonders einen so idyllischen, wie den Blindsee.

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Kurzurlaub vor der Haustüre

Kaum lässt man die stauverseuchte Fernpass-Straße nahe Biberwier hinter sich und passiert den Zufahrtsweg, eröffnet sich der Blick auf das 22 Hektar große Gewässer. Eine kühle Schönheit. Zwei Kinder, die gerade in den Bergsee tappen, quietschen, als ihnen das kühle Wasser um den Nabel schwappt. Um ihre Knöchel streift ein Schwarm winziger Pfrillen-Fischchen.

Der „Mikadowald“ ist ein Überbleibsel einer Lawine, die sich 1984 am Grubigstein löste.
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Obwohl der See-Parkplatz, der 180 Autos fasst, beinahe vollständig gefüllt ist, findet man in einer der vielen Buchten seine Ruhe. „Kurzurlaub vor der Haustüre", schwärmt Andrea Kössler. Die Tarrenzerin und ihr Mann Dietmar logieren in ihren Camping-Liegestühlen im Schatten großer Sonnenschirme und lesen. „Es hat zwar über 30 Grad, aber ich glaube, dass ich heute nicht schwimmen werde. Eher die Füße baden. Das Wasser ist so kalt", gesteht Kössler mit verträumtem Blick auf den See.

Einige Meter entfernt schwimmt eine Forelle vorbei. Der Blick auf sie ist ungetrübt. Reinstes Bergseenwasser eben. Mit ein Grund, warum Tauchlehrer Dieter Kuchling seit 45 Jahren Kurse im Blindsee gibt: „Unter Wasser bis zu 100 Meter weit zu sehen, ist hier keine Seltenheit." Der Blick lohnt sich — ob man nun über ein Bootswrack gleitet, über die Stelle, wo Granaten und Teile eines Panzers aus dem Zweiten Weltkrieg liegen, oder über den versunkenen Wald. „Letzterer klingt geheimnisvoll, hat aber eine wilde Historie", plaudert Kuchling: „Im Februar 1984 löste sich am Grubigstein, der 1400 Meter über dem See liegt, eine 100 Meter breite Lawine. Da kann man sich vorstellen, was die alles in den See riss: Rehe, Gämsen und Holz, Holz, Holz."

Für das Stand-up-Paddling am Blindsee wird eine Gebühr von fünf Euro verlangt.
- TT/Julia Hammerle

Über viele Tauchgänge hinweg arbeiteten der Innsbrucker und sein Team daran, dass der See als Folge der Katastrophe nicht „kippt". „Das verfaulende Holz bildete Gase, die dem Wasser Sauerstoff entzogen und fast zum Tod der Fische geführt hätten", erinnert sich Kuchling. Vom einzigen Zufluss in den See verlegte er eine Unterwasser-Pipeline, um frisches Wasser an die tiefste Stelle des Sees zu transportieren.

Eine mühselige Arbeit: „Aber es hat sich gelohnt. Der See zählt europaweit zu den Höhepunkten für Taucher. Auch wegen der verbliebenen Stämme unter Wasser — dem Mikadowald." Besagte Arbeiten finanzierte übrigens die Familie Mantl-Künstner, die Seebesitzer. Schon klingt es nicht mehr so verführerisch, einen See zu besitzen. Zudem haben die Lermooser einen Fischer angestellt, der sich um den Bestand kümmert. „Bis zum Jahr 1999 hatten wir eine Fischzucht, die aber vom Hochwasser zerstört wurde. Trotzdem leben im See etliche Renken, Zander und Forellen", schildert Fischer Alexander Wiest.

6 Für das Stand-up-Paddling am Blindsee wird eine Gebühr von fünf Euro verlangt. 7 Die Tarrenzer Andrea und Dietmar Kössler interessiert das wenig. Sie machen „Kurzurlaub vor der Haustüre“.
- TT/Julia Hammerle

Während jedermann gegen eine Gebühr von 15 Euro am Tag, die es im acht Kilometer entfernten Mohr Life Resort zu bezahlen gilt, tauchen kann, dürfen nur Hotelgäste fischen. „Für die Benutzung von Schlauchbooten und Stand-up-Paddleboards verlangen wir fünf Euro", sagt Seebesitzer Klaus Mantl. Gerade letzte Woche hat er neue Schilder am See aufstellen lassen, die darauf hinweisen. Hört man sich jedoch um, kommen meist Ausreden.

Die aufblasbaren „Jachten"

„Für ein Schlauchboot zahlen? Davon haben wir ja noch nie gehört", sagt etwa eine Gruppe junger Imster, die sich spontan zum Seebesuch entschlossen haben. Während zwei von ihnen tiefenentspannt auf ihren aufblasbaren „Jachten" im See dösen, schnorchelt der Dritte mit Unterwasserkamera gewappnet: „Als ich letztes Mal hier war, bin ich Auge in Auge mit einer Seeschlange geschwommen. So was würde ich heute nur zu gerne filmen." Zwei weitere Imster sonnen sich in einer der vielen Buchten. Umweht vom Duft nach Sonnencreme und Leberkässemmeln plaudern sie: „Die Kulisse hier ist mega! Sonnenspitze, Zugspitze — was will man mehr. Und es ist so viel ruhiger als im Freibad." Schön und gut, aber auch die zwei Stand-up-Paddler der Gruppe haben die Gebühr nicht entrichtet. „Die Fahrt nach Lermoos zum Hotel ist uns zu weit", rufen sie herüber an den Strand.

Die Tarrenzer Andrea und Dietmar Kössler interessiert das wenig. Sie machen „Kurzurlaub vor der Haustüre“.
- TT/Julia Hammerle

Noch hat diese Ignoranz keine Folgen, doch Mantl wird schon diese Saison ein Security-Team losschicken, das unregistrierte Paddler mit einer Besitzstörungsklage straft: „Dabei geht es um Respekt. Schließlich verlangen wir nichts fürs Schwimmen. Noch nicht."

Die vier Euro, die man an der Zufahrtsstraße zum See einwerfen muss, damit sich der Schranken öffnet, kommen nicht ihm, sondern der Gemeinde Biberwier zugute. Bürgermeister Paul Mascher erklärt: „Dabei geht es nicht in ers­ter Linie darum, Geld einzunehmen. Unser Problem war, dass die Leute ihre Autos an der schmalen Zufahrtsstraße abstellten, sobald der Parkplatz voll war. Da kam kein Rettungsauto mehr durch."

Die Schranke, die sich schon nach der zweiten Saison amortisiert hat, öffnet sich nun nicht mehr, sobald 180 Wägen gezählt wurden. Das Geld, das eingenommen wird, kommt der Sanierung der Blindsee-Straße zugute. „Vielleicht wird damit eines Tages auch jemand bezahlt, der den Müll einsammelt. Davon lassen die Besucher einiges liegen", sagt Mascher, dessen erstes Telefonat als Bürgermeister mit dem Blindsee zu tun hatte: „Man hat mir ganz aufgeregt mitgeteilt, dass eine Gämse von den steilen Felsen in den See gestürzt ist."

Auch für Menschen sei der See nicht ganz ungefährlich. Nach dem Sprung von einer der nackten Klippen, die ihn teils säumen, musste so mancher vom Rettungshelikopter abgeholt werden. „Es gab sogar Tote. Freizeitkletterer. Im Mai, wenn die Platenigl-Blümchen zu Hunderttausenden am Fels hinter dem See blühen, kletterten sie zum Pflücken hinauf und stürzten ab."

Hollywood am Blindsee

Von der dramatischen Geschichte ahnen die entspannten Schwimmer nichts. Ihre größte Sorge gilt einem Sonnenbrand. Die Chancen dazu stehen gut — bei dem wolkenlosen Himmel. „Ein Eis wär' jetzt gut", stöhnt ein Bub, der — typisch Bergsee — nicht aus Sand, sondern Kieselsteinen eine Burg formt. Doch Eis wird er am See nicht finden. Hier gibt es weder Lokal noch Kiosk. Das einzige Gebäude am See ist das Bootshaus. „2016 waren hier zusätzlich ein Steg und eine Holzhütte errichtet worden", sagt Thomas Fuchs von Cine Tirol. Die Bauten standen dort allerdings nur für wenige Wochen: „Sie dienten als Requisiten für den Film ,Brimstone', mit den Hollywood-Stars Dakota Fanning und Guy Pearce in den Hauptrollen." Um zwei Szenen für den Western zu drehen, suchte das Filmteam wochenlang in Kanada und Europa nach einem idyllischen See. Im Außerfern wurden sie fündig.

Die Suche wäre schneller gegangen, hätte das Filmteam sich gleich bei den Tiroler Badegästen erkundigt. Die kennen die besten Orte, um dem Alltag für ein paar Stunden zu entrinnen.

Der Blindsee

Größe: 22 Hektar Fläche

Tiefe: Maximal 25 m

Länge, Breite: 1,1 km, 600 m

Besitzer: Familie Mantl

Temperatur: Im Schnitt 18 Grad

Liegeflächen: zwei Liegestrände

Eintritt: 4 Euro für die Benützung der Zufahrtsstraße, baden ist kostenlos

Sportangebot: Rad fahren und spazieren um den See, angeln, tauchen

Attraktivität: 8 von 10 Punkten — Café gibt es zwar keines, aber ansonsten wird viel geboten