Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 14.10.2018


Reise

La Gomera: Wandern, so weit das Pfeifen reicht

Die Vulkaninsel La Gomera hat zwar kaum nennenswerte Strände, ist aber das schönste Ziel für Wanderer auf den Kanarischen Inseln. Und dann sind hin und wieder ungewöhnliche Pfiffe zu hören.

© APA (dpa/gms/Manuel Meyer)Estefania Venus Mendoza Barrera beherrscht noch die Pfeifsprache „El Silbo“.



Da haben wir noch ein ziemliches Stück vor uns", sagt Julien Gsell. Der Franzose zeigt seiner Frau Claire auf der Wanderkarte den noch verbleibenden Teil des heutigen Tagesmarsches. Eigentlich sind es nicht mehr viele Kilometer. Doch La Gomera, die zweitkleinste der Kanarischen Inseln, ist zwar klein, aber von tiefen Schluchten und Tälern durchzogen. Das Ehepaar aus dem französischen Metz ist mit dem Zelt auf dem Weitwanderweg GR 131 unterwegs. Fast täglich bis zu 1500 Höhenmeter, 43,5 Kilometer Länge insgesamt. „Wir planen mindestens drei Tage ein", sagt Julien.

Insgesamt ist das Pärchen zwei Wochen auf La Gomera. Welche Routen sie noch wandern wollen? „Es ist unglaublich, wie viele Wanderwege es gibt", sagt Julien. Vielleicht nehmen sie noch den zweiten Weitwanderweg mit, den GR 132. Er führt einmal rund um die Vulkan-Insel.

Argoday, der Mächtige

Claire und Julien schultern am Igualero-Aussichtspunkt ihre Rucksäcke und ziehen weiter. Von hier oben überblicken sie fast die gesamte Tagestour, die noch vor ihnen liegt. Markant sticht der 1241 Meter hohe Tafelberg La Fortaleza aus der Landschaft. Das Felsmassiv mit seinen 500 Meter hohen Steilwänden war für die Ureinwohner ein heiliger Berg. Argoday, der Mächtige. Auf seinem schwer zugänglichen Gipfelplateau führten die Guanchen nicht nur Opferrituale durch, dorthin zogen sie sich auch vor den Spaniern zurück, die im 15. Jahrhundert die Insel eroberten. Vielleicht nannten die Konquistadoren den Berg deshalb auch „die Festung"?

So sieht der Märchenwald im Nationalpark Garajonay aus.
- APA (dpa/gms/Manuel Meyer)

Es geht über die Hochebene auf dem GR 131 weiter ins Valle Gran Rey, ins Tal des Großen Königs. Wildkräuter, Wiesen, Terrassenfelder, Kakteen und Agaven säumen den Weg. Schluchten und Täler. Bevor der Weg in Las Hayas im Nebelwald verschwindet, steht ein Halt im wohl bekanntesten Restaurant der Insel an. „La Montaña — Casa Efigenia". Bei Hausherrin Efigenia gibt es seit mehr als 50 Jahren ein Standardmenü mit Kultstatus. Vorspeise: Almogrote, ein mit Olivenöl, Paprika, Tomaten und Knoblauch vermischter Ziegenkäse. Hauptgericht: der traditionelle Puchero-Eintopf mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Dazu Gofio-Brei, geräuchertes Maismehl.

Uralter Lorbeerwald

Aus den Kaktusfeigen, Mangos, Marillen und Papayas im Garten macht Efigenia Marmeladen, die sie verkauft. Man würde dieser herzlichen alten Dame einfach gerne alles abkaufen. Aber der Weg bis zum Strand im Valle Gran Rey ist noch lang und anstrengend. Direkt hinter der Dorfkapelle taucht man auf dem GR 131 in den Nebelwald ein. Ein immergrüner, subtropischer Feuchtwald, der im Spanischen als „Laurisilva" bezeichnet wird, als Lorbeerwald. Nach wenigen Metern wird es schattig und kühl. Vogelgezwitscher überall.

Hier zwischen Las Hayas und Las Creces befindet sich der Wanderer am äußersten Rand des Garajonay-Nationalparks, der zehn Prozent der Insel einnimmt — der größte zusammenhängende Lorbeerwald Europas und seit 1986 Weltnaturerbe der Unesco. Solche Vegetation dominierte vor 30 Millionen Jahren vor allem das südliche Euro­pa, wegen des Klimawandels ver­schwand sie. „Nur noch hier, auf den Azoren und auf Madeira, ist dieser prähistorische Wald zu finden", sagt Nationalpark-Direktor Angel Fernandez Lopez.

Fast 150 endemische Tierarten sind hier heimisch. Seltene Fledermäuse, Buchfinken, Lorbeertauben. In dieser Urzeitkulisse vermutet man hinter jedem Baumstamm Feen und Kobolde. Hüfthohe Farne und Heidekrautgewächse säumen die Pfade. Bartflechten und Moose saugen die Feuchtigkeit der Nebelschwaden auf, die der Nordostpassat entlädt. Besonders beeindruckend ist dieser immergrüne Dschungel bei Raso de la Bruma. Wer konditionell fit ist, sollte den fast neunstündigen Rundweg wählen, der die Höhepunkte des Nationalparks verbindet. Ein Muss ist die Besteigung des Alto de Garajonay, 1487 Meter.

Weiter in Richtung Valle Gran Rey, vom GR 131 auf die Route 5. Der Wald endet plötzlich. So abrupt, wie das Klima wechselt, ändert sich auch die Landschaft. Der Weg führt nun durch Blumenwiesen, vorbei an Weinterrassen und Palmenlandschaften nach Arure.

Kurz dahinter öffnet sich die Hochebene von La Mérica, durchzogen von Felsen und voller Drachenbäume. Steil geht es über 900 Höhenmeter hinab ins Tal des Großen Königs. Lavagestein, Erosionslandschaften, terrassierte Hänge. Pfad. Der serpentinenähnliche Steinweg in die tiefe Schlucht geht in die Knie. Doch die Aussichten ins zerklüftete Tal und auf den Atlantik sind es wert. Sie machen klar, warum auf La Gomera eine einzigartige Pfeifsprache — „El Silbo" — entstanden ist, die zum Immateriellen Unesco-Kulturerbe zählt.

„Noch bis in die siebziger Jahre haben sich vor allem Hirten von Schlucht zu Schlucht mit der Pfeifsprache verständigt", sagt Estefanía Venus Mendoza Barrera. „Früher diente die Sprache auch als Warnsystem vor Piraten. Sie stammt von den Ureinwohnern, den Guanchen", erklärt die „Meisterpfeiferin". Seit einigen Jahren wird die Pfeifsprache wieder obligatorisch in der Schule unterrichtet, damit sie nicht ausstirbt. Als Wanderer kann man gelegentlich noch die gepfiffenen Gespräche mithören — auch wenn man nichts versteht. (APA, dpa)

Der Abstieg ins Valle Gran Rey ist weit.
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