Letztes Update am Fr, 02.11.2018 08:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

„Achtung, tritt bitte nicht auf die Puffotter!“

Drei Tage wandern mit leichtem Tagesrucksack durch Regenwald, über Hängebrücken und an schroffen Felsenküstenhängen: Auf dem „Dolphin Trail“ erlebt man die Vielfalt von Südafrikas Garden Route, meerschweinartige Elefanten-Verwandte und Pflanzen-Aliens.

© Stephan BrünjesDie Wanderer kommen immer wieder an schroffen Felsen vorbei.



Von Stephan Brünjes

„Und hier – unser Serienkiller!“ Kaum hat Minando Jafta diesen Satz ausgesprochen, blickt der Guide in ängstliche Gesichter. Die Köpfe seiner Mit-Wanderer fliegen herum, Augen scannen hektisch Unterholz und Dickicht ab – nach Giftschlangen und Riesenspinnen. Naheliegende Reflexe in diesem dunklen Regenwald-Abschnitt an Südafrikas Südküste. Doch Minando, stets vielsagend lächelnd und mit Sinn für Überraschungen, deutet nach oben: „Hier ist er“, sagt der 30-Jährige und tätschelt einen Baum, der auf den ersten Blick so auch in der Lüneburger Heide stehen könnte: „Er hat schon reichlich Morde auf dem Gewissen.“ Ungläubiges Staunen, erst recht, als Minando erzählt, wie diese Würgefeige ihre Opfer meuchelt: „Sie nistet sich als kleiner Busch in der Krone eines großen, kräftigen Baumes ein, treibt dann unzählige Luftwurzeln aus, die sich – unten angekommen – in den Waldboden graben. Dort saugen sie erstens unterirdisch ihrem Wirtsbaum das Wasser weg, während sie zweitens oberirdisch seinen Stamm umwickeln und ihn so strangulieren, bis er morsch in sich zusammenfällt.“

Der Puffotter sollte man nicht zu nahe kommen.
- Stephan Brünjes

„Open-Air-Classroom“ nennt Minando solche Stopps auf dem dreitägigen Dolphin Trail augenzwinkernd. Stets auf seinen selbst geschnitzten Eukalyptus-Stock gestützt, streut er dann Bio-Fakten in seine Wandergruppe, und zwar wie ein cooler Jung-Lehrer: engagiert, aber ohne Öko-Zeigefinger, detailreich, aber nicht schlaumeiernd. Kurz, kompakt und meist mit einer guten Geschichte. Sein Kalkül geht auf: Um nur ja keine dieser Minando-Storys zu verpassen, lauschen die Dolphin-Trailer ebenso aufmerksam auch bei Informationen zu den bis 9,5 Kilometer langen Tagesrouten und Warnungen vor Giftschlangen – etwa wenn der Guide mahnt, die Kap-Kobra, die Afrikanische Baumschlange und die Puffotter zu meiden. Wird bei Letzterer nur nicht klappen ...

Davon aber ahnt die Gruppe am ersten Tag noch nichts im Storms­ River Mouth Rest Camp. Die komfortabel ausgestatteten Übernachtungsholzhütten – von der Gischt des Indischen Ozeans in Dauer-Sprühnebel gehüllt – verschwinden nach dem Start mit jedem Wanderschritt ebenso rasch wie das Brandungsrauschen.

Wanderführer Minando hat viel zu erzählen.
- Stephan Brünjes

Nach einer halben Stunde schon der ers­te Wow-Moment des Trails: Zwei Hängebrücken überspannen die Mündung des Storms River und geben den Blick frei auf dicht bewaldete Bergrücken zu beiden Seiten und Meereswasser, das dazwischen so stark schäumt, als hätte ein Riese Waschmittel reingekippt. Zwischen den Felsen und auf Grünflächen sonnen sich Klippschliefer. Sie sehen aus wie stummelschwänzige XXL-Meerschweinchen und posieren mit Glück für die Kameras. „Na, wer kennt deren engste Verwandte“, fragt Minando. Die Gruppe tippt sich von Hamster über Murmeltier bis zum Kaninchen durch den Kleintierzoo. „Elefanten“, löst der Guide das Rätsel dann zur Überraschung auf und erklärt, der riesige Dickhäuter und dieses krabbelnde Fellknäuel hätten vor mehr als 80 Millionen Jahren mal einen gemeinsamen Vorfahren gehabt, was sich bis heute im Gensatz beider Tiere zeige.

Die Teilnehmer staunen.
- Stephan Brünjes

Zeit, über das drollige Verwandten-Paar nachzudenken, bietet der erste Aufstieg. Von null auf fast 200 Meter über steile, schmale Geröll-Tritte, mit Holzbohlen abgesicherte Treppen und Steinplateaus. Mit großprofiligen Wanderschuhen und mittelmäßiger Kondition gut zu schaffen, so wie der gesamte Trail. Minando immer voraus, mit seinem Stock in den Boden stochernd, an Bäume tippend und im Gebüsch raschelnd. So, als wollte er bei den Tieren anklopfen: „Hallo, wir sind’s – kleine Menschengruppe nur, ich passe auf, dass keiner in eure Reviere trampelt, und wir sind dann auch gleich wieder weg.“ Vorher stellt der Guide ein, zwei Aliens vor: „Die vermehren sich hier rasant!“ Nanu – wo denn? Minando spricht von Bäumen. Etwa dem Eukalyptus, aus Australien nach Südafrika eingeführt, seine pflanzliche Umgebung erdrückend und Samen streuend, so dass im Nu sieben neue Eukas wachsen, wo einer gefällt wird. Da ist Minando, dem engagierten Naturbewahrer, das heimische Kraut der „Klebrigen Erika“ viel lieber, weshalb er sich und seinen Dolphin-Wanderern jeweils eine bohnenförmige, rote Blüte als Schmuck an die Ohrläppchen heftet. Handys raus, Selfies klicken, sofort in die Heimat schicken!

Die Spezialmischung hilft

Bei Heike, Margareta und Volker juckt’s jetzt, weshalb sie sich gegen weitere Stiche mit Mückenschutz von zuhause eindieseln. Dieses Spray mag Minando zwar nicht gleich den Drogerie-Aliens zuordnen, empfiehlt und spendiert aber seine selbst angerührte Spezialmischung aus Zutaten wie Wasser, Alkohol, Parfüm, Paraffin-Öl und Vaseline, die nach Zitronen-Joghurt riecht. Und wirklich: Einmal damit eingerieben, surrt und pikst kein Störenfried mehr bis zum letzten Meter Dolphin Trail. Vielleicht hat viele von ihnen aber auch die Regenspinne gefangen. Könnte man nachsehen, in ihrem Tennisball-großen Nest, gewebt und an weißen Spinnfäden in einem Busch verankert. „Lieber nicht“, empfiehlt­ Minando, „die Regenspinne legt ihre Eier ins Nest und verteidigt es bei Bedarf sehr zäh.“

Ach, warum geht’s nun wieder runter Richtung Meer, wo doch dieser Aufstieg gerade geschafft war? Egal, Dolphin Trailing macht schon wegen der immer wieder sich öffnenden Küsten-Panoramen Spaß und führt nun durch niederstämmige, dichte Fynbos-Vegetation. „Etwa 8000 verschiedene Arten fassten einst niederländische Eroberer unter dem Sammelbegriff ‚fijnbosch‘ zusammen“, erzählt Minando, „daher der Name.“ Eine davon: die wunderschön blühende Protea – Südafrikas Nationalpflanze. Wieder unten bei der Brandung angekommen, wird beim Lunch auf warmen Sandsteinfelsen klar: Minando schleppt nicht nur das Ers­te-Hilfe-Set für alle mit, sondern im Rucksack auch Wasserflaschen, leckere Sandwiches und Äpfel.

Kurz vorm Ziel der ersten Tagesetappe – alle Dolphin-Wanderer sind gedanklich schon in den luxuriösen Übernachtungs-Chalets der Misty Mountain Reserve –, da hören sie noch ein „Achtung“ von Minando, dieses deutsche Wort, das er so sehr liebt. „Achtung, eine Puffotter – rechts im Gebüsch.“ Die Gruppe weicht instinktiv zwei Schritte zurück. „Also, sie war da“, fährt Minando fort und deutet auf die fleckige Haut, die sich die Giftschlange offenbar an einem Baumstamm abgeschubbert hat. Alle atmen durch und schauen sich den etwa fünf Meter langen, fleckigen Schlauch näher an.

Die Klippschliefer, XXL-Meerschweinchen, sonnen sich an der Küste.
- Stephan Brünjes

Vier Jahreszeiten an einem Tag

Der zweite Wandertag startet mit Dauerregen, waagerecht über die Küste geblasen. Nun wird klar, warum der Dolphin Trail damit wirbt, vier Jahreszeiten an einem Tag zu bieten. Bemooste Böden, verwunschene Bachläufe, schroffe Felsengrate in changierenden Brauntönen – die Wanderer fühlen sich für kurze Zeit in schottische Highlands gebeamt. Doch dann – volle Konzentration im Hier und Jetzt! Denn der schmale, ursprünglich von Fischern geschaffene und daher so genannte Delfin-Pfad endet abrupt. Minando bittet auf einen Felsvorsprung, kaum einen Fuß breit. Eigentlich easy, würde es rechts nicht etwa zehn Meter steil runtergehen. „Also schön nach links lehnen und gut am Felsen festhalten“, rät der Guide. Toller Tipp! Geländer? Gibt’s nicht. Die Dolphin-Kraxler tasten sich über den Grat – alle mit Pudding-Knien, einige im Krebsgang.

Wieder auf sicherem Boden, öffnet Minando den Gewürz- und Medizinschrank des Tsitsikamma-Nationalparks, durch den der Dolphin Trail führt: Eine Krokus-artige Blume entpuppt sich als wilder Knoblauch, aus einer anderen namens Kamasie gewannen Jäger früher ihr Pfeilgift. Und dann ist da noch Wormwood. „Sehr gut gegen Schul-Krankheit“, sagt Minando feixend: „Wenn Kinder nicht zum Unterricht wollen, reichen südafrikanische Mütter ihnen Wormwood als Medizin. Das schmeckt so scheußlich, da machen sich die Kleinen lieber sofort auf den Weg.“ Minandos Gruppe will auch gerade los, da krabbelt eine Art fingerdicker scheckiger Regenwurm durchs Laub. „Achtung, nicht drauftreten – eine Puffotter“, sagt Minando – „eine süße Baby-Schlange, sie ist noch nicht giftig.“

Informationen „Dolphin Trail“

Anreise: Es gibt Flüge von München über Nacht nach Johannesburg, von wo es mit einem zweistündigen Inlandsflug weiter nach Port Elizabeth geht. Von hier sind es im Mietwagen zwei Stunden zum Startpunkt des Dolphin Trails im Storms River Mouth Rest Camp.

Der Dolphin Trail besteht aus zwei Etappen à 7,5 und 9,5 Kilometern. Übernachtungen in Holz-Chalets; das Gepäck – mit Ausnahme des Tagesrucksacks – wird in die jeweiligen Unterkünfte transportiert. Der Dolphin Trail kostet komplett pro Person 436 Euro bei Unterbringung im Chalet zu zweit. Weitere Infos unter




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