Letztes Update am So, 04.11.2018 06:36

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Reise

Mauritius: Eine Reise in vier Welten

Mauritius wird wegen traumhafter Strände bereist. Die Insel bietet aber eine kulturelle Vielfalt, die seinesgleichen sucht: Die Bewohner haben europäische, afrikanische, indische und chinesische Wurzeln – und leben bis heute deren Traditionen.

Beim Sega treten häufig Tänzer in traditionellen Kostümen auf.

© APA/dpaBeim Sega treten häufig Tänzer in traditionellen Kostümen auf.



Was für Europa der Fußball ist, ist für Mauritius das Segeln: Nationalsport. „Du musst für Krish sein“, sagt der ältere Mann. Sein Kumpel schüttelt ernst schauend den Kopf. „Ach, der redet nur, die sind nicht gut genug. Prince, die gewinnen.“ Die beiden sitzen am Pier von Mahébourg und analysieren die Mannschaften. Es sind nur noch wenige Minuten bis zum Rennen, die Boote reihen sich im Wasser an der Startlinie auf.

So wie hier treffen sich beinahe an jedem Wochenende rund um die Insel einige hundert Menschen zu Regatten. Die einfach gebauten Boote mit den farbenfrohen Segeln sind schön anzusehen im türkisblauen Meer, vor der markanten Küste von Mauritius mit seinen dunkelgrün bewachsenen Bergen. Sie haben eine lange Tradition. Schon die frühen Fischer fuhren mit den Pirogen raus. Und tun es teils heute noch. Die größte Regatta findet im Rahmen des Festivals Kreol (17. bis 26. November 2018) statt. Dann feiert die Insel für zwei Wochen ihre Kultur – mit Segelsport, Poetry Slam und vor allem Konzert- und Tanzveranstaltungen wie dem Sware Tipik.

Ein „Sware Tipik“ ist so etwas wie ein Konzert mit Picknick. In einem Park steht eine kleine Bühne, auf den Rasenfläche lassen sich die Menschen zum Essen nieder oder tanzen in kleinen Gruppen. Im Mittelpunkt steht hier die Musik – der Sega. Er ist entstanden, als sich Sklaven heimlich treffen mussten, um Religion und Musik auszuleben.

Segeln ist der Nationalsport auf der Insel.
Segeln ist der Nationalsport auf der Insel.
- APA/dpa

Erst unbewohnt, dann überrannt

Mauritius ist ein faszinierender Schmelztiegel der Traditionen. Die einst von Menschen unbewohnte Insel im Indischen Ozean weit vor der Küste Ostafrikas wurde erst durch Seefahrer besiedelt – von den Holländern ab 1598 und ab 1715 von den Franzosen. Die wiederum verloren 1810 das 2040 Quadratkilometer große Stück Land an die Engländer. Sie hielten Mauritius als Kolonie, bis es 1968 unabhängig wurde.

Die europäischen Kolonialherren brauchten Arbeiter für ihre Plantagen. So kamen erst afrikanische Sklaven und später indische Arbeiter auf die Insel. Irgendwann folgten chinesische Kaufleute.

Die Küche des Landes entdeckt wieder ihre ganz eigene Note.
Die Küche des Landes entdeckt wieder ihre ganz eigene Note.
- iStock

Das Ergebnis dieser Geschichte ist eine multikulturelle Gesellschaft mit einer Vielzahl an Religionen und Traditionen. Alle Mitglieder feiern gemeinsam das muslimische Opferfest, genauso wie das chinesische Neujahrsfest, das auf Mauritius „Frühlingsfest“ heißt, und das indische Lichterfest Divali.

Auf dem Markt bei der Segelregatta wird der kulturelle Mix auf kleinstem Raum besonders deutlich. Hier kann man sich in kürzester Zeit durch die Kulturen der Insel essen. „Wir haben alles“, sagt Reiseführer Sameer Takun. „Was willst du als Erstes – Indisch, Muslimisch oder etwas von meinen chinesischen Freunden?“

Takun geht durch Reihen mit Marktständen voller Gewand, Krimskrams und Kitsch und bleibt an einem Stand mit großen Schüsseln stehen. Er entscheidet sich für eine Art Rettich, der in kleinen Scheiben im Saft des Tamarindenbaums eingelegt wurde. Gewöhnungsbedürftig, aber ab dem dritten Bissen köstlich. Die Scheiben werden genauso wie eingelegte Mangos und Ananas als Bowle im Becher gereicht. Danach gibt es noch eine Kokosnuss.

Drei Stände weiter gibt es auf einem Blatt Riz frite, gebratenen Reis mit Rosinen. „Und jetzt müssen wir zum Inder“, sagt Takun und zeigt auf eine improvisierte Garküche. Es ist ein Familienbetrieb, acht Menschen tummeln sich auf drei Quadratmetern und braten scharfe Samosas oder backen das Brot für Dholl puri. Das in Fladen gewickelte Linsengericht ist so etwas wie das Nationalgericht von Mauritius. Ein Radio spielt laut indische Musik. Der Chef der Garküche lässt jeden erst einmal kostenlos einen Happen probieren und fragt dann: „Willst du mehr?“ Zum Abschluss gibt’s noch Erdnüsse, die nicht geröstet, sondern ganz frisch vom Baum geerntet und in Salzwasser gekocht wurden. Das macht sie ungewohnt weich.

Die Küche wird oft als Fusionsküche beschrieben. Nicht unbedingt auf den Märkten und Festen, wohl aber in den gehobenen Res­taurants werden auch noch die französische und englische Küche der Kolonialherren angeboten – und gerne alle Einflüsse kombiniert. Doch die Küche – wie auch die Kultur – der Insel hat auch ihre ganz eigene Note. Diese Individualität entdeckt Mauritius derzeit erst und lernt sie zu betonen.

Zeitreise ins 19. Jahrhundert

Das sieht auch Bernard Maurice so: „Es gibt nun mehr Interesse daran, die Geschichte aufzuarbeiten, auch um sie den Touristen zu zeigen und sie aus den Hotels zu locken.“ Maurice ist Leiter und Kurator des Chateau de Labourdonnais in Mapou. Das alte Kolonialhaus wurde erst vor wenigen Jahren zum Museum umgestaltet und widmet sich der Geschichte der Insel samt Sklaverei und Zuckerrohr-Anbau. Man fühlt sich zurückversetzt in ein hübsches Haus im 19. Jahrhundert, aber auch in die grausamen Lebensverhältnisse der Sklaven in dieser Zeit.

Jener Zeit, in der viele Traditionen der afrikanischen Bevölkerung im Land entstanden. Auch die typische Musik, der Sega. Er verbindet alle Generationen und dominiert die Musikszene des Landes. Vor allem klingt es nach fröhlichem Karibik-Sound, zumal eine beliebte moderne Variante Sega mit jamaikanischem Reggae mischt. Aber sie kann in den Ohren eines Laien auch einem französischen Chanson ähneln, nach Ska oder Polka klingen.

Was auffällt bei einem Sega oder Sware Tipik: Es sind Veranstaltungen, die fast nur Menschen mit afrikanischen Vorfahren besuchen. Es ist ihr Erbe. Die verschiedenen Kulturen auf Mauritius existieren eher parallel, sie vermischen sich kaum.

„Wenn wir untereinander heiraten würden, stellt sich die Frage der Religion der Kinder“, erklärt Taxifahrer Amir Amja Beegun. „Einer der Partner müsste seine Kinder der anderen Religion geben – das geht nicht. Das erlauben die Eltern nicht.“ Und wenn Liebe im Spiel ist? „Dann sagen die Familien trotzdem meistens Nein.“

Und so bleiben die Religionen, wenn es um die Heirat geht, in den allermeisten Fällen unter sich. „Aber zu den Hochzeiten laden wir alle ein, Hunderte von Menschen sind das, und feiern zusammen“, betont Beegun. Auch die Feiertage der Religionen werden gemeinsam verbracht. „Wir verstehen uns gut, meine Familie feiert viele Feste mit all unseren Nachbarn. Da kommen Inder, Muslime, Chinesen. Ich feiere besonders gerne bei den Muslimen, die kochen sehr köstlich.“ (APA, dpa)




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