Letztes Update am Fr, 09.11.2018 09:47

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Portugal

Das alte Porto erstrahlt in neuem Glanz

Porto boomt. Ein Grund: Junge Gründer und immer mehr Touristen, die mit Billigfliegern anreisen, bringen neues Leben in die Hafenstadt im Nordwesten Portugals.

© iStockMit den Holzbooten wurden früher Weinfässer den Douro hinunter nach Porto transportiert.



Seit Jahrhunderten bauen die Portuenser Wohnhäuser, barocke Kirchen und Stadtpaläste in die vom Fluss aufsteigenden Hänge: Schichten von Geschichte in einer Collage aus leuchtend roten Ziegeldächern und mit Azulejo-Fliesen und bunten Wäschestücken geschmückten Grantitfassaden. Aus Dächern sprießen Farne und Blumen, aus der Gesamtkulisse mächtige Kirchtürme, auf denen wuchtige Steinkreuze thronen. Die Feuchtigkeit des Ozeans taucht die Altstadt in weiches Licht.

Candido Venzeslao ist in Portos ältestem und ärmstem Quartier verwurzelt: Sao Nicolau, der Kern des Altstadtviertels Ribeira. „Niemand stellte einen von uns ein“, erinnert sich der 66-Jährige noch an seine Jugend. „Nicht mal als Kellner oder Hilfsarbeiter wollten sie uns damals.“

Das Haus seiner Kindheit hat sich in all den Jahren kaum verändert: Dunkle bleigraue Fassade und eine schwere hölzerne Eingangstür: „Wir haben zu acht in einem vier mal zwei Meter kleinen Zimmer gewohnt, kein Licht, kein Strom, keine Küche, kein Bad“, erzählt Candido. Seine ruhige, leise Stimme übertönt kaum die Regentropfen, die auf seinen Schirm prasseln.

Passanten gehen über im Regen glitzerndes Pflaster an der Praca de Carlos Alberto.
- Robert B. Fishman

Das Bett unter der Treppe teilte er sich mit zwei Brüdern. „Wenn ich zum Nachttopf wollte, mussten alle aufstehen.“ Viele seien krank geworden, hätten in den ständig feuchten Wohnungen Tuberkulose bekommen. „Arm waren wir alle, aber das Wenige haben wir geteilt.“ Seine Geschichte erzählt der Rentner auf den Percursos das Memorias, den Rundgängen der Erinnerung.

Mit zwei Kolleginnen organisiert Mafalda die Touren und übersetzt die Erzählungen der Anwohner ins Englische oder Spanische. Unterwegs besuchen sie die Nachbarn in ihrem Alltag: kleine Läden, die Werkstatt eines alten Mannes, der Schiffsmodelle baut, oder den Sportverein.

Am einstigen Hafenkai vor dem Vereinsraum haben neue Lokale aufgemacht. Die Restaurants am Wasser sind voll. Ihre Lichter spiegeln sich im Fluss. Die Holzboote, mit denen die Winzer einst ihren Wein den Douro herunter in die Kellereien der Stadt schafften, ruhen jetzt mit Fässern geschmückt als Dekoration am Ufer.

Ein Straßenmusiker spielt die Lochkarten-Orgel in der Rua das Flores.
- Robert B. Fishman

„Hier war eine Bar, vor der sich jeden Morgen die Tagelöhner versammelt haben“, erzählt Candido. Wer Glück hatte, wurde für einen Job mitgenommen. Abends trafen sie sich alle wieder in der Kneipe. „Allein hier unten hatten wir sieben Bars und Cafés und vier Lebensmittelgeschäfte. Alle weg“ – wie die meisten seiner ehemaligen Nachbarn.

Die meisten Gebäude in Sao Nicolau hätten früher der Stadt gehört. Diese habe sie an Investoren verkauft. „Wir kennen die Hausbesitzer nicht mehr. Es sind Fonds und andere anonyme Gesellschaften“, beklagt Candido, der bleiben will. „Es ist die Keimzelle Portos. Ich bin hier geboren und aufgewachsen.“

Verwunschenes Bücherparadies

Jenseits der Innenstadt führt Matilda durch einen der schönsten Buchläden Europas, die Libreria Lello. Wie viele junge Portugiesen hat sie nach dem Tourismus-Studium keinen Job gefunden. Dann brauchte Lello Verstärkung.

Matilda bekam ihre Chance. Seit zwei Jahren wollen jeden Tag an die 4000 Touristen das Bücherparadies mit der geschwungenen roten Freitreppe und den drei Etagen hohen, wandfüllenden verschnörkelten Regalen sehen. Durch das mit Jugendstilmotiven bemalte Glasdach fällt weiches Licht. Um den Ansturm zu bewältigen, verkaufen die Buchhändler online Eintrittskarten mit aufgedruckten Besuchszeiten für drei Euro pro Person. Wer im Laden einkauft, bekommt das Geld erstattet. Aus den Einnahmen haben sie schon die Fassade ihres 1906 im neugotischen Stil erbauten Hauses renoviert.

Die historische Buchhandlung ist ein gefundenes Fressen für Bücherwürmer.
- Robert B. Fishman

Matilda organisiert den Ticketverkauf und Führungen durch den Buchladen, der angeblich J.K. Rowling Inspirationen für den ersten Harry-Potter-Band geliefert hat. „Wir haben sie danach gefragt, aber keine Antwort bekommen“, erzählt Matilda.

„Viele meiner Freunde waren arbeitslos“, erzählt die 30-Jährige. „Jetzt haben einige eine Weinbar oder ein Hostel aufgemacht und können davon leben.“ Andere fahren Besucher mit Tuk-Tuks durch die steilen Altstadt-Gassen oder bieten Gästegruppen komplette Tourenpakete an. Kulinarische „Food and Wine Tours“ führen in historische Lebensmittelgeschäfte und Weinbars mit Verköstigungen. Unterwegs spricht man mit Köchen und Ladenbesitzern, probiert natürlich Portwein, Wachteln oder etwas ausgefallene Neukreationen wie Sardinen in Honig des Fisch-Konservengeschäfts La Conserveria.

Ein Spiel mit dem Feuer

„Tourismus ist wie Feuer. Du kannst damit deine Suppe wärmen oder dein Haus abbrennen.“

Seit die Touristen nach Porto strömen, wird gebaut und saniert. Die Immobilienpreise haben sich in den letzten sechs Jahren zum Teil mehr als verdoppelt. Alte Krämerläden werden zu teuren Gourmetshops umgebaut.

In den ehemaligen Arbeitervierteln Campanha und Bonfim am Ostrand der Innenstadt stehen immer noch viele Häuser leer. Bauten aus massivem Granitstein, verziert mit den traditionellen handgemalten portugiesischen Kacheln, den Azulejos, würden anderswo längst unter Denkmalschutz stehen.

Möwen am Strand von Matosinhos.
- Robert B. Fishman

„Invicta“, die Unbesiegte, nennt sich Porto. Noch nie haben fremde Truppen die Stadt erobert. Sie hat die Belagerungen der Spanier und Napoleons Armee abgewehrt, die Verarmung während der Diktatur und in der letzten Wirtschaftskrise überstanden. Nun verändert der Tourismus die Stadt. Alte Bauten werden gerettet. Der Charme einer lebendigen Altstadt der Einheimischen verblasst. (Robert B. Fishman)

Informationen zu Porto

Entdecken: Den Wandel der Stadt zeigt Pedro auf seinen „Worst Touren“: Zu Fuß geht es durch ehemalige Industrieanlagen und Arbeiter-Wohnheime, vorbei an verschnörkelten Villen aus dem frühen 20. Jahrhundert und durch Hinterhöfe, die sonst nie ein Tourist findet. theworsttours.weebly.com

Authentische Erfahrungen abseits der Touristenpfade verspricht Portgall-Gründer Luis auf seinen Touren, die z. B. auf einen Bio- und Kräuterbauernhof am Stadtrand oder in eine Portweinkellerei führen. Im Sommer schlüpfen Schauspieler auf den Porto Story in die Gewänder historischer Figuren und zeigen so in Szenen aus früheren Zeiten ihre Stadt. www.portgall.com

Anschauen: Portugals mit 197 Stufen (76 Meter) höchster Turm, der Torre dos Clérigos, gehört zu einem ehemaligen Kloster. Von oben bietet sich der beste Blick über die Stadt Porto. Rua de São Filipe de Nery, www.torredosclerigos.pt

Essen: Im Torreao finden ehemalige Obdachlose in den Räumen eines 700 Jahre alten Adelspalastes neue Perspektiven. Ein Verein bildet sie zu Kellnern aus. Die Einnahmen aus dem Restaurant mit der Terrasse über den Dächern von Porto mit Blick über das Douro-Tal kommt der Arbeit des Vereins zugute, Rua das Virtudes 11, www.saom.pt/restauracao/restaurante-torreao.aspx

Die Recherche zu diesem Beitrag wurde unterstützt vom Porto and Northern Portugal Tourism Board.