Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 23.12.2018


Reise

Die Höhlenstadt präsentiert sich 2019 ganz Europa

Felsenhöhlen und kuriose Prozessionen: Matera ist Europäische Kulturhauptstadt 2019 und ganz anders als ihre Vorgänger.

Matera mit seinen Höhlensiedlungen wirkt wie aus einer anderen Welt.

© iStockMatera mit seinen Höhlensiedlungen wirkt wie aus einer anderen Welt.



Text und Fotos: Stephan Brünjes

Es fängt an wie in fast jeder italienischen Altstadt: Ein Bummel durch Gassen mit Läden, Obstkarren und Straßenhändlern. Nach Espresso und Gelato rüberschauen zur Piazza Vittorio Veneto. Durch einen Torbogen geht's auf eine Aussichtsplattform. Nichts und niemand bereitet die Besucher vor auf das nun in den Blick geratene Panorama: Ein Schlund von fast 180 Grad. Drei, vier Stockwerke — mehr als 100 Treppenstufen — tief geht es hinunter in die Schlucht, die der Fluss Gravina jahrtausendelang in Kalksandstein gewaschen hat.

Bebaut ist die kraterartige Senke fast bis zum Horizont mit ge­duckten Kastenhäusern, scheinbar wahllos zueinandergestellt und aufeinandergestapelt, durchzogen von Gassengewirr und ge­spickt mit schwarzen Löchern.

Die süditalienische Stadt Matera ist 2019 die Kulturhauptstadt Europas.
Die süditalienische Stadt Matera ist 2019 die Kulturhauptstadt Europas.
- bruenjes

Höhlen sind es — Sassi genannt — italienisch für Steine. So heißen die in der Schlucht liegenden Keller-Stadtviertel von Matera bis heute. 60 ehemalige Felsenkirchen befinden sich darin und viele Wohnungen, seit der Spätantike jahrhundertelang in die Felsen geschlagen und gebohrt.

Im Schlund von Matera

Tagsüber erscheinen die Sassi auf den ersten Blick etwas schäbig. Sandfarbene Fassaden mit Grauschleier, zugesperrte Tordurchgänge, hinter denen es aussieht wie am Sperrmülltag. Holprige Kopfsteinpflasterwege, bröckelnde Fassaden. Dazwischen aber herausgeputzte Läden, ein paar Hotels, Wohnungen. Abends weicht dann der Schmuddel-Eindruck, und die Sassi erstrahlen als aufgehübschte Diva der blauen Stunde.

Abendsonnenstrahlen tauchen die Höhlenschlucht in violettes Licht, mittendrin wirken gelbe Straßenlaternen wie Glühwürmchen. Restaurants öffnen, Gäste sitzen davor. Diese einmalige Atmosphäre kann man am besten erleben, wenn man eine Nacht im Schlund von Matera verbringt. Im „Hotel Sassi" etwa. Es besteht aus miteinander verbundenen Höhlen. Eine ehemalige Felsenwohnung mit grandiosem Blick über den Sasso Barisano.

Abends fällt man in ein Bettgestell unterm Tuffsteingewölbe. Möglich, dass nachts nicht nur der Sandmann was in die Augen streut, sondern auch feiner Staub von der Decke rieselt.

Die in den Felsen geschlagenen Wohnungen und Kirchen sind Weltkulturerbe.
Die in den Felsen geschlagenen Wohnungen und Kirchen sind Weltkulturerbe.
- iStockphoto

Das „Sextantio Le Grotte della Civita" hat 16 Höhlenräume, eingerichtet mit renovierten Eisen- und Holzbettgestellen, von den Betreibern aus einst aufgegebenen Häusern der Umgebung zusammengesucht. Die Seifen im Bad duften nach Veilchen und sind selbstgemacht. Noch bis in die 1950er-Jahren gehörte Seife hier allerdings nicht zum Alltag.

Damals hausten 15.000 Menschen unter ärmlichsten Verhältnissen. Keine Heizung, kein Strom, kein fließend Wasser, die Abwässer wurden in Bäche geleitet. „Christus kam nur bis Eboli", stöhnten die Leute, meinten damit eine Stadt, 170 Kilometer entfernt und ihre eigene Hoffnungslosigkeit, in der nicht mal ihr strenger katholischer Glaube als Trostspender taugte. Der 1936 von Mussolinis Faschisten nach Matera verbannte Arzt, Maler und Schriftsteller Carlo Levi hörte diesen Klagespruch immer wieder, machte ihn zum Titel seines 1945 erschienenen, weltberühmten Buchs.

Darin beschreibt er Menschen, die mit ihrem Vieh in den Höhlen lebten wie im Mittelalter, er erzählt von hungernden Kindern mit Malaria-Mücken im Gesicht. Geflohen waren die Menschen hierher in den Jahrzehnten zuvor als Opfer einer Agrarreform. Der italienische Ministerpräsident de Gasperi, aufgeschreckt durch das Buch und daraus resultierenden, hitzigen Parlamentsdebatten, verfügte 1952, die Sassi von Matera zu räumen. Die Menschen bekamen aus dem Boden gestampfte Neubauwohnungen am Rande der heute etwa 60.000 Einwohner zählenden Provinzhauptstadt.

„La Vergogna Nazionale" — die Schande Italiens — sollte raus aus den Schlagzeilen. Die Sassi wurden zeitweise Heimat für Künstlergruppen, in den Sechzigern mal Filmdrehort und seit den 1980er-Jahren Höhle für Höhle wiederbelebt — mit einem Abkommen zwischen italienischem Staat und Matera, günstigen Krediten sowie Subventionen für Investoren.

Matera als Filmdrehort

Seit 1993 sind die Sassi Weltkulturerbe. Aber weil sie heute immer noch stellenweise anmuten wie zu biblischen Zeiten, kann man mit Glück Hollywoods Drehteams in Matera erleben. 2015 etwa wurden hier Szenen vom Remake des altrömischen Wagenrennen-Klassikers „Ben Hur" gedreht — diesmal mit Jack Huston und Morgan Freeman.

Täglich können Matera-Besucher nachempfinden, wie die Menschen in den Sassi einst gehaust haben: In der „Storica Casagrotta", einer „Musterwohnung", schieben sich Neugierige zwischen dem mitten im Raum stehenden Webstuhl, Kinderbetten, einem lebensgroßen Pferd und einer Speisekammer-Nische durch. „Ja, so haben auch meine Großeltern noch in einer Höhlenwohnung gelebt", erzählt Pietro Moliterni. Der in Matera aufgewachsene und in Deutschland arbeitende Unternehmensberater erinnert sich noch daran, wie sein Opa sogar Wein in der Höhle produzierte.

Als ideale Reisezeit für Matera empfiehlt Pietro Ende Juni bis Anfang Juli — zur alljährlichen „Festa Madonna della Bruna". Der Höhepunkt dieses Patronatsfestes ist immer der 2. Juli: Unter krachendem Feuerwerk ziehen acht Maultiere, eskortiert von Männern in Rittertracht, den „Carro trionfale", einen Festwagen mit der Madonna obendrauf durch die Straßen. Am Ende dieses Korsos stürmen junge Männer das Gefährt auf der Piazza Veneto und plündern die Aufbauten aus Pappmaché, reißen Stücke vom Jesusbild, Engelsköpfe u.a.m. herunter. „Jede Familie in Matera ist scharf darauf, ein solches Teil vom ,Carro' zu bekommen", erzählt Moliterni. Diese würden als moderne Reliquien daheim aufgehängt.

Im Juli 2019 geschieht das zum 630. Mal und wird ein Höhepunkt im Programm des Kulturhauptstadtjahres sein. Eröffnet wird es am 19. Jänner 2019 um 19 Uhr, wenn exakt 2019 Musiker aus Italien und ganz Europa als XXL-Marching-Band durch Matera ziehen.

Vereinzelt sind schon Banner für 2019 an Straßenlaternen zu sehen — das Logo darauf zeigt etwas unmotiviert zueinander stehende kleine und große, bunte Rechtecke: Sie sollen die Sassi und ihre Fenster symbolisieren.

Am 19. Jänner 2019 geht's los

In Taxis, Cafés und Geschäften reden die Einheimischen immer öfter über das Kulturhauptstadtjahr — oft kontrovers: Die einen sind stolz, dass Matera sich 2015 durchgesetzt hat — erst in Italien gegen Siena und Perugia, dann gegen europäische Konkurrenten.

Nun erhoffen Kulturhauptstadt-Befürworter sich mehr Umsatz durch geschätzte 800.000 Besucher 2019. Die Skeptiker fragen, wie die in normalen Jahren ohnehin schon enge, überfüllte Stadt diesen Ansturm bewältigen soll.

Etwa 5000 Bürger haben sich bereiterklärt, eine Fahne mit dem Logo rauszuhängen — als Einladung an Besucher, sich doch mal die Stadt aus ihrer Perspektive anzuschauen. Die Besucher — so die Erwartung — werden dieses besondere Erlebnis weitererzählen, und so werde Matera als Kulturhauptstadt in anderen Ländern bekannter, sagen die Befürworter.

Thematisch will Matera 2019 einen Bogen spannen von den bis zu 10.000 Jahren alten „schwarzen Löchern" (Höhlen) der Sassi bis zu denen im Weltall, die im städtischen Planetarium beobachtet werden. Erleben können Besucher diese Zeitreise etwa an Installationen in der ältesten Höhle „Grotta dei Pipistrelli", in einem Mittelalter-Themenpark und einem Space Park. Dazu soll es Konzerte in einer byzantinischen Höhlenkirche geben und einen Skulpturenpark in einem Steinbruch. Insgesamt stehen 55 Millionen Euro für die Kulturangebote zur Verfügung.

Vorfreude herrscht bei vielen Bürgern Materas jetzt schon, denn zusätzlich soll die Stadt an einigen Stellen auf Vordermann gebracht werden — mit vier Millionen für die Infrastruktur: Die betongraue Steinwüste „Piazza della Visitazione" mitsamt Parkplätzen und Busbahnhof etwa bekommt ein Facelift und einen freundlichen Park, sodass hier niemand mehr auf bröckelnden Mauervorsprüngen auf seinen Bus warten soll. Allerdings sollen dafür auch 86 Bäume gefällt werden, was schon Gegner auf den Plan gerufen hat.

Allerdings gibt es auch zur Aufhübschung der Stadt kritische Stimmen — über Kompetenz-Wirrwarr, die lästigen Baustellen und das dadurch verursachte Verkehrschaos sowie die Befürchtung, dass vieles nicht rechtzeitig fertig wird.

Eine Stimmungslage, die jedoch typisch ist für die meisten Kulturhauptstädte der vergangenen Jahre, in denen Monate vorm Start nur wenig darauf hindeutete, dass alles rechtzeitig fertig wird.

Ein Bild mit Seltenheitswert: unterwegs im alten Teil der Stadt ohne viele Touristen.
Ein Bild mit Seltenheitswert: unterwegs im alten Teil der Stadt ohne viele Touristen.
- bruenjes