Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 06.01.2019


Reise

Bei eisigem Wind durch das winterliche Watt wandern

Gummistiefel und dicke Jacken statt nackte Füße und kurze Hosen: Wattwandern in der deutschen Nordsee ist auch im Winter ein Erlebnis.

Bei ungemütlichem Wetter stapfen kleine Gruppen in Gummistiefeln durch die winterliche Nordsee.

© dpaBei ungemütlichem Wetter stapfen kleine Gruppen in Gummistiefeln durch die winterliche Nordsee.



Kiel — Höchstens ein paar Grad über null: So kalt ist die Nordsee in Westerdeichstrich, nahe Büsum, im Februar. Wer mitten im Winter durch sie hindurchmarschiert, sollte das wissen, findet Wattführer Johann P. Franzen. Mag ja alles harmlos aussehen, jetzt, bei Ebbe. Aber wer zwischen zwei der kleinen Rinnsale gerät, die gerade so gemütlich vor sich hinplätschern, und von der Flut erwischt wird — dem steht das Wasser schnell bis zum Hals. Der Wattführer schaut grimmig, denn mit seinem Meer ist nicht zu spaßen. Schon gar nicht bei dieser Kälte.

Die paar vereinzelten Wattwanderer, die sich an diesem Morgen um ihn scharen, blinzeln leicht verängstigt. Ihre Fragen stehen ihnen ins Gesicht geschrieben: Hätte ich doch noch einen Pulli mehr anziehen sollen? Und diese Stiefel, halten die wohl dicht? Spätestens eine Stunde später wird ihnen klar sein: Man kann gar nicht zu viel anziehen für eine Wattwanderung im Winter.

Wattwandern, das verbinden die meisten mit dem Sommerurlaub an der Nordsee. Barfuß durch den Schlick und dicke Würmer aus dem Boden ziehen, eine herrliche Kindheitserinnerung.

Wattführer Johann P. Franzen kennt die Nordsee bei Westerdeichstrich wie seine Westentasche. Im Sommer und im Winter ist er im Watt unterwegs.
Wattführer Johann P. Franzen kennt die Nordsee bei Westerdeichstrich wie seine Westentasche. Im Sommer und im Winter ist er im Watt unterwegs.
- Teresa Nauber

Es gibt aber durchaus ein paar Furchtlose, die auch im Winter durchs Watt waten. Franzen bietet in Westerdeichstrich in der Nähe des Badeortes Büsum zweimal im Winter die „Drei-Priele-Tour" an. Rund vier Stunden stapfen die Teilnehmer mit ihm durchs Watt. Danach gibt es Grünkohl.

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Los geht es vom Deich aus, wo der Wind einem bereits gnadenlos um die Ohren pfeift. Einmal im Watt angekommen, erschließt sich aber Franzens Liebe zu diesem besonderen Ort: Auf der ockerbraunen Fläche spiegelt sich der eisblaue Himmel, beides verschmilzt zu einer einzigen Landschaft. Lugt die Sonne zwischen den Wolken hervor, taucht sie die seltsame Szenerie in ein gespenstisches Licht.

Zu hören sind das Plätschern des Wassers, das Rauschen des Windes und ein Schmatzgeräusch, das die Gummistiefel auf dem Boden erzeugen. Ansonsten Stille. Die Unesco hat das ganze Wattenmeer von Dänemark bis in die Niederlande zum Weltnaturerbe erklärt.

Wattführer Franzen sucht und gräbt nach einem Wattwurm. Viele Tiere sind im Winter aber nicht zu sehen.
Wattführer Franzen sucht und gräbt nach einem Wattwurm. Viele Tiere sind im Winter aber nicht zu sehen.
- dpa

Wattführer Franzen steuert das Grüppchen zielsicher von einem Wasserlauf zum nächsten. Manche dieser so genannten Priele gleichen bei Ebbe eher Rinnsalen, auf anderen können aber auch bei niedrigem Wasserstand noch Schiffe fahren.

Franzen erklärt die Unterschiede zwischen Mischwatt, Schlickwatt, Sandwatt. Und warum das Meer sich hier überhaupt alle paar Stunden zurückzieht, nur um dann mit aller Macht zurückzukehren.

Zu lange allerdings verharrt der Wattführer nie an einer Stelle. „Ihr sollt ja nicht festfrieren", sagt er und lacht. Dann hebt er den Zeigefinger und schimpft mit all jenen, die mit billigen Plastik-Gummistiefeln angereist sind — und das längst bitter bereuen. Richtige Gummistiefel, lernt der Landmensch, die sind aus Kautschuk. „Darin bekommt ihr auch keine kalten Füße", erklärt Franzen. Weiß man dann fürs nächste Mal. Schönen Dank.

Solche Weisheiten sind nicht der einzige gute Grund für eine geführte Wanderung durchs Watt. Allein rauszugehen, das sei richtig gefährlich, sagt Karl-Heinz Kolle. Der Chef des Büsumer Traditionsrestaurants „Kolles alter Muschelsaal" kennt das Watt seit seiner Kindheit. Er weiß: Kommt die Flut, dann sehen unerfahrene Wattwanderer das Wasser nicht kommen. Zuerst füllen sich nämlich die Priele. Winzige Rinnsale können binnen Minuten zu reißenden Flüssen werden und die Wanderer umzingeln.

Wer denkt, dass er da dann locker durchschwimmt, irrt. Viele Priele fließen rasend schnell. Im Winter tut die Wassertemperatur ihr Übriges. Schlimmstenfalls schwimmt, wer eben noch festen Boden unter den Füßen hatte, plötzlich im offenen Meer.

Auch der Umwelt zuliebe ist eine Führung sinnvoll. Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ist nämlich in Schutzzonen unterteilt. Manche Gebiete dürfen Menschen gar nicht betreten, etwa weil selten gewordene Tierarten nicht gestört werden sollen. „Da sieht man aber immer wieder welche spazieren", sagt Franzen. Dass ihm das nicht gefällt, muss er nicht dazusagen.

Eine gute Stunde später — die Füße fühlen sich längst wie Eisklumpen an — hält der Wattführer ein letztes Mal an. Mit seiner Grabegabel reißt er Löcher in den Boden. Wieder und wieder, bis er schließlich strahlend einen Wurm in den Händen hält. Das Tier verharrt regungslos, wird von allen Seiten fotografiert und darf sich dann zurück in den Boden graben.

Mehr Getier, das stellt Franzen gleich klar, ist nicht im Winter. Man könne froh sein, dass sich der kleine Kerl überhaupt hat blicken lassen.

Andererseits: Im Sommer durchs Watt — das kann ja jeder. Im Winter ist es dagegen etwas Besonderes. Außerdem müsste der anschließende Grünkohlschmaus im Sommer auch saisonbedingt ausfallen.

Das wäre aber nicht zuletzt wegen der Grünkohl-„Beilagen" schade: Kasseler, Kochwurst, Schweinebacken und karamellisierte Kartoffeln schmecken wohl am besten, wenn man vorher stundenlang im eiskalten Watt umhergetaumelt ist. (APA

Der Lohn der Winter-Wattwanderer, die anschließende Mahlzeit: Grünkohl mit Kasseler und Kochwurst.
Der Lohn der Winter-Wattwanderer, die anschließende Mahlzeit: Grünkohl mit Kasseler und Kochwurst.
- dpa

frm)