Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 28.04.2019


TT-Magazin

Eine Reise durch Israel: Zwischen Muezzin und Kirchenglocken

Von der jüdischen Klagemauer über Jesu Kreuzweg auf den muslimischen Bazar – wer durch Jerusalem spaziert, merkt schnell, dass hier drei Religionen eng beieinander leben. Eine Reise in eine vielfältige Stadt, begleitet von Tagesausflügen quer durch Israel und Palästina.

Der Felsendom mit der prunkvollen goldenen Kuppel ist die drittheiligste Stätte des Islams, in einer Stadt, in der sich drei Religionen treffen.

© iStockphotoDer Felsendom mit der prunkvollen goldenen Kuppel ist die drittheiligste Stätte des Islams, in einer Stadt, in der sich drei Religionen treffen.



Text und Fotos: Clara Maier

In Jerusalem marschiert ein Pärchen durch die Verkaufsgassen.
In Jerusalem marschiert ein Pärchen durch die Verkaufsgassen.
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Einen beeindruckenden Blick auf das rege Treiben Jerusalems gibt es an der Ha Kotel Straße. Anna, die zweimal täglich gegen freie Spende durch die Stadt führt, hat sich mit einer Reisegruppe hier eingefunden. Sie deutet auf den gegenüberliegenden Tempelberg und erklärt: „Der Felsendom, der dort drüben neben der Al-Aqsa-Moschee steht, ist nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte des Islam. Man sagt, Prophet Mohammed habe von dessen Grundstein aus die Himmelfahrt angetreten." Gespannt lauschen die Reisenden, bevor sie die Smartphones zücken, um die prunkvolle goldene Kuppel festzuhalten.

Sie werden dabei von dem regen Treiben am Fuße des Tempelberges, der allerdings eher ein Hügel ist als ein Berg, abgelenkt. Jüdische Männer mit langen Schläfenlocken, Bart und einem hohen Hut wippen vor und zurück, legen die Stirn an die Klagemauer und beten neben elegant in Schwarz gekleideten Frauen. Vor allem zu Beginn des Sabbats, am Freitagabend, wird das gemeinsame Gebet feierlich begangen. „Der muslimische Felsendom war nicht die erste heilige Stätte an diesem Ort", setzt Anna fort. „Die jüdischen Könige David und Salomon hatten bereits rund 950 vor Christus einen Tempel erbaut, der später zerstört wurde. An seinem Grundstein, über den jetzt der Dom wacht, war nach jüdischer Überlieferung die Welt gegründet worden. Die Klagemauer blieb als Überbleibsel erhalten." Zwei Religionen zanken sich also um den heiligen Stein, der im jeweiligen Glauben eine große Bedeutung hat. Das sorgt für regelmäßige Polizeikontrollen, ansonsten bleiben die religiösen Spannungen für Reisende weitgehend verborgen. Wer möchte, kann den Gebeten nacheinander auf Hebräisch und Arabisch lauschen und prompt von einer Mentalität in die andere wechseln.

Treffpunkt der Traditionen

Jeder nimmt noch einen Schluck Wasser, da die Sonne mittags vom Himmel brennt, bevor die Gruppe weiterzieht. Der Weg führt von den blank geputzten Gassen im jüdischen Viertel durch den muslimischen Bazar, in dem köstliche Medjoul-Datteln, duftendes Curry-Gewürz und niedliche Stoffkamele angepriesen werden. Die Falafel-Sandwiches duften herrlich. Als das lebhafte Getümmel nachlässt, deutet Anna auf das Straßenschild der Via Dolorosa, zu Deutsch „schmerzhafter Weg".

Die wassereiche Oase En Gedi lädt zum Entspannen ein.
Die wassereiche Oase En Gedi lädt zum Entspannen ein.
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Ein dritter Glaube kommt jetzt ins Spiel: das Christentum. Den Prozessionsweg soll Jesus vor seiner Kreuzigung und Auferstehung entlanggeschritten sein. Er führt vom Löwentor, einem der acht Stadttore, bis zur Grabeskirche im christlichen Viertel. Obwohl die christliche Bevölkerung nur einen geringen Anteil von rund zwei Prozent neben 64 Prozent jüdischen und 34 Prozent muslimischen Einwohnern ausmacht, erklingen die Kirchenglocken regelmäßig und ergänzen die religiöse Vielfalt.

Annas Stadtführung endet nahe dem Jaffa-Tor, dessen arabischer Name Bezug auf den Weg nach Bethlehem nimmt. Eine Reise dorthin sei, wie die junge Stadtführerin abschließend bemerkt, empfehlenswert.

Eine Nonne in Bethlehem
Eine Nonne in Bethlehem
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Straßenkunst im Gebursort Jesu

Das lässt man sich nicht zweimal sagen. Der Bus nach Bethlehem fährt 45 Minuten ins südliche Westjordanland. Jesus soll in Bethlehem geboren worden sein, weshalb die Altstadt, in der Kreuze und Krippenfiguren aus Olivenholz neben der Geburtskirche verkauft werden, vor allem für das Christentum bedeutsam ist. Ein Rundgang ist sehenswert, wenn auch bald getan. Es lohnt sich ein Abstecher zur israelischen Grenzmauer.

Der britische Streetart-Künstler Banksy hat hier ein Hotel mit direktem Blick auf die Mauer errichtet. Obwohl er den neun Meter hohen Beton auf der palästinensischen Seite mit kunstvollen Graffiti besprüht hat, wirbt The Walled Off Hotel mit „der schlechtesten Aussicht der Welt". Als sich die Autorin dieser Zeilen nach dem Weg zu Banksys „Blumenwerfer", eines seiner berühmtesten Straßenkunstwerke, erkundigt, lädt Manager Wisam Salsaa spontan zum Tee auf die Terrasse ein. Der Wind weht stark und pfeift mystisch. Man sitzt im Schatten der Sperranlage. Er erzählt, wie er als Junge von der Polizei eingeschüchtert wurde und warum er im Hotel ein Museum eingerichtet hat: um die palästinensische Sichtweise auf den Nahostkonflikt zu erklären. Dann spielt er der Autorin „The Alternativity" vor — ein berührendes, alternatives Krippenspiel, das man vor zwei Jahren gemeinsam mit Filmemacher Danny Boyle inszeniert hat.

 Die moderne Metropole Tel Aviv liegt am Mittelmeer.
Die moderne Metropole Tel Aviv liegt am Mittelmeer.
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Stolz ist Wisam auch auf seine Zimmer. „Jedes Möbelstück ist bewusst ausgewählt, manches extra eingeflogen", erklärt er. Eine Wandbemalung zeigt einen paläs­tinensischen Rebellen und einen israelischen Soldaten bei einer Pols­terschlacht, eine andere eine Leopardenfamilie. Daneben wuchern Grünpflanzen wie ein kleiner Dschungel. Alte Telefone stehen auf antiken Holzmöbeln, grelle Farben mischen sich mit eleganten Formen. Der Blick vom Balkon: natürlich auf die Mauer.

Wisam begleitet den Besucher nun selbst zu Banksys „Blumenwerfer", das auf einer unscheinbaren Tankstelle prangt. Ein krönender Abschluss.

Oase am Toten Meer

Um sich Ruhe zu gönnen, nimmt man an der Haltestelle in Jerusalem einen anderen Bus: jenen, der nach eineinhalb Stunden in En Gedi hält. Der Weg dorthin führt durch eine trockene Landschaft, geprägt von der Wüste Negev, in der Berggazellen, Leoparden und Klippschliefer hausen. Die wasserreiche Oase En Gedi kommt überraschend. In dem Kibbuz, wie ländliche israelische Siedlungen mit Gemeinschaftsinteresse genannt werden, wuchert ein botanischer Garten mit Datteln, Pomelos, Wüstenpflanzen und tropischen Gewächsen.

„Ich war schon oft in En Gedi, es ist eine pure Idylle für mich", erzählt Petra, die hier ­entspannt, bevor sie nach Jerusalem zur Hochzeit ihres Sohnes fährt. Sie steigt gerade ins Shuttle zum Toten Meer. Spontan wird sie begleitet. Nach zehn Minuten erreicht man das Seebad. „Hier rüber!", ruft die deutsche Urlauberin und deutet auf einen Traktor, der die Gäste zum türkisblauen „Meer" chauffiert. „Früher war man hier direkt am Wasser, aber der Meeresspiegel ist so stark gesunken, dass wir jetzt mit diesem monströsen Gefährt hingebracht werden." Der Strand ist mit Stühlen und Strohschirmen bestückt, dahinter steigt die ockerbraune Felswüste empor, davor glänzt der salzige Binnensee. Ein paar ältere Gäste massieren sich mit heilendem Schlamm, bevor sie mit Badeschuhen — um sich an den Salzkristallen, die aus dem Wasser ragen, nicht zu verletzen — ins Tote Meer waten. Petra folgt ihnen und treibt kurz darauf schwerelos auf dem Wasser. Ein kleiner, salziger Tropfen auf der Lippe und die Badegäste verziehen die Gesichter. Wer versucht, zu schwimmen, strampelt mit den Füßen in der Luft. Hier liegt man auf dem Rücken und lässt sich einfach treiben.

Metropole am Mittelmeer

Die wohl modernste Stadt des Landes ist Tel Aviv, rund eine Stunde von Jerusalem entfernt. An der Mittelmeerküste, wo heuer von 14. bis 18. Mai der Eurovision Song Contest stattfindet, spaziert man aus dem schicken Bauhaus-Viertel in die Altstadt Jaffa, von der Strandpromenade bis ins Künstlerviertel Florentin. Zwischen Kokos-, Yucca-Palmen, weißen Bougainvilleas und pinkem Hibiskus zu flanieren, bereitet auch Ethan Freude. Der Australier, der einen Monat lang durch Israel reist und seine jüdischen Wurzeln erkundet, genießt die gemütliche Metropole. Er verbringt seine Tage gerne in Shorts und vorwiegend am weitläufigen Strand, die Abende mit seinem Bruder in Freiluftbars am Rothschild Boulevard, isst in der Sputnik Bar köstliche Pizza oder tanzt im Kuli Alma. Seine Devise: „chillen und genießen". Damit fällt er unter den vielen jungen Reisenden kaum auf.

Wer genug gefeiert hat, macht auch kulturell und kulinarisch spannende Entdeckungen: Die zahlreichen, oft unbeachteten Galerien und die pompösen Straßenflohmärkte locken vor allem ein alternativeres Publikum. Dieses ist auch von den Graffiti, die von vielen Fassaden prangen, und den gemütlichen Cafés mit köstlichem Hummus, Kebap und Pita begeistert. Das Kunstmuseum und die historische Altstadt ergänzen die Sehenswürdigkeiten.

Nach ein paar Tagen kann so mancher den traditionellen Ruf des Muezzins und das Läuten der Kirchenglocken, die sich hier in Tel Aviv verdeckter halten, vermissen. Umso besser, dass man in nur einer Stunde wieder zurück in Jerusalem ist und sich von den religiösen Klängen in den Schlaf singen lassen kann.

Gut zu wissen

Schlafen: Das österreichische Hospiz ist eine Pilgerherberge der katholischen Kirche in der Altstadt von Jerusalem. Von der Dachterrasse reicht der Blick über die Stadt. www.austrianhospice.com, DZ/ÜF 148 Euro, Bett im Schlafsaal 30 Euro

In Bethlehem bietet The Walled Off Hotel an der Grenzmauer zu Israel eine interessante Lage, exklusive Schlafsaal-Betten um rund 50 Euro und Zimmer mit zahlreichen Unikaten und köstlichem Frühstück. www.walledoffhotel.com

Wer in En Gedi übernachten will, residiert im luxuriösen Ein Gedi Hotel. www.ein-gedi.co.il, DZ ÜF ab 160 Euro

Transport: Bustickets können direkt an der Central Bus Station in Jerusalem erworben werden. Infos zu den Bussen gibt es hier: www.egged.co.il.

Info: Spannende Stadtführungen gegen freie Spende werden in Jerusalem und Tel Aviv angeboten: www.neweuropetours.eu