Letztes Update am Mo, 29.04.2019 19:39

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Deutscher wird Internet-Star in China: Mit Humor durchs Reich der Mitte

Mit Courage und viel Witz ist der Deutsche Thomas Derksen in China zum Internet-Star geworden. Die Geschichte von einem Auswanderer, der sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Familiebande: Derksen mit Ehefrau Liping und ihren Eltern.

© privatFamiliebande: Derksen mit Ehefrau Liping und ihren Eltern.



Text: Andrea Wieser

Mann zum Lachen: das Brautpaar bei der Hochzeit.
Mann zum Lachen: das Brautpaar bei der Hochzeit.
- privat

Napoleon Bonaparte wird der Ausspruch zugeschrieben: „China ist ein schlafender Löwe, lasst ihn schlafen! Wenn er aufwacht, erschüttert er die Welt.“ Thomas Derksen (30) scheint das Zitat nicht gelesen zu haben, als er von Gummersbach bei Köln auszog, um in China, der aufsteigenden Weltmacht, zu studieren. Anders ist es nämlich nicht zu erklären, dass er den Mut fand bzw. findet, sich online über chinesische Traditionen und sogar seine Schwiegerfamilie lustig zu machen.

Millionen wollen „Afu“ sehen

Mit Erfolg. Thomas Derksen ist heute im Reich der Mitte ein gefeierter YouTuber. Unter dem Namen „Afu“ stellt er seine Clips ins Netz. Die erfolgreiche Bilanz bisher: Rund sechs Millionen Follower sehen ihm zu. Sein Einkommen sichert er sich durch Werbepartner und Auftritte in chinesischen TV-Sendungen.

Doch von Anfang an: Derksen, geboren und aufgewachsen in Gummersbach nahe Köln, hatte Anfang zwanzig eigentlich einen sicheren Job als Bankkaufmann bei der heimischen Kreissparkasse. Doch er entschied sich für ein Sprach-Studium am anderen Ende der Welt, in der Multimillionenmetropole Shanghai, wo er prompt seine große Liebe Liping kennen lernte. „Wenn man mir damals gesagt hätte, ich würde mich in eine Chinesin verlieben, ich hätte es nicht geglaubt“, blickt er auf die große Wende in seinem Leben zurück. So beschreibt er es in seinem Buch, das gerade unter dem Titel „Keine Angst vor dem Tigervater“ erschienen ist. Dort erzählt er auch vom Glück, dass Liping seine Liebe erwiderte.

Job: Derksen dreht hauptberuflich Videoparodien.
Job: Derksen dreht hauptberuflich Videoparodien.
- privat

Schwieriger war es, den künftigen Schwiegervater zu knacken. „Ich kenne Ausländer aus dem Fernsehen. Den siehst du einmal unbekleidet und dann nie wieder“, warnte der seine Tochter, noch bevor er den Deutschen überhaupt gesehen hatte. „Mein Schwiegervater ist auf den ersten Blick ein harter Kerl, aber eigentlich hat er ein Tofu-Herz“, sagt Derksen. Immerhin konnte er den weichen Kern des Familienoberhaupts erreichen.

Dazu muss man wissen, dass Derksen nicht nur Charme und Humor im Gepäck hatte, sondern auch ein außergewöhnliches Sprachentalent ist. Er spricht heute fließend Chinesisch und noch dazu Shanghainesisch, den in Shanghai gebräuchlichen Dialekt. Eine Seltenheit für Ausländer. Mit Liping fängt er an, kleine Comedy-Clips ins Netz zu stellen, die schnell viele Clicks erreichen. „Ich erinnere mich noch, wie meine Mutter von zu Hause anrief und fragte, was da los sei“, blickt Derk­sen amüsiert zurück. Er hatte zu Hause noch nichts von seinen Internetspielereien erzählt, aber seine Mama hatte die ersten Videos schon gesehen.

Inhaltlich setzt sich Derksen vor allem mit chinesischen Klischees auseinander. Er nimmt mit schwarzer Perücke seine Schwiegermutter aufs Korn, die so gerne Enkelkinder haben möchte, oder mit der Zigarette im Mundwinkel seinen patriarchalen Schwiegervater, der die Partnerwahl der Tochter bestimmen will.

Keine Weltpolitik

Mit den großen Rädern der Weltpolitik will Derksen aber nichts zu tun haben. Er sieht sich selber eher als „inoffizieller, interkultureller Botschafter“. Und das wechselseitig. Regelmäßig wird er in Shanghai mit Klischees konfrontiert. Der typische Deutsche sei doch ohne Humor, dafür aber groß und schlank. Da kann sich Derksen nur auf die Schenkel klopfen: „Ich bin alles drei nicht.“

Inzwischen haben Lipings Eltern längst Deutschland besucht und sind im rheinländischen Garten hinterm Haus am Lagerfeuer gesessen (typisch deutsch). Ebenso waren seine Eltern in Shanghai zu Besuch und haben im 30. Stock eines Hochhauses am Familienessen teilgenommen (typisch chinesisch). Geklappt hat das laut Derksen alles ohne größere Schwierigkeiten. Dass so viel interkulturelle Familienzusammenführung friktionsfrei über die Bühne gehen kann, ist für Derksen einfach erklärt: „Das ist doch alles nicht so schwer, wenn wir uns selbst nicht immer so ernst nehmen würden.“

Starleben: In China tritt er regelmäßig in TV-Sendungen auf.
Starleben: In China tritt er regelmäßig in TV-Sendungen auf.
- privat