Letztes Update am Fr, 24.05.2019 13:35

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Die Gentlemen bitten zur Tasse: Eine Reise nach Triest

Nirgendwo im Espresso-Erfinder-Land Italien wird so viel Kaffee getrunken wie in Triest. Jetzt bietet die Adria-Stadt eine Tour auf den Spuren von Cappuccino & Co.

Inmitten der Bauten im Wiener Stil hat Triest auch einen Canale Grande zu bieten.

© iStockInmitten der Bauten im Wiener Stil hat Triest auch einen Canale Grande zu bieten.



Von Stephan Brünjes

Stuckverzierte Decken und Tütenlampen, Kaffeehaus-Tische mit wuchtigem Eisensockel vor plüschigen, weinrot gepolsterten Stühlen, Schunkel-Walzer aus dem Lautsprecher: Wer mit verbundenen Augen ins Café Tommaseo geführt, hier von der Augenklappe befreit wird und sagen soll, in welcher Stadt er sich befindet, der antwortet garantiert: „Wien.“ Und zweifelt Sekunden später schon, denn die Ohren schnappen ausschließlich italienische Sprachfetzen auf – vor allem den des Kellners nach einer Kaffee-Bestellung: „Prego?“

Berühmt ist die Stadt für ihre Kaffee-Kultur.
Berühmt ist die Stadt für ihre Kaffee-Kultur.
- Fabrice Gallina

Nun wird’s spannend, dank eines postkartengroßes Hefts: „Trieste in tazzina“, zu Deutsch: Triest in der Tasse. Für drei Euro kann man damit in sechs Cafés eine aufgebrühte Spezialität der Stadt trinken. Die heißt garantiert anders als bei uns, darum steht die Vokabelhilfe auf Seite zwei der Broschüre: Ein Macchiato soll es sein, also muss „Capo“ bestellt werden. Oder „Capo in B“ – dann kommt er „in bicchiere“ – im Glas. Da muss man schon tief reingucken, denn drin ist nur eine braune Mini-Pfütze mit Schaum drauf. Jetzt bloß keine Touristen-Nörgelei anstimmen! Weniger ist nämlich mehr, denn der Capo schmeckt stark und bitter in Triests ältestem Café von 1830, das traditionell ein Treffpunkt von politischen Aktivisten ist und einst Speiseeis-Pionier der Stadt.

Der Laufsteg Triests

Direkt vor der Tür: die Molo Audace, eine etwa 200 Meter in die Adria ragende Mole – sozusagen Triests Laufsteg, tagsüber für Sonnenanbeter und Angler, abends für Liebespaare. Am Kopf der Molo Audace ist es wieder da, dieses Wien-Gefühl, und zwar beim Weitwinkel-Blick auf die Stadt: Weiße, fünf- bis siebenstöckige Palazzi, die sich über ganze Straßenzüge erstrecken, mit neoklassizistischen Säulen und Großfamilien antiker Götterstatuen oder verputzten Theatervorhängen als Fassadenschmuck. Dazwischen ebenfalls österreichisch anmutende Kirchen mit abgerundeten Türmen. Besonders beeindruckend ist diese Kulisse auf der Piazza Unita d’Italia. Groß wie drei Fußballplätze, an drei Seiten eingerahmt vom mosaikverzierten Governeurspalast, dem XXL-Rathaus und dem Palazzo del Lloyd Triestino.

Der Blickfang ist Seite Nummer 4: Sie ist offen zum Meer. Die Terrasse des „Caffe degli Specchi“ (Spiegel-Café) bietet den besten Blick hinaus und auf den Platz.

Die große Piazza vor dem Rathaus schließt an einer Seite direkt ans Meer an.
Die große Piazza vor dem Rathaus schließt an einer Seite direkt ans Meer an.
- iStock

Am Spätnachmittag, wenn die Sonne diese vielleicht schönste Piazza Italiens in milchkaffee-warmes Licht taucht. Und erst recht abends, zur blauen Stunde. Die gibt’s hier auch bei bedecktem Himmel, dank blau leuchtender Poller und Lichter auf dem Platz. Sie markieren, wie weit das Wasser einst auf die Piazza schwappte, werden aber von den Triestinern als Landebahn-Leuchtfeuer verspottet.

Auch wenn das Specchi nicht im Gutscheinheft vertreten ist – ein Espresso ist hier Pflicht. „Nero“ heißt er in Triest und wird im Spiegelcafé zubereitet von Enzo, einem Barista. Viele dieser coolen Kaffee-Gentlemen lernen die richtige Bedienung ihrer fauchenden Dampfmaschinen und das Zaubern von Herzen und Drachenbildern im Milchschaum auf einer – Achtung! – Universität, gegründet von der Triestiner Edel-Kaffee-Dynastie Illy. Etwa 1000 ambitionierte Bohnen-Brüher pro Jahr erfahren hier, dass wahrer Espresso im Mund eine Geschmacksexplosion hervorrufen muss, die mindestens 15 Minuten anhalten soll. Weil die Kaffee-Studenten beim Probieren ihres Gebräus aber nicht so lange bis zum Abklingen der Gaumen-Detonation warten können, müssen sie diese am Mundspülbecken mit Wasser und Puffreis löschen.

Auch immer mehr Touristen machen an der Illy-Uni eintägigen Bildungsurlaub und zeigen zuhause stolz ihre Urkunden als „Coffee Expert“ oder „Cappuccino Excellence“ vor. So wie Enzo können sie dann wasserdampf-wolkig umschreiben, wie Nero, der kleine Schwarze, in der Tasse aussehen muss: „Obendrauf haselnussbraun und leicht angeschäumt, mit leichtem Rotstich, feinen Bläschen und so viel Oberflächenspannung, dass eine Prise Streu-Zucchero nicht ,pronto’ darin versinkt.“

Kinder spielen am Brunnen vor der Börse.
Kinder spielen am Brunnen vor der Börse.
- Brünjes

Wien und Venedig in einem

Mitten in seinen Wien-Kulissen spielt Triest plötzlich Venedig: „Canale Grande“ steht auf einem Schild an einem Graben mit dümpelnden Motorbooten, der allenfalls „Canale piccolöchen“ heißen sollte. Gleich daneben, auf einer Wandtafel, wird nun aber endlich klar, warum diese Stadt so österreichisch aussieht. Sie gehörte mehr als 500 Jahre zum Habsburger-Reich und wurde von Kaiserin Maria Theresias Architekten zu Österreichs einzigem Seehafen ausgebaut. Dazu ließ sie Salinen trockenlegen, und weil rund um Triest nur Kalkgebirge aufragt, musste Kutschen-Konvoi-weise österreichische Erde rangeschafft werden, sozusagen als Fundament für den neuen, schachbrettartig angelegten Stadtteil „Borgo Teresiano“. In diesen hinein sollten Kanäle zum Entladen der Handelsschiffe direkt an den Lagerhäusern führen. Gleich der erste wurde vielversprechend „Grande“ getauft, für weitere fehlte dann das große Geld. So bietet dieser Canale eine einmalige Perspektive mit der Kirche San Antonio Nuovo und ihrem Säulenportal.

Rechts daneben, im „Cafe Stella Polare“, nippt Veit Heinichen am „Caffé Gocchiato O Goccia“, einem Espresso mit kleinem Milchtupfer statt dicker Cappuccino-Schaumwolke drauf. Der gebürtige Deutsche, seit 1999 in Triest heimisch, macht die Stadt seitdem zum Krimi-Schauplatz: Sein Roman „Keine Frage des Geschmacks“ dreht sich auch um den Klau hochwertigen Rohkaffees.

Heinichen ist nicht der erste Autor von Triest-Büchern. James Joyce etwa schrieb hier ab etwa 1906 Teile seines Großromans „Ulysses“, und einige Literaturkenner behaupten, dieser spiele gar nicht in Dublin, sondern in der Adria-Stadt. Joyce kam häufig ins „Stella Polare“ und steht heute als Bronze-Statue an einer Canale-Grande-Brücke, traurig auf eines seiner ersten Triestiner Wohnhäuser blickend – vielleicht weil der Trunkenbold damals als ärmlicher Berlitz-Englischlehrer wegen Mietschulden rausflog.

Veit Heinichen lebt in Triest und schreibt Krimis über die Stadt.
Veit Heinichen lebt in Triest und schreibt Krimis über die Stadt.
- Brünjes

Die „Stadt der Winde“

Für Veit Heinichen ist Triest die europäischste Stadt überhaupt. Aber nicht allein wegen österreichischer Bauten und italienischer Kaffee-Tradition, sondern weil hier mehr als 90 Volksgruppen leben und viele davon Triest seit drei Jahrhunderten prägen. „Stadt der Winde“ nennt Heinichen die 200.000-Einwohner-Stadt daher und meint damit nur vordergründig die „Bora“, den mit bis zu 180 km

h wütenden Fallwind oder die von Afrika aufziehende Südwest-Brise „Libeccio“, sondern vielmehr viele kulinarische Einflüsse auf Speisekarten. Die griechische „Gregada“ aus Kalamare und Kartoffeln etwa, den von Portugiesen und Spaniern eingeführten Stockfisch „Baccalà“, Wildgerichte aus Slowenien oder weißen Trüffel aus Istrien.

Der Krimi-Autor hat daraus zusammen mit seiner Frau, der Meis­terköchin Amy Scabar, einen Zwitter aus Stadtporträt und Rezeptbuch gemacht, „Stadt der Winde“. Für alle, die Triest nicht sofort besuchen können, es aber trotzdem schon genießen wollen.

Gut zu wissen

Übernachten: Duchi d‘Aosta, Triests Nr. 1 an der Piazza Unità, bietet Wochenend-Specials inklusive Abendessen in „Harrys Grill“ und handsigniertem Buch. DZ 227 € p.P. Piazza Unità d’Italia 2/I, www.duchi.eu

L’Albergo Nacosto, kleines, sehr liebevoll renoviertes Haus in der Altstadt, mit Parkett, Holzbalkendecken und freigelegten groben Steinwänden. Zimmer und Apartments mit Küche. DZ ab ca. 147 € pro Zimmer. Via Felice Venezian 18, www.alberonascosto.it

Essen und Trinken: Scabar, das Deluxe-Fisch-Restaurant von Veit Heinichens Lebensgefährtin. Auf der Terrasse mit bestem Blick über die Stadt, ca. 4 km außerhalb der City, serviert Amy Scabar Wolfsbarsch-Carpaccio, Honig-Scampi und Zitrusfrüchte-Sorbet mit Ingwer-Note. Erta di Sant’ Anna 63, www.scabar.it

El Fornel, sehr gutes und preiswertes Restaurant mit Hauswein in der Altstadt, nicht weit von der Piazza Unità. Via dei Fornelli 1, www.elforneltrieste.com