Letztes Update am So, 26.05.2019 07:16

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Auf dem Weg durch das Instagram-Tal in Norwegen

Bis vor wenigen Jahren kamen vor allem Einheimische nach Innerdalen. Nun haben die sozialen Medien das angeblich schönste Tal Norwegens sogar in Asien berühmt gemacht. Zu Recht?

Der Innerdalstarnet lockt die Instagram-Gemeinde an ...

© APA (dpa/gms/Visitnorway.com)Der Innerdalstarnet lockt die Instagram-Gemeinde an ...



Großartig, unglaublich“, stammelt Bergführer Pal Rosrud. „Das habe ich noch nicht erlebt.“ Keine zehn Meter vor ihm ist gerade ein Adler gestartet, mitten auf der Bergschulter. Mit schwerem Flügelschlag fliegt er auf, dreht eine Runde und segelt in jenes Tal, das als schönstes in Norwegen gilt.

Ein Tourist namens Ingvar Nielsen soll der Erste gewesen sein, der das Innerdalen im 19. Jahrhundert derart gelobt hat. Die Tourismuswerbung Norwegens hat den Superlativ aufgegriffen. Schönstes Tal? „Die Leute weiter im Norden und Süden von Norwegen würden widersprechen“, sagt Rosrud, 36.

Als unkundiger Ausländer ist man eher nicht befugt, in solch heiklen Geschmacksfragen zu entscheiden. Eines kann man aber bereits bei der Wanderung zu den einzigen beiden Herbergen festhalten: Innerdalen sieht so aus, wie ein romantischer Maler sich das perfekte skandinavische Tal erträumen würde: zwei klare Seen, eingefasst von bewaldeten Hängen, aus denen Felsburgen emporschießen. Die Holzhäuser am Ufer sind mit Gras gedeckt, gegenüber rauscht ein Wasserfall, in der Höhe glänzt der Gletscher.

Seit 1967 ist dieses Idyll geschützt, wenn auch nicht als Nationalpark. Zum Glück der Gäste von Eystein Opdal, dessen Familie das Tal vor 280 Jahren nach einem Krieg vom bankrotten König kaufte. Denn so dürfen seine Kühe und Schafe hier weiden, und die Besucher bekommen Sauerrahm aus Hofmilch zu sensationellen Waffeln und selbstgemachter Johannisbeermarmelade.

Etwa 300 dieser Waffeln serviert Opdal, 42, mittlerweile an Spitzentagen in der Renndolsetra. „In den letzten vier Jahren hat die Zahl der Gäste jeweils um 30 Prozent zugenommen“, sagt Opdal. Selbst aus China, Dubai und den USA kämen sie. Der Grund: all die Fotos auf Ins­tagram und Facebook. Und eine Reality-Show im norwegischen Fernsehen, bei der Prominente auf den Innerdalstarnet geklettert sind, den Berg, den manche im Land das Matterhorn Norwegens nennen. Wie eine Pyramide ragt das Horn empor. Oder wie der Bug eines Eisbrechers, von der Terrasse der Turisthytte aus betrachtet.

... über einen Plankensteig ist der 1452 Meter hohe Berg zu erreichen.
... über einen Plankensteig ist der 1452 Meter hohe Berg zu erreichen.
- APA (dpa/gms/Visitnorway.com)

Die zweite Herberge liegt nur ein paar Gehminuten talaufwärts. „In meiner Kindheit reichten die Gletscher fast bis zum See herab“, erzählt Iver Innerdal, 68, glücklicher Herr dieses Hauses. Sein Urgroßvater hatte 1889 die Hütte gebaut, die Gammelhytta. Sein Vater renovierte das neue Haus nebenan.

Innerdal stieg mit fünf oder sechs Jahren zum ersten Mal auf den Innerdalstarnet – mit einem Touristen. Damals kamen vor allem Kletterer. Heute sind die meisten Gäste Wanderer, die für einen Tag oder das Wochenende anreisen. Und viele wollen auf den Felsturm, den sie auf den Bildern im Netz gesehen haben.

200 Leute an einem Tag

„Im vergangenen Jahr waren an einem Tag 200 Leute oben“, sagt Innerdal. „Zu viele.“ Es gab Unfälle, Touristen mussten mit dem Helikopter gerettet werden. Der Innerdalstarnet ist zwar nur 1452 Meter hoch, aber nicht zu unterschätzen. „Das Wetter hier ist sehr wechselhaft“, erklärt Pal Rosrud am nächsten Morgen.

Heute hängen dunkle Wolken tief in den Bergen. „Kein Problem“, sagt Rosrud. Durch Farne und Vogelbeeren geht er voran auf dem matschigen Weg um den See. Auf einem Steg aus Planken balanciert man über das Moor und durch ein Birkenwäldchen. Nach einer Stunde bergauf führt der Weg aus dem Wald.

Auf einer Felskuppe steht ein Steinmann. „Bis hierher gehen viele und drehen dann um“, sagt Rosrud. Verständlich, der Blick über beide Seen ist schön genug. Von nun an wird es ungemütlicher. Wie durch eine Düse pfeift der Wind durch das Hochtal, dazu beginnt es zu regnen. Das Flatvaddalen ist dennoch bildschön: ein lang gestreckter See mit steilen Felsflanken zu beiden Seiten.

Auf der Renndolsetra erwarten Wanderer ofenfrische Waffeln.
Auf der Renndolsetra erwarten Wanderer ofenfrische Waffeln.
- APA (dpa/gms/Visitnorway.com)

In steilem Zickzack schlängelt sich der Weg links bergan, durch einen Teppich von Farnen. Die Felswände darüber sehen aus wie Basalt, kantig gegliedert in Pfeiler und Stufen. Immer häufiger kommen nun die Hände zum Einsatz, das Wandern geht in Kraxeln über. Kein Farbklecks markiert die Ideallinie zum Gipfel. „Der Berg soll rau und naturnah bleiben“, erklärt Rosrud. „Und man will nicht noch mehr Leute anlocken.“ Nun ja. Der Effekt ist, dass einige Besucher sich verlaufen und umdrehen müssen.

Ihnen entgeht ein fantastischer Rundumblick auf das Tal und die Seen, auf Gletscher und die Gipfel ringsum. Hinter dem Steinturm namens Varde, der in Norwegen anstelle eines Kreuzes auf Bergen steht, ist es erstaunlich windstill. Und so lässt sich die Aussicht entspannt genießen, während feine Flocken fallen. „Auf dem Berg gegenüber ist der Blick noch schöner“, sagt Rosrud. Klingt wie ein Versprechen.

So geht es am nächsten Tag hinauf neben einem Bach. Für den versprochenen Premiumblick bieten sich mehrere Logen an. An einem blauen Punkt biegt Rosrud rechts ab und stapft querfeldein hinauf zum Kamm. Und er hat nicht zu viel versprochen. Der Blick ist noch erhabener als am Vortag. Besonders, als die Sonne durch die Wolken bricht. „Selbst an Tagen, wenn auf dem Inner­dalstarnet Hunderte Leute sind, ist kaum jemand hier“, sagt Rosrud. „Alle wollen nur auf den Turm.“ Dafür muss man Instagram fast dankbar sein. (APA, dpa)