Letztes Update am So, 07.07.2019 06:57

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Unterschätztes Reiseziel im Herzen Afrikas: Äthiopien überrascht

Das christliche Kulturland im Herzen Afrikas, als einziges nie kolonialisiert, überrascht die Besucher mit Naturschönheiten, bizarren Kirchen, chinesischen Straßenbauern und einem Aufschwung, an den alle glauben. Die Hungersnöte scheinen überwunden.

Ranger begleiten Touristengruppen in den Simien Mountains, wo Trekkingtouren boomen.

© Helmut MittermayrRanger begleiten Touristengruppen in den Simien Mountains, wo Trekkingtouren boomen.



Helmut Mittermayr

Also auf nach Äthiopien. Im Freundeskreis löste das Reiseziel anfangs Erstaunen aus. Denn starke Bilder im Kopf bleiben lange haften, auch wenn sie schon vergilbt sind. Die hungernden Kinder der 1980er-Jahre sind aber längst erwachsen geworden. Und sie sind gerade dabei, ihre Heimat zum prosperierendsten Land Afrikas zu machen. Die Wirtschaftsdaten sind beeindruckend. Nicht, dass Äthiopien, besser die Menschen am Horn Afrikas, keine Probleme hätten, aber sie glauben an die Zukunft und packen zu. Beispiel Ethiopian Airlines – das nagelneue Flugzeug, das die Gruppe Außerferner Freunde in sechs Stunden von Wien nach Addis Abeba bringt, ist Teil der größten Fluggesellschaft Afrikas, die arabischen Mitbewerbern längst um die Ohren fliegt.

Die Georgs-Kirche von Lalibela wurde nach unten aus dem Fels gehauen und ausgehöhlt.
Die Georgs-Kirche von Lalibela wurde nach unten aus dem Fels gehauen und ausgehöhlt.
- Helmut Mittermayr

Der Staat im Herzen Afrikas, der als einziger am ganzen Kontinent europäischen Kolonialgelüsten widerstehen konnte und nie unterjocht wurde, kann mit einem großen Plus für europäische Touristen punkten – dem milden Klima. Die riesigen Flächen des abessinischen Hochlands liegen meist zwischen 2500 und 3500 m Seehöhe. Auf dieser Höhe lässt es sich auch in Äquatornähe angenehm leben – und Urlaub machen. Kleiner Nebeneffekt: Für Äthiopien sind keine Impfungen vorgeschrieben, auch die Malaria­gefahren sind geringer.

Aus Fels geschlagene Kirchen

Was im 110-Millionen-Einwohner-Land als Erstes überrascht, sind die Volksfrömmigkeit und mehrheitlich christliche Tradition, die bis ins Jahr 316 zur Gründung der Äthiopisch-Orthodoxen Kirche zurückreichen. Wahrzeichen dieses Glaubens sind unter anderem Felsenkirchen, wie man sie niemals in Afrika vermuten würde. In Lalibela etwa ließ der gleichnamige König um das Jahr 1250 elf Kirchen errichten – ein neues Jerusalem sollte entstehen. Die monolithischen Kirchen wurden nicht gebaut, sondern in den Fels geschlagen.

Lucy lebte vor 3,5 Millionen Jahren.
Lucy lebte vor 3,5 Millionen Jahren.
- Helmut Mittermayr

Esel als Packtiere prägen noch immer das Bild des Landes.

Esel als Packtiere prägen noch immer das Bild des Landes.

- Helmut Mittermayr

In die Tiefe, versteht sich, und dann noch ausgehöhlt. Der Besucher kommt aus dem Staunen nicht heraus – das gibt es kein zweites Mal. Die Felsenkirchen sind selbstverständlich Weltkulturerbe, die Bezeichnung Weltwunder wäre genauso angebracht. Auch die altbiblische, verloren gegangene Bundeslade soll sich seit 3000 Jahren im Land befinden. Ein einzelner Geistlicher in Aksum bewacht sie sein Leben lang. Menelik, der Sohn der sagenumwobenen Königin von Saba und von König Salomon, soll die Truhe der Legende zufolge aus Jerusalem mitgebracht, manche sagen entwendet, haben. Sehen darf die Lade nie jemand. Fest an die Geschichte glauben alle im Land.

Ehrfurcht vor Lucy

Eine Reise durch Äthiopien ist mit unterschiedlichsten Höhepunkten gespickt. Schon in der Hauptstadt Addis Abeba ist so ein besonderer Moment. Ehrfurcht schwingt mit, als die Tiroler im Nationalmuseum vor Lucy stehen. Vor einem rund 3,5 Millionen Jahre alten Teilskelett eines weiblichen Frühmenschen, das 1974 ausgegraben wurde. Von den Äthiopiern wird sie „Dinkinesh“ genannt – „Du Wunderbare“. Die Geschichte der Menschheit musste nach ihrem Fund umgeschrieben werden und Äthiopien wurde zu ihrer Wiege, zumindest aber zu einem der Herkunftsländer des modernen Menschen erklärt. Lucys Name geht auf den Beatles-Song „Lucy In The Sky With Diamonds“ zurück.

Äthiopien ist im Hochland weitaus fruchtbarer als Europäer vermuten.
Äthiopien ist im Hochland weitaus fruchtbarer als Europäer vermuten.
- Helmut Mittermayr

Die Tiroler Gruppe erkundet aber auch den Norden des großen Landes, das die dreifache Fläche Deutschlands einnimmt. Gereist wird wegen der großen Distanzen mit dem Flugzeug, auch wenn chinesische Straßenbauer mit chinesischem Geld in alle Richtungen schwarze Asphaltbänder ausrollen – ein eigenes Kapitel in der Entwicklung des immer noch sehr armen Staatswesens.

Nahe der quirligen Stadt Bahir Dar am Tanasee, viermal so groß wie der Bodensee, sorgt das „Rauch des Feuers“ für Begeisterung. So nennen die Einheimischen die Wasserfälle des Blauen Nils. Die Wassermassen fallen auf einer Breite von 400 Metern rund 45 Meter in die Tiefe. Eine mehrstündige gemütliche Umrundung der Fälle samt Querung des Nils kann getrost als Highlight eingetragen werden. Zurück am Tanasee werden bei einer Boots­tour Fluss­pferde entdeckt. Wild wachsende Kaffeebohnen der Region Amhara führen zu speziellen Kaffee-Weihrauch-Zeremonien, an die angenehme olfaktorische und gustatorische Erinnerungen auch lange Zeit nach der Reise nicht verblassen wollen.

Imponierend: die Wasserfälle am Blauen Nil.
Imponierend: die Wasserfälle am Blauen Nil.
- Helmut Mittermayr

Mit einem Adler auf Du und Du

Mit dem Auto geht es immer weiter hinauf durch fruchtbare Agrarlandschaften des abessinischen Hochlandes nach Gondar in die alte Kaiserstadt der äthiopischen Herrscher. Im Auftrag von Kaiser Fasilidas entstand eine Festungsstadt nach Plänen portugiesischer Architekten. Der Palast wird gern als das Camelot Afrikas bezeichnet – und ist selbstverständlich ein Weltkulturerbe.

Nach dem Trubel in den äthiopischen Städten bietet der Simien-Nationalpark eine ideale Abwechslung. Wir unternehmen in Begleitung von Rangern beeindruckende Ausflüge zu Fuß auf einer Höhenlage zwischen 3000 und 3500 Metern. Entlang eines Felsabbruches marschiert die Gruppe auf kleinen Pfaden durch eine pittoreske Gras- und Waldlandschaft mit spektakulären Ausblicken. Vor den endemischen Tierarten braucht sich niemand fürchten. Horden von hier vegetarisch lebenden Pavianen kommen ganz nahe. Ein Adler schnappt sich im Vorbeiflug ein Wurstbrot aus der Hand eines Reuttener Hoteliers – Aufschrei und Gelächter gehen ineinander über.

Äthiopien ist in der Moderne angekommen: Der bestinformierte, einheimische Reiseführer spricht fließend Deutsch. Die Hotelstandards sind durchwegs gut, auch am Land. Das Essen ist für europäische Geschmäcker mit viel Fleisch und Gemüse ein Genuss. Einzig das Hauptgericht Injera, ein dünnes, weiches, leicht säuerliches Fladenbrot, ist gewöhnungsbedürftig. Exotisch wirkten auch die Silbenschrift sowie die eigene Uhrzeit – mit Sonnenaufgang startet die Stunde Null, nicht wie international ab Mitternacht. Der Gast merkt nichts davon, es gibt zwei Zeiten im Land. Wenn es z.B. für den ihn 15 Uhr ist, hat der Äthiopier erst 9 auf der Uhr stehen - falls er eine besitzt.