Letztes Update am Sa, 27.07.2019 15:37

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


TT-Magazin

Gaumen-Safari mit Schwiegermutter-Würze durch Kapstadt

Kapstadt ist die bunteste Stadt Südafrikas – auch kulinarisch: Alle paar Straßen gibt’s unterschiedliche Genüsse zu probieren, von gediegener britischer Teatime über unbändig ausgelassene Afrika-Küche mit Kellner-Tanzeinlagen bis hin zum malaysischen Mitmach-Kochkurs. Ein Streifzug für Feinschmecker mit Entdeckerdrang.

Faeeza Abrahams wartet an ihrer Haustür und lädt zum Kochen ein.

© BrünjesFaeeza Abrahams wartet an ihrer Haustür und lädt zum Kochen ein.



Von Stephan Brünjes

Südafrikaner verehren Kapstadt als „Mother City“; vielleicht hat sie deshalb eine babyrosafarbene Attraktion, die man gleich nach der Ankunft besuchen sollte: das Belmond Mount Nelson, Spitzname „Nellie“, eine 1899 eröffnete Grandhotel-Institution mit Pink-Fassade – bis heute auch bewohnt von näselnden, wachshäutigen Oxford-Aristokraten und akkurat ondulierten Dauerwellen-Ladys. Sie wirken wie gut gecastete Schauspieler beim nachmittäglichen High Tea. Bei diesem filmreifen Schauspiel residiert man entweder im plüschigen Salon, auf der weitläufigen Terrasse oder im – wahrlich botanischen – Garten, unter schattenspendenden Weiden, eingerahmt von Oleander und Hortensien, Magnolien und Hibiskus.

Nicht nur Hotelgäste, jeder Kapstadt-Besucher kann diese Teatime buchen. Ideal nach dem langen Flug am Anreisetag, wenn man sich von vornehmen Service-Hostessen den Darjeeling oder Earl Grey Blue einschenken und dazu eine sterling-silberne Doppeldecker-Steige mit Canapés reichen lassen kann. Fingerfood also? My Goodness! Ein so profaner Begriff käme in dieser Welt der abge­spreizten kleinen Finger niemandem über die Lippen für Gurken-Sandwiches, Spinat-Häppchen mit Lachs oder Moschus-Kürbis-Cakes. Tiefenentspannt federt man nach einer Stunde vorbei am plätschernden Springbrunnen zum Dessert-Buffet, pickt einen Hertzoggie, die südafrikanische Kuchen-Spezialität mit Eier-Aprikosenmarmelade sowie Peppermint-Coconut Ice – eine grün-weiße, erfrischende Praline. Die Frage, warum das Mount Nelson komplett rosa ist, beantwortet der zum High Tea dezent die Tasten rauf und runter perlende Pianist mit gedämpft hingeraunter Erklärung: Ein italienischer Nachkriegsbesitzer des Hotels wollte seine Gäste in der tristen Zeit mit diesem Anstrich aufheitern.

So wie das Haus von Abrahams sind im Stadtteil die meisten Fassaden mit Pastellfarben angemalt.
So wie das Haus von Abrahams sind im Stadtteil die meisten Fassaden mit Pastellfarben angemalt.
- iStock

Gut zehn Minuten zu Fuß sind’s von dieser gediegenen, weißen Noblesse zur ersten Station entfesselter schwarzer Küche: Das Restaurant „Mama Africa“ mit reich verzierter, entfernt an alpenländische Lüftl-Malerei erinnernder, brauner Fassade ist schon außen ein Hingucker. Drinnen sitzt man unter einem bräunlichen Bambus-Gewölbe. Der Bar-Tresen ist eine mehr als zehn Meter lange, bunte Stein-Schlange, beleuchtet von einem aus Cola-Flaschen gestalteten Kronleuchter. Kudu- oder Springbock-Steak, Straußen- oder Krokodil-Kebab sind unschlagbar lecker – sofern man zum Essen kommt. Denn eine der drei „Mama Africa“-Hausbands sorgt jeden Abend dafür, dass so ziemlich alle Gäste mit Messer und Gabel den treibenden Bongo-Rhythmus auf dem Tisch mittrommeln.

Nicht nur die Häuser haben strahlende Farben, auch das Obst und Gemüse im Neighbourgoods Market.
Nicht nur die Häuser haben strahlende Farben, auch das Obst und Gemüse im Neighbourgoods Market.
- Brünjes

Hausband? Die braucht das wiederum zehn Minuten entfernte „Africa Café“ nicht, denn lautstarke Musik serviert seine Bedienung sozusagen im Vorbeigehen. Immer wenn neue Gäste sich an einen Tisch setzen, lassen Kellnerinnen und Kellner alle Tabletts stehen, ziehen als Rhythmusgruppe durch die Räume, tanzen und singen so mitreißend, dass kein Gäste-Fuß stillsteht. Das ist – wenigstens ein wenig – Kalorien-Abbau, denn im „Africa Café“ kann man keine einzelnen Speisen bestellen, sondern muss das gesamte Menü essen, das sich die Küche ausgedacht hat und in drei üppigen Gängen Tapas-artig serviert wird – ein kulinarischer Kontinental-Trip mit äthiopischem Kokosnuss-Curry-Dip, gefüllter senegalesischer Papaya, Kongo-Salat und Fisch nach kenianischem Rezept.

Wer auf den Geschmack gekommen ist und die afrikanische Note in seine heimische Küche importieren will, wird bei „Atlas“ fündig. Der kleine Laden hat so ziemlich alles von A wie Anis bis Z wie Zimt – auch „Schwiegermutter-Masala“ und „Schwiegervater-Masala“. Auf die Frage, welches der beiden schärfer ist, geben alle Kunden dieselbe Antwort.

Im „Mama Africa“ kann man afrikanische Küche und Musik genießen.
Im „Mama Africa“ kann man afrikanische Küche und Musik genießen.
- Brünjes

Masala, das im Indischen gebräuchliche Wort für Würzmischung, deutet schon an, kaum fünf Gehminuten von den kulinarischen Afrika-Trips entfernt, schmurgelt Asiatisches in den Töpfen, in einem Viertel, wo Kapstadt jedem Besucher zunächst einen Color-Flash in Pastell verpasst: Das Bo-Kaap mit seinen quietschbunten, zum Teil über 200 Jahre alten Häusern in strahlendem Lindgrün, Brombeer-Lila oder Cyanblau ist neben dem Tafelberg eine der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Gerettet vom Denkmalschutzamt während des Apartheid-Regimes, das dieses muslimisch geprägte, von Sklaven-Nachfahren bewohnte Quarree abreißen lassen wollte, renovierten Bewohner des Bo-Kaap ihre Häuser und strichen sie in leuch- tenden Farben. Motto: je bunter, je besser und Farbkopien verboten!

Im kleinen Laden „Atlas“ wird man fündig.
Im kleinen Laden „Atlas“ wird man fündig.
- iStock

Faeeza Abrahams hat sich für ein dunkles Purpur entschieden, wartet schon in der Haustür und bittet die Teilnehmer ihres heutigen Kochkurses herein in die mit buchefarbenen Schränken und Stein-Arbeitsplatten modern ausgestattete Wohnküche. Beim „Malay Cooking“ entstehen hier in drei Stunden Vorspeise, Hauptgericht und Dessert. Inspiriert wird man von Rezepten indonesischer Sklaven, die von niederländischen Besatzern im 18. Jahrhundert nach Südafrika verschleppt wurden.

Deren Nachfahren leben heute mehrheitlich im Bo-Kaap.

„Oh no!“, schallt es immer wieder aus der Runde der Malay-Cooking-Azubis: Gar nicht so einfach, die gut Krawatten-breiten, ausgerollten Teigstreifen zu „Samoosa“ zu falten – Teigtaschen, die an den Ecken so dicht sein müssen, dass von der Füllung aus Cheddar-Käse, Zwiebeln und Gewürzen nichts raustropft.

Der Guide zeigt zwei Säckchen, eines mit der Schwiegermutter-Würze, eines mit der Schwiegervater-Würze. Die Frage, welches schärfer ist, dürfte sich erübrigen.
Der Guide zeigt zwei Säckchen, eines mit der Schwiegermutter-Würze, eines mit der Schwiegervater-Würze. Die Frage, welches schärfer ist, dürfte sich erübrigen.
- Brünjes

Faeeza dirigiert ihre Schüler mit klaren Ansagen und zupackenden Handgriffen. Man merkt, die 58-Jährige hat vier Kinder großgezogen und nebenbei noch ein erfolgreiches Geschäft aufgebaut: Die von ihr kreierten Sandwiches und Wraps verkaufte sie zunächst als fliegende Händlerin, später an festen Ständen und in der Uni-Kantine. „Am Ende waren es mehr als 1000 Stück pro Tag“, erzählt sie, „da wollte ich nochmal was Neues, nochmal von vorn anfangen.“ Bis zu zehn Gäste hat sie pro Kochkurs, oft zwei am Tag.

Auf dem Malay-Menü-Plan sind als Nächstes „Dhaltjies“ dran, in der Pfanne gebratene Bälle aus Kichererbsen-Mehl, Spinat, Kümmel, Kurkuma und Knoblauch. Schon einfacher als die Teigtaschen. Aufatmen in der Runde. Fürs Hauptgericht hat Faeeza schon Hühnchenfleisch in der Pfanne, hier lernen die Koch-Kursler nun, dieses raffiniert nach malaysischer Art zu würzen – mit Curry-Blättern, Ingwer und einer Masala-Mischung – Letztere vermutlich à la Schwiegermutter, da sind sich alle beim abschließenden, gemeinsamen Malay-Mittagsmahl einig …

Gut zu Wissen

Anreise: South African Airways fliegt von Frankfurt und München nonstop über Nacht nach Johannesburg, von wo es mit einem etwa zweistündigen Inlandsflug weiter nach Kapstadt geht. Andere Linien wie z. B. Lufthansa fliegen Kapstadt auch direkt an.

Wohnen: Wer nicht nur High Tea im Mount Nelson erleben, sondern auch dort wohnen möchte, zahlt fürs Doppelzimmer pro Nacht ab ca. 350 Euro

Preiswert, stilvoll und zentral, aber ruhig liegt das Fritz Hotel, mit gelungener Mischung aus Art-Deco-Style und moderner Einrichtung. www.fritzhotel.co.za

Modern-luxuriös und etwas außerhalb im mondänen Vorort Camps Bay liegt das „South Beach“, ein Vier-Sterne-Apartment-Haus; www.blueviews.com

Tee, Essen und Kochkurs: „Mama Africa“, nicht nur gutes Essen, sondern auch sehr freundliche Bedienung und kleiner Africa-Shop. 178 Long Street, Tel. www.mamaafricarestaurant.co.za

„The Africa Café“ war eines der ersten von Schwarzen geführten Restaurants in Kapstadt, anfangs unter Schwierigkeiten eröffnet, von denen die Macher Jason, Portia und Hector auf der Webseite mit etwas Stolz erzählen, weil sie sich durchgebissen und eine kulinarische Institution geschaffen haben. 108 Shortmarket Street, www.africacafe.co.za/

Bei „Atlas Spices“ findet man wohl alle erdenklichen Gewürze und Mischungen. 104 Wale Street, www.atlastradingcompany.co.za

Die vierstündige Cape Malay Cooking Safari ist buchbar über Andulela Experience und verbunden mit einem sehr informativen Rundgang durchs Bo-Kaap-Viertel. www.andulela.com