Letztes Update am So, 04.08.2019 07:39

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Reise nach Polen: Wo Wolf und Wisent noch in Ruhe leben dürfen

Im Bieszczady-Nationalpark streifen wilde Wisente, Bären und Wölfe durch die Landschaft. Die vom Menschen nahezu unberührte Natur im Südosten Polens geht aber auf ein düsteres Kapitel der Landesgeschichte zurück.

Eine Wisent-Herde trabt durch einen Bach.

© iStockphotoEine Wisent-Herde trabt durch einen Bach.



Ruhig senkt er den Kopf und grast, schaut wieder auf, schnuppert kurz und grast weiter. Der junge Rothirsch steht auf einer Lichtung, keine 200 Meter entfernt. Er scheint vor Menschen keine Angst zu haben, auch dann nicht, wenn er den Abstand bis auf wenige Meter verringert. „Er heißt Karol“, sagt ein Mann, der in der Nähe mit einem Messer in der Hand vor einer Holzhütte sitzt. Der junge Hirsch sei zahm, sagt Waldemar Witkowski. Er kenne dessen Mutter schon viele Jahre. Ganz in der Nähe steht eine Hirschkuh im Gras. „Katerine“, ruft Witkowski. Das Tier kommt immer näher.

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Wir befinden uns im Südosten Polens, in der Nähe des Ortes Wetlina. Witkowski wohnt mehr als 40 Kilometer entfernt von hier, in der Nähe des Solina-Stausees. Dennoch kommt der über Sechzigjährige oft zur Hütte, angezogen von der Weite der Natur.

Denn hier, dicht an der Grenze zur Ukraine und zur Slowakei, in der Woiwodschaft Karpatenvorland, liegt seit 1973 der Nationalpark Bieszczady. Er ist mit mehr als 29.000 Hektar der größte Nationalpark in den polnischen Bergen. Seit 1992 gehört er zum Biosphärenreservat Ostkarpaten der Unesco.

Der Name Bieszczady (Ostbeskiden) bezeichnet einen Gebirgszug der Karpaten. Gut zu sehen ist Tarnica: Der höchste Berg der Bieszczady ragt 1346 Meter empor.

Witkowski sitzt im Freien. Während sein Messer flink über das Lindenholz gleitet, ruht die Brille weit vorne auf seiner Nase. Die Holzspäne fliegen zu Boden. Nach und nach schält der Künstler mit Klinge, Hobel und Pfeile eine Figur aus dem Holz.

Bären kommen in dem 29.000 Hektar großen Nationalpark ebenfalls vor.
Bären kommen in dem 29.000 Hektar großen Nationalpark ebenfalls vor.
- iStockphoto

Künstler in den Bergen

Auf dem tiefgezogenen Dach der Hütte ist ein Schild befestigt, darauf steht mit roten Buchstaben geschrieben „Galeria nad Berehami“. Vor Jahren haben mehrere Künstler die Galerie gegründet. Besucher können hier Skulpturen, Masken und Bilder, aber auch Karten der Region kaufen.

Klar gebe es hier Wölfe, sagt Witkowski. Meist ziehen die Tiere wie Schatten durch die Wälder. Neben Wölfen leben im Nationalpark auch Braunbären, Luchse, Wildkatzen, Biber, Fischotter und sogar Wisente.

Der Europäische Bison wurde im Jahr 1963 wieder in Polen ausgewildert, nachdem die letzten in freier Wildbahn lebenden Tiere kurz nach dem Ersten Weltkrieg nahezu ausgerottet waren. Mittlerweile vermehren sich die Tiere wieder prächtig.

Wer die mächtigen Tiere aus sicherer Distanz beobachten will, kann ein Auswilderungsgehege besuchen. Zum Beispiel in der Nähe der Stadt Muczne. Dort werden die Wisente auf die Freiheit vorbereitet, also medizinisch untersucht und mit GPS-Sendern ausgestattet.

Wisente sind meist sanft. „Begegnen Wanderer in der Wildnis einem Tier oder gar einer Herde, sollten sie sich ruhig verhalten und Abstand halten“, rät Kaja Hrabal. Als Bildungsreferentin informiert sie Besucher im Auswilderungsgehege über die Tiere.

Wisente sind mitverantwortlich für die Vielfalt der Flora und Fauna: Da sie viel Nahrung brauchen, halten sie in Waldgebieten große Flächen frei. So gibt es Mischwälder teils mit Urwaldreservaten, offene Wiesenflächen und alpine Almwiesen. Die mit Gräsern bewachsenen Kammlagen sind typisch für die Region.

Zum Teil ist die Natur hier fast menschenleer. Das liegt an einem dunklen Kapitel der polnischen Geschichte, der so genannten Aktion Weichsel: Nach dem Zweiten Weltkrieg entschied das kommunistische Polen, in der Gegend keine Minderheiten mehr zu dulden. So mussten im April 1947 viele Ukrainer sowie Bojken und Lemken ihre Heimat verlassen. Sie wurden umgesiedelt.

Stopp für Kulturinteressierte: die orthodoxe Holzkirche von Komancza.
Stopp für Kulturinteressierte: die orthodoxe Holzkirche von Komancza.
- Polnisches Fremdenverkehrsamt

Ein düsteres Kapitel

Das polnische Militär kam zu jenen, die nicht gehen wollten. Ukrainer, darunter Anhänger der ukrainischen Aufstandsarmee UPA, versteckten sich damals unter anderem in den Wäldern. Ihre Versorgung wurde gekappt, große Teile der Region wurden entvölkert und nach der Zwangsumsiedelung viele Häuser und Kirchen verbrannt.

Vereinzelt finden Wanderer noch heute Überreste alter Friedhöfe oder früherer Siedlungen. Im Ort Ulucz überstand etwa nur eine orthodoxe Holzkirche einen solchen Brand.

Besucher können die Landschaft unterschiedlich erkunden, etwa auf zahlreichen Wanderwegen, per Fahrrad, in einer 100 Jahre alten Schmalspurbahn, mit einer Fahrrad-Draisine oder auf dem Rücken von Pferden. Die Region ist bekannt für ihre Huzulen-Pferde. Die kleinen Bergpferde gelten als besonders sanftmütig und trittsicher. Einige Reiterhöfe bieten Kutschfahrten oder Ausritte an.

Die Natur können Besucher auch auf dem Wasser erleben. Der San ist ein Nebenarm der Weichsel. Wenn der Wasserstand es erlaubt, können Urlauber ein Paddelboot ausleihen, sich auf dem breiten Fluss stromabwärts treiben lassen und dabei das saftige Grün des San-Tals genießen.

Im Norden fließt der San in den Solina-Stausee, den größten Stausee Polens. Mittlerweile gibt es dort Campingplätze, Hotelanlagen sowie zahlreiche Wellness- und Sportangebote. Auch für Kulturinteressierte ist die Region sehenswert. In Sanok stellt das Freilichtmuseum die Geschichte der polnisch-ukrainischen Grenzgebiete dar. Die mittelalterliche Altstadt thront über dem idyllischen San-Tal. Im Historischen Museum in einem Schloss aus dem 16. Jahrhundert gibt es eine große Ikonensammlung.

Weiter nördlich findet man viele Holzkirchen, die 2003 in die Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Eine Kirche steht zum Beispiel in Blizne, eine andere in Haczow. Diese gilt als die größte gotische Holzkirche in Eu­ropa. Sie wurde 1388 errichtet. Eine Zeit, in der Mensch und Tier näher beieinander lebten. (APA, dpa)