Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 19.10.2019


Portrait

Die Reise brachte eine Bindung fürs Leben

35 Jahre war Gerhard Wanner Leiter des Reisebüros am Innsbrucker Hauptbahnhof. Für Buchungen schrieb er noch Briefe an Hotels.

Gerhard Wanner kehrte kurz an seinen alten Platz im Reisbüro am Hauptbahnhof zurück.

© Thomas Boehm / TTGerhard Wanner kehrte kurz an seinen alten Platz im Reisbüro am Hauptbahnhof zurück.



Von Manuel Lutz

Innsbruck – Mit einem grauen Sakko, einem dunklen Hemd und einem farblich abgestimmten Einstecktuch gekleidet tritt ein Herr in das Reisebüro am Innsbrucker Hauptbahnhof ein. Sofort erkennt eine Kundin den Mann und lächelt ihm zu. Eigentlich keine Überraschung. Denn Gerhard Wanner war bis vor Kurzem Leiter des ÖBB-Reisebüros. Nach 35 Jahren verabschiedete er sich in den wohlverdienten Ruhestand. „Dieser Besuch ist eine Ausnahme. Ich will meine Kollegen nicht bei der Arbeit stören. Obwohl sie mir sehr fehlen“, stellt der 61-Jährige klar.

Dass er nicht nur bei seinem Outfit nach den richtigen Kombinationen suchen wollte, stand früh fest. Nach abgeschlossener Matura folgte eine Ausbildung im Fremdenverkehrskolleg. Der Berufswunsch war klar: „Ich wollte im Reisbüro arbeiten. Das war damals ein gefragter Job.“

Die geplante Reise verlief jedoch auf Umwegen. Aufgrund fehlender Erfahrung musste sich der Innsbrucker in die Warteschleife stellen: „Ich war ein Anfänger ohne Praxis. Zumindest drei Jahre Berufserfahrung wurden gefordert. Und meine Gehaltsvorstellung von 4000 Schilling war auch zu hoch“, erinnert sich Wanner. So musste sich der Reiseplaner in spe nach einer Alternative umschauen und sprang bei den ÖBB auf den Zug.

Die ersten fünf Jahre war er noch für den Personenverkehr am Ticketschalter zuständig. Die Gründung eines Reisbüros am Bahnhof 1984 war seine große Chance. „Ich wurde angesprochen, ob ich dort arbeiten möchte“, ließ er sich nicht zweimal bitten. Zusammen mit einem Kollegen wurde Wanner dabei aber ins kalte Wasser geworfen. „Wir mussten uns alles selbst beibringen. Ein Büro zum Lernen gab es nicht. Dadurch hatten wir auch völlige Gestaltungsfreiheit. Jeder Tag war anders“, schwärmt der Urlaubsexperte noch heute.

Auch wenn eine Reise buchen heute kinderleicht scheint, ging das Urlaubsabenteuer damals schon am Schreibtisch los. Lediglich ein Telefon, ein Telex sowie Kataloge standen zur Verfügung. „Den Hotels haben wir Briefe geschickt. Das funktionierte immer gut, die waren sehr verlässlich. Die Buchungen wurden mit Hand geschrieben. Es wurde zumeist zwei bis drei Wochen vor dem Urlaub gebucht“, erzählt Wanner. Vor allem Pakete mit Hotel und Zug an die Adria sowie nach Wien seien in den ersten Jahren sehr beliebt gewesen. Aber auch Nachtzüge hatte Wanner in seinem Portfolio: „Nach Kopenhagen, Paris und Neapel konnte man direkt fahren.“

Der Flug-Boom veränderte das Geschäft jedoch etwas. Für seine Kunden fand der Reisechef aber auch im Luftverkehr die passenden Offerte. „Ich bin ganz neutral. Das Bestmögliche anzubieten, war mir immer sehr wichtig.“

Wie sehr sich die Wünsche und Bedürfnisse der Passagiere über die Jahre änderten, stellte Wanner erst kürzlich wieder fest. „Paris war das Ziel. Obwohl der Flug durch den frühen Zeitpunkt der Buchung billiger war, entschied der Kunde sich, den Zug zu nehmen. Die Kundschaft wollte auf den Umweltschutz schauen“, war er selbst überrascht.

Er selbst versucht immer, das Unmögliche möglich zu machen. Mit nur einer Ausnahme schaffte er dies auch. „Der Kunde kam an einem Freitag und wollte drei Tage später zu Ferragosto (15. August, Anm.) nach Sardinien fahren. Das war zu kurzfristig. Der hat dann richtig getobt und kam nie wieder“, erinnert er sich zurück.

Ansonsten blieben ihm die meisten Kunden aber treu: „Manche wollen im Internet nicht stundenlang suchen, sie genießen das Service. Und wir geben ihnen Tipps.“ Ein Tipp war wohl besonders gut. Denn seine Frau Claudia hat er auch in der Arbeit kennen gelernt. „Sie kommt aus Mexiko. Ich sah, dass sie Hilfe braucht. Sie kam dann jede Woche Tickets kaufen.“ So fand er auch für sich die richtige (Ver-)Bindung.