Letztes Update am Mi, 09.12.2015 15:33

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Handy-Spionage: Wenn Misstrauen unter Partnern zur Straftat wird

Ein junger Mann, der seine Ex-Freundin mit einer Spionage-App überwacht haben soll, steht in Deutschland vor Gericht. App-Anbieter werben gezielt, dass möglicherweise untreue Partner ausgespäht werden können. Doch Nutzer begeben sich damit auf dünnes Eis.

(Symbolbild)

© pixabay(Symbolbild)



Von Lena Müssigmann, dpa

Stuttgart – Er wusste, wo sie war, wem sie WhatsApp-Nachrichten schrieb und welche Bilder sie auf dem Handy hatte: Ein 20-Jähriger soll seiner ehemaligen Freundin eine Spionage-App auf ihr Handy gespielt haben - ohne dass die junge Frau davon wusste. Mindestens drei Monate lang soll er sie auf Schritt und Tritt überwacht haben. Nun muss er sich vor dem Amtsgericht Heilbronn (Baden-Württemberg) wegen des Abfangens von Daten verantworten.

Spionage-Apps sind mit wenigen Klicks auf ein Smartphone herunterzuladen - doch wer sie nutzt, bewegt sich in einer rechtlichen Grauzone. Wer sie ohne Zustimmung des Telefonbesitzers installiert, kann vor Gericht landen, wie der Heilbronner Fall zeigt. Den App-Anbietern scheint das egal zu sein - sie sprechen gezielt misstrauische Menschen an: „Haben Sie sich schon mal Sorgen gemacht, dass Ihr Partner Sie betrügt?“ Damit werden die Kunden auf dünnes Eis gelockt, rechtlich und moralisch.

„Opfer“ bekommen von App nichts mit

„Das ist die nächste Eskalationsstufe des Nachstellens neben Stalking“, sagte die Landesbüroleiterin der Opferorganisation Weißer Ring, Claudia Beck. Fotos beträfen die Intimsphäre einer Person. „Das verstärkt beim Opfer das Gefühl, ausgeliefert zu sein“, sagt Beck.

Der junge Mann, der jetzt vor Gericht steht, hat die App nach eigenen Angaben in einem kurzen unbeobachteten Moment, als seine Freundin fünf Minuten das Zimmer verlassen hatte, installiert, wie ein Gerichtssprecher mitteilt. Die Software firmiert als Diebstahlsapp, mit der man ein verloren gegangenes Handy orten kann. Auf dem Handy ist sie nach Angaben des Anbieters nicht durch die typische quadratische App-Schaltfläche zu erkennen, sondern wird als „Device-Management“ aufgeführt - damit wird womöglich der Eindruck erweckt, es handle sich um eine systemrelevante Software.

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Der IT-Sicherheitsexperte Ronald Eikenberg aus der Redaktion der Computerzeitschrift „c‘t“ kennt diese Masche. Die Spionagesoftware benutze zur Verschleierung manchmal Namen wie Browser oder Facebook, sie könne aber auch als Spiel getarnt sein. „Man kann ein Programm in einem anderen verstecken“, sagt Eikenberg. Bei der Aufforderung eines Bekannten, das Spiel zu installieren, denke man sich erstmal nichts. „Das andere Programm läuft im Hintergrund. Von dessen Existenz bekommt man nichts mit.“

AGB schließen Straftat nicht aus

Wer befürchtet, Spionagesoftware auf dem Handy zu haben, dem empfiehlt Eikenberg, das Gerät mit einem Antivirenprogramm scannen, dabei werde sie wahrscheinlich entdeckt.

Die Anbieter von Spionage-Apps versuchen, über die Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) selbst wieder vom juristischen Glatteis zu kommen. Da heißt es zum Beispiel: Der Nutzer der App stimme zu, die Software nur auf eigene Geräte oder mit expliziter Erlaubnis des Gerätebesitzers zu installieren. AGB seien aber kein Hintertürchen, sagt der Sprecher des Justizministeriums Baden-Württemberg, Steffen Ganninger. Durch das Kleingedruckte könne man eine Strafbarkeit nicht ausschließen. Für eine Stellungnahme waren die Anbieter nicht erreichbar.

Wenn Partner einander ausspionieren, kommt eine moralische Komponente hinzu: „Das ist ein Mega-Vertrauensbruch, das geht natürlich gar nicht“, sagt Simone Janssen, Präsidentin des Gesamtverbandes der Ehe- und Partnervermittlungen. Wenn so wenig Vertrauen da sei, dass man den Partner überwache, sei das keine Basis für eine Beziehung, sagt die Expertin.


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

(Symbolbild)Web und Tech
Web und Tech

Twitter präzisiert Regeln für Politiker-Tweets

Twitter hat klargemacht, dass auch Tweets von Politikern in dem Onlinedienst gewissen Regeln unterliegen. So drohen zum Beispiel Konsequenzen, wenn klar und ...

Google präsentierte am Dienstag die vierte Generation seiner "Pixel"-Smartphones.Web und Tech
Web und Tech

„Pixel 4“ vorgestellt: Das ist neu beim Google-Smartphone

Google setzt bei seinem neuen Flaggschiff-Smartphone erstmals auf eine Doppelkamera. Zudem wurden eine Gestensteuerung und neuartige Ohrhöhrer präsentiert.

multimedia
Tim Berners-Lee, der vor 30 Jahren den Grundstein für das World Wide Web lieferte, warnte bereits des Öfteren vor seinem Missbrauch.Web und Tech
Web und Tech

Internet-Erfinder beklagt: „Reiche weiße Männer dominieren das Netz“

Physiker Tim Berners-Lee blickt kritisch auf den heutigen Zustand des Internets. Frauen und Minderheiten seien darin unterrepräsentiert.

multimedia
Der Smart-Rosenkranz wird ums Handgelenk gelegt und aktiviert, indem der Träger damit ein Kreuzzeichen macht.Web und Tech
Web und Tech

„eRosary“: Vatikan präsentiert Smart-Rosenkranz fürs Handgelenk

Um jungen Menschen das Erlernen des traditionellen Gebetes zur Gottesmutter leichter zu machen, hat der Vatikan einen elektronischen Rosenkranz vorgestellt.

multimedia
Der 3D-Drucker brauchte 72 Stunden, um das 7,6 Meter lange Boot auszudrucken.Web und Tech
Web und Tech

Video: Weltgrößter 3D-Drucker druckt 7,6 Meter langes Boot

An der Universität Maine wurden gleich drei Weltrekorde gebrochen: Der weltgrößte Prototyp-Plastik-3D-Drucker druckte das weltgrößte 3D-gedruckte Objekt aus ...

multimedia
Weitere Artikel aus der Kategorie »