Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 21.02.2016


KI-Kunst

Künstliche Intelligenz malt intelligente Kunst

Der Picasso aus dem Computer? Eine Software generiert Bilder, die nur schwer von Kunstwerken, die von Hand gemalt wurden, zu unterscheiden sind. Damit dringt Künstliche Intelligenz in eine emotionale Bastion des Menschen vor.

© http://turing.deepart.io/



Dieser Test stellt den Menschen in einer seiner Eigenschaften, die er für unantastbar hielt, auf eine harte Probe: seine Gabe, Kunst zu erschaffen. Zwei Bilder werden auf der Website turing.deepart.io gegenübergestellt und der Nutzer muss entscheiden, welches von einem Menschen gemalt und welches von einer Software generiert wurde. Das erste von zehn Bilder-Paaren zeigt auf der einen Seite das Porträt einer Frau, das dem analytischen Kubismus des französischen Malers Jean Metzinger zugeordnet werden kann. Das andere ist ein expressiv buntes Sportbild im Stile des US-Malers LeRoy Neiman. Eine Qual der Wahl. „Kunst löst naturgemäß kontroversielle Diskussionen aus. Hinzu kommt bei dieser Art der Kunst, dass die Frage auftaucht, inwieweit Computer kreativ sein können. Ich finde es immer spannend, wenn neue Technologien solche Diskussionen auslösen“, sagt Matthias Bethge. Er ist der Leiter der Forschungsgruppe, die am Zentrum für Integrative Neurowissenschaften der Uni Tübingen die Formel für die Kunst der Künstlichen Intelligenz erschaffen hat.

Wie gut die künstlichen Kunstwerke abschneiden, kann schon verraten werden: Über 40.000 Nutzer haben den Test mit ingesamt zehn Bild-Paaren bereits absolviert und im Durchschnitt sechsmal richtig geklickt. Noch hat die Maschine nicht die Oberhand bei diesem optischen Turing-Test. Beim ursprünglichen Turing-Test stellt ein Mensch Fragen an einen anderen Menschen und an eine Maschine, ohne die beiden zu sehen. Beide versuchen, den Fragesteller davon zu überzeugen, dass sie der Mensch sind. Der Turing-Test war in der Anfangszeit der Informatik ein Gradmesser für Künstliche Intelligenz (KI).

60 Jahre später setzt die KI zum Überholmanöver an, wie einige Beispiele beweisen: Google lernt bekanntlich seinen Roboter-Autos autonom zu fahren. Marc Zuckerberg will in diesem Jahr sein Zuhause mithilfe einer KI steuern können. Eine Software von Google hat es geschafft, einen der weltbesten Spieler von Go – ein altes chinesisches Brettspiel, das komplexer ist als Schach – zu schlagen. Die Social-Media-Reaktionen zum ersten Trailer des Films „Interstellar“ wurden von einem lernenden Algorithmus ausgewertet und die Resultate in den zweiten und dritten Trailer eingearbeitet. Die technische Forschungsabteilung der BBC hat ausgerechnet, dass der globale Markt für intelligente Maschinen bis 2019 auf 15,3 Milliarden US-Dollar wachsen wird. Die jährliche Wachstumsrate liegt bei fast 20 Prozent – wovon andere Industriezweige nur träumen können.

Die Forscher aus Tübingen sind mit ihrem Kunst-Projekt nur ein Pixel in dem gewaltigen Bild, das den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Zukunft zeigt. Noch ist die Art, wie ihre Software Bilder malt, nicht ganz mit einer echten KI zu vergleichen. Das neuronale Netzwerk, das die Forscher entwickelt haben, sammelt Informationen aus den Gemälden bekannter Künstler. Der Algorithmus analysiert den Stil, wie der Künstler malt oder welche Farben er verwendet. Das Netzwerk hat so eine genaue Vorstellung davon, wie Picasso oder van Gogh Kunst erschaffen. Diesen Stil kann das Netzwerk auf ein Foto übertragen. Dieses sieht dann aus, als wäre es von einem Künstler gemalen worden. Im Prinzip unterscheidet sich das nicht wirklich von dem, wie ein Mensch malt: Meist hat der Künstler ein Bild etwa einer Landschaft vor sich, das er in ein Gemälde verwandeln will. Inspiriert ist er vom Stil anderer Künstler, die ihn geprägt haben. Bethge spricht noch nicht von Künstlicher Intelligenz: „Wir sehen das als Werkzeug, um kreativ zu werden, nicht um den Leuten die Kreativität zu nehmen“, sagt er. Außerdem könne er sich vorstellen, eine Plattform bereitzustellen, um diese neue Art der Kunst zu etablieren.

Auf die Frage, ob es bald möglich sein werden, dass Künstliche Intelligenz ohne genaue Vorgaben von Stil und Inhalt Kunst erschaffen kann, sagt Bethge: „Ja, ich glaube, dass es möglich ist, so ein Bild malen zu lassen und auch dass es jemand kaufen will. Das kann ein neuer Kunststil werden.“ Vielleicht kein Stil, der aus der Emotion heraus entstanden ist, aber intelligente Kunst von einer Künstlichen Intelligenz. (Matthias Christler)