Letztes Update am Mi, 15.06.2016 09:11

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Ein Leben für die Öffentlichkeit

Immer neue Online-Trends machen es möglich, die Welt am eigenen Leben teilhaben zu lassen. So mancher Hobby-Filmer wird davon reich – so wie eine Texanerin, die durch ihr banales Video kürzlich 400.000 Euro verdiente. Facebook-Live macht’s möglich. Andere User, wie der Innsbrucker Christian Winkler, nutzen die Online-Dienste hingegen, um Wissen zu vermitteln.

Wer braucht Kochbücher, wenn er Video-Tutorials schauen kann? Auf seinem Kanal youtube/cookwithme.at präsentiert Christian Winkler ständig neue Rezepte.

© youtube/cookwithme.at Wer braucht Kochbücher, wenn er Video-Tutorials schauen kann? Auf seinem Kanal youtube/cookwithme.at präsentiert Christian Winkler ständig neue Rezepte.



Wer ein einzigartiges Tattoo will, muss es sich selbst stechen“, kichert eine jugendliche Stimme. Im zugehörigen YouTube-Video sieht man, wie eine Hand mit ungepflegten Fingernägeln eine Kanüle in schwarze Tinte taucht: „Das tut jetzt natürlich weh.“

Man könnte meinen, dass nur eine Hand voll Masochisten die dubiose Online-Anleitung abruft. Doch weit gefehlt. Mehr als 40.000-mal wurde das Video angeklickt. „Clips wie dieser liegen nämlich im Trend“, weiß der Kölner Wirtschaftspsychologe Christian Tembrink. Online-Videos hätten sogar Potenzial, das „neue Fernsehen“ zu werden: „Immer mehr Kunden wollen nicht nur den Inhalt wählen, sondern auch die Sendezeit.“ Kein Wunder, dass alleine YouTube mehr als eine Milliarde Nutzer zählt und monatlich über sechs Milliarden Stunden Videos angeschaut werden.

„Diese Entwicklung hat auch die Werbung erkannt“, weiß der Autor des „Buches zum erfolgreichen Online-Marketing mit YouTube“ (O’Reilly Verlag). In Deutschland würde der Bewegtbildmarkt 2016 auf fünf Milliarden Euro wachsen. Rund 300 Millionen davon fallen laut Tembrink auf den Online-Bereich: „TV-Werbung sorgt für grandiose Reichweiten, ist jedoch steuerlich kostspielig und mit großen Produktionskosten verbunden.“ Anders als online, wo Unternehmen kosteneffizient auf spezielles Zielpublikum abgestimmt werben.

Das beste Beispiel dafür ist das aktuelle Live-Video der Amerikanerin Candace Payne. Werbeeinnahmen bescherten der 37-Jährigen 400.000 Euro für ihren Clip, der binnen kürzester Zeit 155 Millionen Mal angeklickt wurde. In Anbetracht dieser grandiosen Zahl liegt die Vermutung nahe, dass die Texanerin im Video etwas besonders Spektakuläres oder eine unglaubliche Entdeckung macht. Doch Payne sitzt nur vier Minuten lang im Auto und lacht über die Maske der Star-Wars-Figur Chewbacca, die sie eben gekauft hat.

Der neue Trend: Facebook-Live

Die neue Livestreaming-Funktion von Facebook machte Paynes Online-Berühmtheit möglich. Ein Klick reicht aus, schon kann man alle Facebook-Nutzer oder nur Einzelne ohne Verzögerung an seinen Erlebnissen teilhaben lassen. Ein praktisches Tool, das es Reportern ermöglicht, live etwa aus einem Krisengebiet zu berichten. Unternehmen und Künstler können so Fans durch ein Fußballstadion oder auf eine Backstagetour geleiten und nebenbei bequem Einnahmen einstreichen.

Wie hoch diese sind, hängt von der Zahl der Klicks ab. Vanessa Pur etwa betreibt seit 2014 den YouTube-Kanal „pureGLAM.tv“, wo sie Outfits vorstellt, Tutorials gibt und Reisetagebuch führt. Der Kanal der Deutschen, die aus Berlin, Hamburg und Frankfurt berichtet, wurde mehr als 3,6 Millionen Mal angeklickt. Ob sie von den zugehörigen Einnahmen leben kann, verrät sie nicht: „Jeder YouTuber hat andere Lebensansprüche und häufig sind es auch Kooperationen, die entstehen. Oft reicht bei YouTubern ein einziges Video, das ein viraler Hit wird und den Verdienst in dem Monat hochschnellen lässt.“ Beispiel Psy: Das Lied „Gangnam Style“ des koreanischen Sängers wurde mehr als eine Milliarde Mal angeklickt. Offiziell verdiente er 2012 allein durch die Werbe- und Sponsoreneinschaltungen acht Millionen Euro.

Derart lukrative YouTube-Auftritte sind allerdings die Ausnahme. Normalerweise verdienen YouTuber laut Tembrink nur etwa so viel, dass sie sich ein, zwei gute Abendessen im Monat leisten können. Nicht zuletzt, weil dem Video-Portal 45 Prozent der Einkünfte zustehen. „Und selbst diese Summe erhält man natürlich nur, wenn der eigene Kanal oft angeklickt wird. Um dies zu erreichen, muss man aus der Masse herausstechen“, reißt Tembrink YouTube-Neulinge zurück in die Realität. Sein wichtigster Ratschlag klingt banal: „Finde die Zielgruppe. ,Männlich, Städter, um die 70 Jahre‘ ist zu allgemein. Schließlich trifft diese Beschreibung auf Ozzy Osbourne ebenso zu wie auf Prinz Charles. Will man etwa ein Hotel bewerben, gilt es nicht einfach Sauna und Zimmer zu filmen.“

Stattdessen rät Tembrink etwa, junge Kunden zu ködern, indem man erwähnt, dass die Minibar inklusive ist, und den Clip durch schnelle Schnitte und Après-Ski-Musik abrundet: „Bei unserer Firma haben wir keinen Clip, der abgedroschen sagt, dass wir ,ach so toll‘ sind. Stattdessen haben wir unsere Kunden gefragt, welche Probleme sie haben.“ Basierend darauf entwickelte Tembrink für seine Marketingagentur „netspirits“ Videos, in denen unter anderem erklärt wird, wie man seine Homepage auf Google prominent platziert: „Am beliebtesten sind nämlich die zwei Video-Formate ,hilf mir‘ oder ,unterhalte mich‘.“

YouTube statt Kochbuch

Ein Credo, das auch der Innsbrucker YouTuber Christian Winkler beherzigt: „Als gelernter Koch hatte ich lange den Traum, ein Kochbuch herauszugeben. Aber mal ehrlich: Wer kauft das Buch eines Autors, dessen Namen er nie gehört hat?“ Kurzum entschied sich der 29-Jährige für die zeitgemäßere Variante und gründete 2014 den YouTube-Kanal „cookwithme.at“: „Dort präsentiere ich jeden Freitag ein neues Rezept, das ich ähnlich aufbaue wie bei einem Kochbuch. Zudem kann ich grundlegende Tipps geben, wie man den Grill richtig anzündet oder Fisch filetiert.“

Ein weiterer Vorteil sei, dass Winkler via Kommentar-Funktion mit den Zusehern in Kontakt treten kann. So erhält der hauptberufliche Werbefachmann sofort Feedback, ob sein mit Tequila-Sunrise verfeinertes Schweinefleisch oder die „Ente à l’orange“ vom Grill gut ankommen.

Doch all der YouTube-Begeisterung zum Trotz gibt Winkler zu bedenken, dass die Video-Suchmaschine Gefahren birgt: „Anleitungen wie die zum Tattoo-Selbststechen sind Teil von YouTube, weil die Leute schneller höher und weiter hinaus wollen. Umso wichtiger finde ich, dass Eltern Sorge tragen, was ihre Kinder online schauen.“

Den Medienpsychologen Daniel Süss überrascht die hohe Zugriffsquote auf YouTube-Banalitäten nicht: „Menschen wollen sich meist nicht nur informieren, sondern primär unterhalten werden. Warum sonst werden Boulevardblätter teils öfter verkauft als Qualitätszeitungen?“

Der Professor an der Züricher Hochschule für angewandte Wissenschaften sieht im stetig wachsenden Drang, sich online zu präsentieren, zudem die Gefahr einer gesellschaftlichen Veränderung: „Die langfristige Wirkung ist schwer vorherzusehen, weil das Online-Phänomen jung ist. Analysen prophezeien jedoch die Zunahme histrionischer Persönlichkeitsstörungen.“ Das bedeute, dass Menschen immer mehr auf die Resonanz ihres Umfelds angewiesen sind und ihr Bild der eigenen Persönlichkeit davon abhängig machen.

Der Genuss geht verloren

Damit nicht genug: „Man gewöhnt sich an, Situationen wie Sonnenaufgänge in Bild und Video festzuhalten. Das ist an sich nicht schlimm.“ Man verändere jedoch seine Perspektive, genieße die Situation nicht, sondern überlege stets, wie man sie kommunizieren kann und sieht sie nur vom Standpunkt des Kameramanns.

Apropos Kameramann: Neo-YouTubern rät Medienfachmann Tembrink, simple Regeln zu beachten: „Lächelt oder erschreckt ihr im Clip, weckt das beim Zuseher Emotionen. So bleiben tausendmal mehr Infos hängen, als wenn nur ein Text vorgelesen wird und man die Person dahinter nicht sieht. Seid authentisch!“ (Judith Sam)