Letztes Update am Di, 06.06.2017 06:23

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Aus Liebe zur Notiz

Die ganze Welt ist digital und trotzdem verkaufen sich Notizbücher wie warme Semmeln. Warum wir nicht auf sie verzichten wollen und wie sie sich dem IT-Zeitalter anpassen.

(Symbolfoto)

© Moleskine(Symbolfoto)



Ernest Hemingway zieht sein schwarzes Notizbüchlein aus der Hemdbrusttasche, schaut kurz in die Ferne und notiert ein paar Zeilen von „Der alte Mann und das Meer“. Pablo Picasso skizziert in sein Buch die ersten Linien, die später Kubismus heißen werden.

Ob das so war, wissen wir nicht genau, dennoch geht von den kleinen, feinen Notizbüchern, die zur Grundausrüstung jedes angehenden Intellektuellen gehören, genau dieser Duft aus. Es riecht nach geistiger Höhe, nach künstlerischen Ergüssen.

Eine Nachschau im eigenen Notizbuch-Archiv macht schnell klar, dass der gemeine Nutzer sich zwar inspiriert fühlt von den großen Gedanken seiner Vorgänger, selbst aber nicht immer welche hat. Ich finde in meinem Büchlein mehr Listen als Texte, mehr Banales als Prosa, mehr Daten als Dichtung. „Kaffeebohnen“ steht da oder auch „Zahnarzttermin“, beides ist durchgestrichen. Zum Glück, die Liste ist vier Jahre alt. Der Punkt „Klopapier“ schaut unerledigt aus. Das ist aber auch ein Dauerbrenner. Was mit der an den Rand gedrückten Kritzelei „moderne Amazone“ gemeint ist, weiß ich nicht mehr. An das Zitat „Change is what defines life“ kann ich mich hingegen erinnern. Es ist aus einem denkwürdigen Interview mit einem Zen-Priester.

Mit dem Moleskine "Smart Writing Set" bleibt das Schreiberlebnis auf Papier erhalten. Zusätzlich wird der Inhalt mit einer Infrarotkamera digitalisiert und ist somit zeitgleich auch auf dem Tablet oder iPhone nutzbar.
Mit dem Moleskine "Smart Writing Set" bleibt das Schreiberlebnis auf Papier erhalten. Zusätzlich wird der Inhalt mit einer Infrarotkamera digitalisiert und ist somit zeitgleich auch auf dem Tablet oder iPhone nutzbar.
- Moleskine

Es scheint also, nach höchstpersönlicher Erfahrung, der Kuss der Muse durch den Kauf eines dieser Bücher nicht garantiert. Lieben kann man sie trotzdem. Wegen ihrer Schönheit. Das allein wäre schon genug. Und dann ist da noch der Geruch. Papier duftet.

Und es ist sprichwörtlich geduldig. Es kann eben vier Jahre später noch an ein inspirierendes Interview erinnern. Und Papier ist ein Zeuge der eigenen Handschrift, die, wenn wir den Graphologen glauben wollen, so persönlich ist, wie ein Fingerabdruck. Notizbücher sind stumme Archive einer Kulturtechnik, die vielleicht schon bald ausgestorben sein wird, wenn wir pessimistisch denken.

Auf jeden Fall verkaufen sie sich derzeit hervorragend. Die Marke Moleskine hat sich den Flirt mit dem intellektuellen Karma genial zu Nutzen gemacht. Die Gründerin Maria Sebregondi, die wohlgemerkt erst in den 1990ern in Mailand ihr Unternehmen schuf, spielt clever mit dem Intellektuellen-Charme. Man bezieht sich auf den britischen Reiseschriftsteller Bruce Chatwin (1940–1989). Er soll seinen Büchlein den französischen Namen „carnets moleskines“ („Notizbücher mit Maulwurfsfell“) gegeben haben. Der papierene, raue, dunkle Karton­umschlage inspirierte ihn dazu. Sebregondi nahm die Idee auf.

Die Hülle schön, der Inhalt digital: So hat man sich das bei Paperblanks gedacht und die Notizbücher-Hüllen zu Tablet-Covern umfunktioniert. Wer will, kann nun jedem vormachen, er würde noch selbst schreiben.
Die Hülle schön, der Inhalt digital: So hat man sich das bei Paperblanks gedacht und die Notizbücher-Hüllen zu Tablet-Covern umfunktioniert. Wer will, kann nun jedem vormachen, er würde noch selbst schreiben.
- Paperblanks

Der Rest ist Geschichte. Und Moleskine ist nicht allein. Auch Marken wie Leuchtturm 1917 und Paperblanks verstehen sich auf Bücher für Menschen mit Liebe zur Handschrift.

Derzeit ist aber auch dort der Kurs auf digitale Zukunft gepolt. Bei Paperblanks hat man die Notizbuch-Hüllen zu Tablet-Covers umgewandelt. Damit man einem Schriftsteller gleich im Kaffeehaus sitzen kann, während man „Pflanzen gegen Zombies“ spielt. Die Mailänder Tüftler von Moleskine haben sogar einen Infrarotkamerastift entwickelt, der alles Geschriebene auf ein Notebook überträgt. So kommt auch der Papier-Fan im digitalen Zeitalter an.

Das ist jetzt natürlich schon ein wenig inkonsequent. Man könnte aber auch sagen: „Change is what defines life“. (Andrea Wieser)