Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 12.10.2017


Web und Tech

Die Marionetten der Daten-Diktatur

In der digitalisierten Gesellschaft hängt der Bürger an Fäden, er wird gesteuert, Wahlen werden manipuliert. Der Soziologe Dirk Helbing skizziert eine andere Zukunft, in der sich jeder alle Daten zunutze machen kann.

Durch Künstliche Intelligenz kann man dazu gebracht werden, so zu agieren, wie es sich Konzerne und Regierungen wünschen. 


© iStockDurch Künstliche Intelligenz kann man dazu gebracht werden, so zu agieren, wie es sich Konzerne und Regierungen wünschen. 




Von Matthias Christler

Innsbruck – Technologiekonzerne halten die Fäden in der Hand und der Mensch ist nur eine durch Daten gesteuerte Marionette. Von so einem Szenario hat man gehört, es aber als Verschwörungstheorie abgetan. Doch liest man das „Digitale Manifest“, bekommt man erstmals einen konkreten Eindruck davon. Dirk Helbing hat gemeinsam mit acht weiteren europäischen Experten eine Gesellschaft skizziert, in der die Demokratie durch Algorithmen und künstliche Intelligenzen bedroht ist. Auf Einladung der Tiroler Wirtschaftskammer kam er nach Innsbruck und im Gespräch mit der TT sprühte er nur so vor Ideen, wie eine bessere digitale Welt aussehen könnte.

Manipulierte Bürger: Zuerst jedoch zu dem, was Österreich am Sonntag betreffen könnte. „Die Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource und die neue Währung. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, nur hat uns das keiner gesagt. Gewinnt man unsere Aufmerksamkeitssekunden, kann man unsere Meinungen, Gefühle, das Verhalten und unsere Entscheidungen steuern“, spricht der 52-jährige Deutsche Technologien an, die bislang eingesetzt werden, um Kunden zielgenau anzusprechen, damit diese ein Produkt kaufen. „Das Gleiche wird politisch eingesetzt. Das ist eine moderne Art der Wahlmanipulation, bei der sich Unternehmen wünschen können, was bei der Wahl herauskommt.“

Das funktioniert u. a. mit Social Bots. Viele der Technologien, die zum Einsatz kommen, seien der Öffentlichkeit noch gar nicht bekannt. All das basiert darauf, dass der Bürger möglichst viele seiner persönlichen Daten preisgibt.

Peace statt War Rooms: Die massenhafte Datensammlung – Big Data – helfe dem „politischen Zirkel zu entscheiden, wie die Welt funktioniert“. Der Soziologe sieht eine Möglichkeit, bei der allerdings ein radikales Umdenken nötig ist, um die Datenberge demokratisch einzusetzen.

Statt „War Rooms“ als Kriegs-Kommandozentralen empfiehlt er „Peace Rooms“, Räume des Friedens, in denen Daten aus verschiedenen Perspektiven, nicht nur aus der des Staates und von Konzernen, betrachtet und bearbeitet werden. „Es braucht etwa Ethiker und die Möglichkeit, dass die Zivilgesellschaft teilnimmt. Der Wert der Daten kann so viel mehr entfaltet werden. Die Geheimnistuerei muss ein Ende haben“, sagt er.

Olympischer Ideenaustausch: Umweltsorgen, Verteilungsungerechtigkeit, Ressourcenverschwendung – auf den Menschen kommen in den kommenden Jahrzehnten Probleme zu, bei der Vernetzung und regionale Experimentierräume zur Lösung beitragen können. Dirk Helbings Idee: Städteolympiaden, aber nicht mit sportlichen, sondern mit Ideen-Wettkämpfen: „Die Städte rund um die Welt treten alle zwei oder vier Jahre miteinander in Wettbewerb, um die besten Lösungen für die Probleme der Welt zu finden und umzusetzen. Die Politiker oder die Unternehmen schaffen das nicht allein, das können wir nur als Gesellschaft gemeinsam.“

Regenwald der Innovation: Die meisten digitalen Ideen stammen aus dem Silicon Valley, Europa hinkt bezüglich Daten, Rechenleistung und künstlicher Intelligenz den USA hinterher. Europa sollte sich trotzdem lieber den Regenwald zum Vorbild nehmen. Den Regenwald? „Das ist ein Ökosystem der Vielfalt, das möglich wird, weil Bäume ihre Blätter verlieren, daraus Humus wird und Neues darauf wachsen kann. Wir können digitalen Humus produzieren“, meint Helbing.

Firmen müssen nach einer gewissen Zeit, z. B. zwei Jahren, in denen sie die kommerziellen Möglichkeiten ausgeschöpft haben, alle gewonnenen Daten oder Algorithmen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Jedes Unternehmen kann so auf den Innovationen der anderen aufbauen. Helbing nennt das „kombinatorische Beschleunigung“.

Man muss sich eben von alten Denkmustern lösen. Eine weitere Idee Helbings: Nicht mehr der Staat pumpt Milliarden Euro ins System. „Der Bürger erhält eine Investmentprämie, die er für Ideen, Technologien oder Projekte einsetzen muss. Damit kann auch der Kindergarten gestrichen werden. Es wäre eine neue Finanzierungsmöglichkeit.“ Das soll zu einer Innovationsdynamik führen.

Digitale Chancen: Derzeit, so Helbing, laufe man jeden Tag an Hunderten verpassten Chancen vorbei. „Es können digitale Assistenten entstehen, die uns durchs Leben leiten.“ Zum Beispiel: „Der digitale Assistent sagt mir an der Bushaltestelle, dass ich doch lieber mit dem Mann neben mir, der den gleichen Musikgeschmack hat, sprechen soll, als sinnlos am Smartphone herumzutippen.“ Und in so einer digitalen Gesellschaft, in der jeder seine Idee zum Wohle aller verwirklichen kann und die Daten das Leben schöner machen, würde es sich doch zu leben lohnen.