Letztes Update am Mo, 30.04.2018 13:38

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Suchmaschine

Nur Google wird’s verraten

Auf Google gibt es scheinbar keine dummen Fragen. In der vermeintlichen Anonymität trauen sich die Menschen, ihre größten Wissenslücken zu offenbaren und drücken Sehnsüchte aus. Die Suchmaschine ist Retter in der Not und Kummerkasten.

© 90 Prozent der Suchanfragen im Internet laufen über Google.



Das ganze Internet ist voller Lügen? Mitnichten! Es gibt da einen Ort – fast wie ein gallisches Dorf –, wo die Menschen ehrlich sind und ihre größten Probleme und drängendsten Fragen offenbaren: in Suchmaschinen. 90 Prozent der Suchanfragen im Internet laufen dabei über Google.

Wertet man die gestellten Fragen aus, kommt neben vielen Alltagsdingen wie Wetter, Fernsehprogramm oder was man wie kochen soll auch viel Intimes heraus: eine Mischung aus Abnehmproblemen, Krankheiten, Straftaten und Liebesdingen.

Ehrlichkeit statt Lügen

Seth Stephens-Davidowitz, Datenwissenschafter und ehemaliger Google-Mitarbeiter, hat diese gesammelten Fragen untersucht. Veröffentlicht hat er das Ergebnis in seinem Buch „Everybody Lies“ mit dem Untertitel „Was das Internet darüber sagen kann, wer wir wirklich sind“. „Es war bemerkenswert, wie ehrlich Menschen auf Google sind“, erklärt er der TT. Sie finden es offenbar angenehmer, sich einer – vermeintlich – anonymen Quelle zu öffnen. „Und Google fühlt sich so anonym an, wie es nur geht.“

Es ist zum modernen Kummerkasten geworden. Ganz im Gegensatz zu Facebook und Co., wo es um die Ehrlichkeit schlechter steht. „Soziale Netzwerke sind mit Lügen gefüllt, weil die Leute ihre Freunde beeindrucken wollen.“

Für Stephens-Davidowitz ist klar, dass die Daten aus Suchanfragen öfter für die Forschung genutzt werden sollten. Nicht nur für Markt-, sondern zudem etwa für Sozialforschung. Dieses Potenzial sieht auch Markus Kienberger, Chef von Google Austria. „Darin spiegeln sich Veränderungen im Alltagsleben und im wirtschaftlichen Bereich. Es lassen sich aber auch Trends für die Zukunft ablesen“, kommentierte er die Jahreszusammenfassung der österreichischen Suchanfragen.

Von datenrechtlichen Bedenken einmal ganz abgesehen, klingt das plausibel: Denn die auf Google gestellten Fragen sind eine Art Spiegel der Gesellschaft – besonders des negativen, düsteren Teils. „Google-Suchanfragen sind vielleicht etwas negativer, denn wenn Menschen positive Gedanken haben, brauchen sie keine Hilfe“, meint Stephens-Davidowitz.

Job-Kündigen zum Dienstende

Google offenbart mehr über uns, als wir uns bewusst machen. Sogar wann Menschen welche Themenbereiche suchen, lässt sich leicht analysieren: Zur Prime-Time wird das TV-Programm erfragt, zuvor – pünktlich zum Dienstschluss – nach „Job kündigen“ oder „Schluss machen“, wie das Verbraucherportal Warenvergleich.de herausfand. Zwischen halb zwei und halb drei Uhr nachts wird meist „Porno“ und „Vibrator“ gesucht. Die Ehrlichkeit der Nutzer ist erstaunlich. Wie gut Google uns und unsere intimsten Probleme und Fragen kennt, ist letztlich aber auch erschreckend. (Philipp Schwartze)