Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 25.01.2019


Web und Tech

Häufigstes Motiv für Online-Terror sind Rachegelüste

Cybercrimes sind auf dem Vormarsch, häufigstes Motiv ist Rache. Der Ex muss kein IT-Profi sein, um Online-Terror zu verüben.

Dem Ex-Partner „eines auswischen“ war noch nie so einfach wie in der digitalisierten Welt. Für Betroffene eine massive Belastung.

© iStock/DuttonDem Ex-Partner „eines auswischen“ war noch nie so einfach wie in der digitalisierten Welt. Für Betroffene eine massive Belastung.



Von Silvana Resch

Innsbruck – „Früher hat man dem oder der Ex aufgelauert oder SMS geschickt“, sagt die Cybercrime-Expertin Edith Huber von der Donau-Universität Krems. „Mittlerweile kommt es häufig vor, dass nach einer in die Brüche gegangenen Liebesbeziehung einer der beiden versucht, sich online zu rächen.“ Es gebe unterschiedliche Methoden, wie etwa „die Zugangsdaten vom E-Mail-Konto des Ex-Partners zu sperren, das Facebook-Profil des anderen zu hacken und dort zum Beispiel erotische Bilder zu posten oder auf Kosten des Verflossenen shoppen zu gehen“.

Für diese Art von Terror brauche es keine speziellen technischen Kenntnisse oder Informatikkompetenzen, sagt Huber.

Die Soziologin hat mit Kollegen die ungelösten Cybercrime-Fälle, die am Straflandesgericht Wien zwischen 2006 und 2016 verhandelt wurden, untersucht. Zu einer Verurteilung kommt es selten: Von rund 16.000 Anzeigen in Österreich 2017 wurden nur knapp 6500 Cybercrimes geklärt. Mit 43 Prozent dominiert laut Studie bei den ungelösten Fällen das so genannte „Revenge-Crime“, also der Racheakt. Am zweithäufigsten, mit 29 Prozent, sind „Financial-Crimes“, Verbrechen, die eine finanzielle Bereicherung zum Ziel haben. Die Tatverdächtigen agieren zumeist in kleinen kriminellen Organisationen.

Revenge-Crimes werden hingegen fast ausschließlich von Einzeltätern verübt, von Menschen, die nichts mit einem Hacker gemein haben.

Da bei diesen digitalen Racheakten üblicherweise keine IT-Kenntnisse vorhanden sind, wird das Verbrechen auch nicht verschleiert. Doch obwohl der Täter zumeist bekannt ist, komme es nur sehr selten zu einer Verurteilung. „Opfer und Täter einigen sich meist außergerichtlich“, erklärt Huber.

Mit zunehmender Digitalisierung werden auch ehemalige Arbeitgeber zum Ziel von Revenge-Crimes, meistens stehen Täter und Opfer aber in einer Beziehung zueinander beziehungsweise waren ein Liebespaar. Für Huber handelt es sich bei dieser Art des Verbrechens um eine Form von Stalking. „Man muss sich freilich jeden Fall im Einzelnen anschauen, aber der gemeinsame Nenner ist die obsessive Belästigung, die die Lebensführung beeinträchtigt.“

Laut Eva Pawlata vom Gewaltschutzzentrum Tirol steht Cyberstalking „selten für sich allein“. Meist handle es sich um eine „Kombination mit gefährlicher Drohung oder übler Nachrede“, bestätigt Huber.

Bei rund 1200 Meldungen, die vergangenes Jahr beim Gewaltschutzzentrum Tirol eingelangt sind, wurde 109-mal Stalking angegeben. Wobei diese Zahlen nicht repräsentativ sind, denn auch bei den anderen Fällen könne Stalking mit dabei gewesen sein.

„Stalking kann gefährlich werden“, warnt Pawlata. „Vor Gewalt, und auch vor der schlimmsten Gewalt, wie wir es zuletzt in Österreich erleben mussten, war meist eine Verfolgung des Opfers da“. Falls der Gefährder beispielsweise ständig SMS schicke, rät die Expertin, das Handy nicht abzumelden. „Wichtig ist, dass ein Kanal offen bleibt, damit die Leute nicht auf andere Ideen kommen.“

Im Internet sei die Hemmschwelle jedenfalls deutlich gesunken, „weil es so einfach und so schnell geht“, sind sich die Experten einig. Der geringe Aufwand mache verstärkt auch Frauen zu Tätern, erklärt Huber. Rund 40 Prozent der Cyberstalker sind weiblich. Auch wenn keine physische Gewalt im Spiel ist, handelt es sich für die Betroffenen dabei um eine massive Belastung. „Manche Leute tragen ein Trauma davon oder kriegen Depressionen.“

Was vielleicht harmlos klingt, wie das E-Mail-Konto des Ex-Partners zu sperren, könne in der Realität „für Riesenprobleme“ sorgen: „Wenn Sie nicht mehr mit Ihrem Android-Handy telefonieren können, weil Sie eine Gmail-Adresse dafür brauchen, kann das Leben schnell zur Hölle werden“, so die Forscherin. Es brauche einen Gerichtsbeschluss, um die Konten wiederherstellen zu lassen. Das sei mit großem Aufwand verbunden: „Das Opfer muss zur Polizei, es muss Strafanzeige bei der Staatsanwaltschaft gestellt werden, dann kommt der Fall zu Gericht. Es dauert bis zu einem halben Jahr, bis das geklärt wird.“

Auf dem Vormarsch seien auch Verbrechen, die durch die so genannten Smart Homes möglich werden: „Typische Trennungsgeschichten sind auch: Der Mann hat die Zugänge zum Online-Portal von der Heizung und dreht dann ständig die Heizung auf oder ab.“

Problematisch sei auch, dass die Dunkelziffer bei Cybercrimes „extrem hoch“ ist. „Wenn Identitätsdiebstahl nicht zur Anzeige gebracht wird, kann auch keine Prävention gemacht werden“, warnt die Forscherin.

Betroffene von Cybercrimes oder Stalking können sich an das Gewaltschutzzentrum Tirol wenden: www.gewaltschutzzentrum-tirol.at.