Letztes Update am So, 10.02.2019 06:42

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Menschen und Roboter: An einem Strang ziehen

Lange Zeit arbeiteten Menschen und Roboter getrennt voneinander. Doch statt auf Verdrängung setzt man auf Zusammenarbeit: In Zukunft sollen sich die ungleichen Arbeitspartner zusammentun, um mehr zu leisten.

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Von Philipp Schwarze

Seit die ersten Roboter in Fabriken effizient arbeiten, fürchtet sich der Arbeiter aus Fleisch und Blut, ersetzt zu werden. Doch es geht nicht mehr nur um Maschinen, die alleine arbeiten. Mensch und Roboter sollen Arbeitspartner werden. „Diese Idee gibt es schon seit 20 oder 30 Jahren“, sagt Sebastian Schlund, BMVIT-Stiftungsprofessor für Industrie 4.0 an der Technischen Uni Wien. Er beschäftigt sich damit, wie Menschen und Roboter zusammen arbeiten könnten. Da geht es dann schon einmal um die Frage, ob der menschliche Arbeitspartner des Roboters Links- oder Rechtshänder ist oder welche Wege er an seinem Arbeitsplatz geht. Aus Datenschutzsicht ist das problematisch.

Die Roboter sind kleiner und leistungsfähiger geworden – und stehen nicht mehr hinter Schutzzäunen, getrennt vom Menschen, sondern direkt neben ihm. Sie arbeiten ihm als Vorarbeiter zu oder übernehmen die körperlich schwersten Arbeiten.

Doch die Zusammenarbeit bringt Probleme mit sich. So sorgte der Versandriese Amazon etwa kürzlich für Aufmerksamkeit, weil er seine Mitarbeiter mit Roboter-Schutzwesten ausstattet. Damit sollen Zusammenstöße vermieden werden. Durch die „Robotic Tech West“ kann die Position der menschlichen Mitarbeiter von den Lager-Robotern zuverlässiger erkannt werden. Parallel werden von Forschern Roboter programmiert, die bei Berührung mit Menschen mit ihrer Tätigkeit aus Schutzgründen sofort aufhören und andererseits den besten Arbeitsablauf selbst herausfinden.

Doch warum übernimmt nicht gleich alles der Roboter? „In vielen Bereichen, wo es um monotone Produktionstätigkeiten bei der Massenproduktion geht, führt Automatisierung zu besserer Qualität und wirtschaftlicheren Prozessen“, sagt Schlund. Doch bei hoher Variabilität, kreativeren Arbeiten sei die klassische Handarbeit, die „menschliche Lösung“, vorteilhafter.

Daher geht es in der häufig mit dem Schlagwort „Industrie 4.0“ versehenen Arbeit der Zukunft auch um die Frage, wer was besser kann, wie es sich kombinieren lässt und wie der Arbeitsplatz dann aussieht. „Ein Leichtbauroboter ist kein Werkzeug, sondern wird eher ein Kollege“, spricht Schlund an, dass die Maschine dann nicht nur auf Knopfdruck des Arbeiters reagiert, sondern auch selbstständige Handlungen parallel durchführt.

Neben Robotern sind aber auch Assistenzsysteme eine Möglichkeit, dem Menschen am Arbeitsplatz, speziell in der Industrie, zu helfen. Ein Forschungsprojekt mit 18 Unternehmen hat das Unternehmen Profactor durchgeführt. „Wir wollten wissen, welche Unterstützung brauchen die Arbeiter“, erklärt Christian Wögerer. Bis die „Produktion der Zukunft“, so der Name des Projekts, startet, müssen teils banale Dinge geklärt werden: Wie kommuniziert der Roboter mit dem Menschen – und umgekehrt. Wie signalisiert der Roboter, was er gerade tut? „Die Menschen werden wahnsinnig, wenn nichts passiert und sie nicht wissen, woran das liegt. Dafür kann man Sprachausgabe verwenden, oder Displays, je nach Arbeitsumfeld“, sagt Wögerer.

Auch Schlund beschäftigt sich im Themenfeld „Industrie 4.0“ nicht nur mit Robotern, sondern auch mit unterstützenden Systemen. „Mit Projektoren wird dabei etwa ein Plan oder eine Anleitung auf das Werkstück oder in den Arbeitsbereich projiziert.“ Das könnte Mitarbeitern helfen und ließe sich individuell anpassen. „Das Ziel bei allem ist ein besseres wirtschaftliches und auch für den Menschen besseres Arbeiten“, sagt Schlund. Die Mittel reichen von Virtual-Reality-Brillen bis zu den Leichtrobotern.

Wie sich diese zunehmende Technik auswirkt, bleibt Spekulation. „Die Kurzschlussargumentation ist: Mehr Automatisierung heißt weniger Arbeitsplätze. Aber das muss noch lange nicht so eintreten“, sagt Schlund. Es brauche schließlich auch mehr Menschen, die Roboter installieren. „Dass ein Montage-Arbeiter nicht automatisch zum Roboter-Installateur wird, ist klar. Das ist dann eine gesellschaftliche Frage, Qualifizierungsmaßnahmen sind hier sicher der Schlüssel.“ Volkswirtschaftlich sehe er künftig nicht unbedingt weniger Arbeitsplätze als heute. „Ich sehe den großen Unterschied zu den letzten Jahrzehnten nicht, in denen auch immer neue und oft bessere Arbeitsplätze geschaffen wurden.“

Die Erwartungen an die Mensch-Maschinen-Zusammenarbeit sind extrem hoch. „Das wird in den nächsten drei bis fünf Jahren zu einer großen Ernüchterung führen“, meint Schlund. Zwar seien die Roboter leistbarer geworden, aber erst am Rande der Wirtschaftlichkeit. Auch dauert es noch lange, ehe die Arbeitsprozesse von Mensch und Maschine miteinander abgestimmt sind. „Es wird sich wirtschaftlich nicht lohnen, dass der Roboter dem Menschen 80 Prozent der monotonen Arbeit abnimmt, dieser aber in der Zeit nichts zu tun hat“, nennt Schlund ein Beispiel. „Man muss schauen, wie man den menschlichen Zeitgewinn durch die Automatisierung nutzt.“ Dazu kommen noch gesetzliche Regelungen, die der Sicherheit der menschlichen Arbeiter dienen, die Roboter dadurch aber in ihrem Tatendrang behindern. In fernerer Zukunft sei die Zusammenarbeit von Robotern und Menschen aber sicher „das große Thema“.