Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 06.03.2019


Innovation

Halb Handy, halb Tablet: Bildschirme sind reif für Falten

Immer mehr Hersteller präsentieren neue Smartphones mit faltbaren Bildschirmen. Noch wird die Innovation aber nicht bejubelt.

Das Huawei Mate X wird 2299 Euro kosten und damit abgesehen von Sondereditionendas teuerste Smartphone am Markt sein. 100.000 Faltvorgänge halten die Gelenke laut Hersteller aus.

© huaweiDas Huawei Mate X wird 2299 Euro kosten und damit abgesehen von Sondereditionendas teuerste Smartphone am Markt sein. 100.000 Faltvorgänge halten die Gelenke laut Hersteller aus.



Von Matthias Christler

Innsbruck — Das Smartphone bekommt eine Origami-Funktion. Wie beim Papierfalten stammt die Kunst des zusammenfaltbaren Bildschirms aus dem asiatischen Raum und noch etwas vereint beides: es ist für viele ein Rätsel. Selbst Branchenexperten tun sich h derzeit schwer einzuschätzen, ob die flexiblen Smartphones den Markt revolutionieren oder ein Nischenprodukt bleiben wie 3D-Fernseher.

Wer war der erste?

Am Mobile World Congress in Barcelona übertrumpften sich Samsung und Huawai gegenseitig mit den Präsentationen ihrer Modelle und den Preisen jenseits der 2000 Euro. Dabei ging unter, dass bereits seit Ende 2018 ein Smartphone mit flexiblem Display am Markt ist — das FlexPai des chinesischen Herstellers Royole. Erhältlich ist es derzeit in China für ca. 1200 Euro. Die Idee, biegbare Bildschirme mit Smartphone-Technologie zu verbinden, hatte schon Nokia. 2008 stellte der einstige Weltmarktführer mit dem „Morph“ ein Handy vor, dass sich um das Handgelenk wickeln lässt.

Welchen Vorteil hat ein zusammenfaltbares Smartphone?

Die Hersteller werben damit, dass man zwei Geräte — ein Handy und ein Tablet — in einem hat. Im zusammengefalteten Zustand kann man telefonieren, faltet man es auseinander hat man ein Tablet mit einem doppelt so großen Bildschirm. Bis zu drei Apps lassen sich nebeneinander öffnen und bedienen.

Wie funktioniert ein biegbarer Bildschirm?

Die eigentliche Kunst ist nicht, die durchsichtige Oberfläche biegbar zu machen, sondern das, was sich darunter verbirgt. Am Fraunhofer-Institut für Angewandte Polymerforschung IAPT forscht man an der neuen Display-Generation: „Ein Schritt ist die Entwicklung einer Leuchtquelle, die ebenfalls dünn und flexibel ist. Die Integration selbstleuchtender Pixel, die beispielsweise durch elektrische Anregung Licht aussenden können macht dies möglich“, heißt es zur Entwicklung von Organischen Leuchtdioden, kurz OLEDs. Weil diese nicht extra beleuchtet werden müssen, können die Bildschirme dünn gebaut werden. So dünn, dass man sie biegen kann.

Welche Modelle kommen jetzt auf den Markt?

Das Galaxy Fold von Samsung soll Ende April für 2000 Euro erhältlich sein. Der faltbare Bildschirm befindet sich auf der Innenseite. Genau umgekehrt versucht es Huawei mit ihrem Mate X, das ab Sommer für stolzen Preis von 2300 Euro geben wird. Der faltbare Bildschirm befindet sich an der Außenseite. Das hat den Vorteil, dass man auch im zusammengefalteten Zustand einen voll funktionsfähigen Display sieht. Allerdings hat Huawei noch keine Lösung vorgestellt, wie man es vor Zerkratzen schützt. Apple hat Patente, um nachzuziehen, hält sich aber zurück.

Dafür haben andere Hersteller neue, flexible Modelle angekündigt. Motorola will mit einem neuen „Razr“-Klapphandy an alte Erfolge anschließen. Vor der Einführung der Touchscreens waren die Razr-Modelle eine Verkaufsschlager. Das 2019er-Razr faltet sich nicht zu einem eher quadratischen Tablet auf, sondern wird durch das Aufklappen doppelt so hoch.

Wann ist in Österreich damit zu rechnen?

Die Mobilfunkanbieter halten sich noch bedeckt. T-Mobile könne zur Verfügbarkeit erst etwas sagen, sobald die Geräte verkauft werden. Bei A1 wird man konkreter: „Wir — und sicher auch die Marketingabteilungen der anderen Anbieter — überlegen intensiv, ob wir es ins Portfolio aufnehmen“, erklärt Sprecher Jochen Schützenauer. Die Zurückhaltung erklärt sich wohl damit, weil Experten noch nicht abschätzen können, wie stabil die erste Produktgeneration funktioniert. Bei Huawei erklärt man, dass die verbauten Gelenke für 100.000 Falt-Vorgänge ausgelegt seien. Ein Manager bei Google, das ein neues Betriebssystem entwickelt, meinte: „Wir werden mit den ersten Geräten erst lernen, wie die Menschen sie nutzen.“ A1-Sprecher Schützenauer sagt: „Ehrlicherweise muss man sich fragen, ob es Sinn macht einen 24-Monate-Vertrag abzuschließen, für ein Produkt, das vielleicht noch nicht ausgereift ist.“

Wird es über kurz oder lang ein Erfolg werden?

T-Mobile-Sprecher Lev Ratner denkt schon: „Faltbare Smartphones haben langfristig Potenzial den Massenmarkt zu erreichen.“ Für Jochen Schützenauer von A1 ist es jedoch keine Innovation wie die Einführung des Touchscreens. „Die eierlegende Wollmilchsau wird es nicht werden.“

Was ist mit biegbaren Displays noch möglich?

Das Display, das im FlexPai verbaut ist, könnte man theoretisch um einen Zahnstocher wickeln. So biegsam ist es. Die Zeiten des flachen Bildschirms sind damit vorbei. Die flexiblen Displays könnten zum Beispiel in Litfaßsäulen verwendet oder direkt in der Kleidung eingearbeitet werden.