Letztes Update am Mo, 25.03.2019 14:54

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Web und Tech

Die Spannung vor dem Apple-Event steigt: Viel Lärm um nichts?

Tech-Riese Apple soll heute seinen eigenen Streamingdienst vorstellen. Während manche den ultimativen Frontalangriff auf Netflix und Co. wittern, orten andere lediglich den Versuch, über ein neues Geschäftsmodell an Geld zu kommen.

Apple ist bereit, seine Hollywood-Pläne der Öffentlichkeit vorzustellen.

© AFPApple ist bereit, seine Hollywood-Pläne der Öffentlichkeit vorzustellen.



Cupertino — Die Spannung steigt: In wenigen Stunden präsentiert Apple seinen nächsten großen Wurf - so heißt es jedenfalls. Wenn Konzernchef Tim Cook am Montag um 18 Uhr (unserer Zeit) die Bühne im Apple-Hauptquartier in Cupertino betritt, sollen nicht etwa neue Gerätenamen und technische Finessen zu sehen sein, sondern im wahrsten Sinne des Wortes großes Kino.

Apple will angeblich seine Hollywood-Pläne der Öffentlichkeit präsentieren - ein neuer Streamingdienst soll ins Rennen geschickt werden. Hinweise dafür liefert der Technologie-Riese seit Monaten gezielt und häppchenweise selbst. "It's show time", heißt es beispielsweise in einem animierten Video auf der Twitter-Seite des Unternehmens.

Und auch sonst verdichten sich die Indizien: Vor rund zwei Jahren engagierte Apple zwei Top-Manager der Sony-Fernsehstudios. Außerdem werden seit über einem Jahr nach und nach große Namen präsentiert. Jennifer Aniston, Reese Witherspoon, Steven Spielberg oder M. Night Shyamalan sind darunter. Alles in allem soll der Konzern zwei Milliarden Dollar für die Produktion von Exklusiv-Inhalten ausgebeben haben.

Tatsächlich ist aber noch völlig unbekannt, wie Apples Geschäftsmodell für die Exklusiv-Produktionen aussehen wird. Spekuliert wurde zuletzt darüber, ob die Produktionen nur auf Apple-Geräten zugänglich sein werden. Oder sollen sie Kunden für ein neues Video-Abo anlocken, nach dem Vorbild von Apple Music?

Livestream zur Apple-Keynote

  • Am 25. März ab 18 Uhr unter folgendem Link tun: https://go.tt.com/2T5jUcu
  • Voraussetzung: Der Stream erfordert ein iPhone, iPad oder iPod Touch mit iOS 10 oder neuer, einen Mac mit mindestens macOS Sierra 10.12 oder einen Windows 10-PC und Microsoft Edge, andere Browser können natürlich ebenfalls genutzt werden. Sicherlich wird auch der Apple TV die Veranstaltung über die Apple Events-App auf den großen Bildschirm bringen.

Das wird sich am Abend zeigen. Dass der Konzern eine Art Videoplattform vorstellt, gilt als so gut wie sicher. Unklar ist hingegen, was Apple damit erreichen will. Einen "Frontalangriff" auf Netflix und andere Streaming-Anbieter prophezeien die einen. Andere sehen das pragmatischer und behaupten: Mit dem Einstieg ins Steaminggeschäft sucht Apple lediglich neue Wege, um an Geld zu kommen. Immerhin lief Apples Geschäftsmodell - der Verkauf von Geräten, allen voran das iPhone - schon mal besser. Die Verkäufe des Smartphones gingen zuletzt sogar zurück.

Apple-Chef Tim Cook.
Apple-Chef Tim Cook.
- Reuters

Tatsächlich dürfte die letzte Variante die wahrscheinlichere sein. Laut US-Medien dürfte es zu früh sein, Apples Streamingdienst als Frontalangriff auf Netflix zu bezeichnen. Die zwei Milliarden Dollar, die in die Exklusiv-Produktionen investiert wurden, seien zwar auf den ersten Blick viel Geld. Netflix gab zuletzt allerdings etwa acht Milliarden für eigenen Inhalte aus. Aktuell sollen es sogar 1,4 Milliarden Dollar pro Monat sein.

Apple will Rolle als Plattform stärken

Nach bisherigen Medienberichten geht es dem iPhone-Konzern sowieso nicht nur darum, Kunden mit exklusiven eigenen Inhalten zu locken, sondern auch die Rolle als Plattform für andere Dienste zu stärken. Apple hat bereits seit geraumer Zeit seine eigene „TV"-App, von der aus Nutzer Zugriff auf Inhalte verschiedener teilnehmender Dienste haben. In Deutschland sind das zum Beispiel Sky Ticket, Amazon Prime Video und Sender-Mediatheken. Netflix ist nicht dabei (und wird es laut Firmenchef Reed Hastings auch so bald nicht sein).

Debatte um Apples Rolle als Plattform-Anbieter

Das neue Videoangebot dürfte die Debatte um Apples Rolle als Plattform-Anbieter und gleichzeitig Konkurrenz von anderen Diensten befeuern. Vor gut einer Woche reichte der Musikstreaming-Marktführer Spotify Beschwerde bei der EU-Kommission ein und wirft Apple unfairen Wettbewerb vor. Spotify sieht sich unter anderem dadurch benachteiligt, dass der Dienst für Abo-Abschlüsse in der iPhone-App einen Anteil von 15 bis 30 Prozent an Apple abgeben müsste - während der Konkurrent die Erlöse von Apple Music komplett behalten kann und dadurch einen Preisvorteil habe. Genauso wie Spotify bietet auch Netflix inzwischen keine Möglichkeit an, ein Abo in Apps auf Apple-Plattformen abzuschließen - um den Erlös nicht teilten zu müssen.

Eine Möglichkeit für Apple wäre es, so spekuliert der Tech-Blog Recode, gebündelte Pakete von Abos günstiger zu verkaufen als die Einzelangebote. In den USA wäre eine mögliche Option beispielsweise HBO, Showtime und Starz. Auch bei Recode glaubt man aber nicht daran, das Apple ernsthafte Konkurrenz für Netflix und Co. ist. „Apples Fokus wird - zumindest vorerst - darauf liegen, anderen beim Verkauf ihrer Videostreaming-Abos zu helfen und einen Umsatzanteil davon zu bekommen", schrieb der gut vernetzte Recode-Medienreporter Peter Kafka.

Apple hat bereits seit einer Zeit seine „TV“-App, von der aus Nutzer Zugriff auf Inhalte verschiedener teilnehmender Dienste haben.
Apple hat bereits seit einer Zeit seine „TV“-App, von der aus Nutzer Zugriff auf Inhalte verschiedener teilnehmender Dienste haben.
- APA/AFP

Das wäre allerdings weniger aufregend als eine Frontalattacke auf Netflix. Auf der anderen Seite würden es sicherlich viele Zuschauer begrüßen, wenn sie an einer Stelle ein bequemes Sammel-Abo für unterschiedlichste Dienste abschließen könnten, anstatt mehrere Konten verwalten zu müssen.

Für die Rolle des Abo-Vermittlers spricht auch das bisher bekanntgewordene Ausmaß der Investitionen von Apple. So sind zwei Milliarden Dollar für Eigenproduktionen zwar einerseits eine Menge Geld, andererseits ist das vielleicht auch nur der Anfang: Während Netflix seine Ausgaben immer noch hauptsächlich auf Pump finanziert, sitzt Apple auf einem Geldberg aus mehreren hundert Milliarden Dollar. Und kann auf eine Basis von 1,4 Milliarden Geräten im Umlauf zurückgreifen - auf denen zum Beispiel die Eigenproduktionen exklusiv verfügbar sein könnten.

Präsentiert Apple neues Abo-Angebot für Nachrichten?

Eine weitere Ankündigung am Montag könnte ein neues Abo-Angebot für Nachrichten sein. Nach Informationen der New York Times hat Apple dafür als Top-Adresse zumindest das Wall Street Journal an Bord holen können. Dagegen wollten die Washington Post und die New York Times nicht mitmachen. Das Wall Street Journal hatte wenige Wochen zuvor mit einem Bericht, wonach Apple von den Verlagen die Hälfte der Abo-Erlöse einbehalten wolle, für heftige Kritik an dem iPhone-Konzern aus der Medienbranche gesorgt. (reh)