Letztes Update am Mo, 29.04.2019 12:52

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Ab 2070 laut Prognose mehr Tote als Lebende auf Facebook

Facebook wird zum “digitalen Friedhof“. Bis zum Jahr 2070 werden mehr Tote als Lebende auf Facebook angemeldet sein. Historikern bietet sich dann jedoch eine riesige Spielwiese.

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Oxford — Auf Facebook wird es im Jahr 2070 mehr Accounts von Toten als von Lebenden geben. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der University of Oxford. Für die Forscher ergeben sich dadurch vor allem Möglichkeiten für zukünftige Historiker. Es gebe durch die Digitalisierung mehr Informationen über das Leben in einer bestimmten Zeit als je zuvor.

"Facebook ist als digitales Archiv sehr spannend. Die Frage ist, ob man die ursprüngliche Erfahrung von früheren Nutzern archivieren kann. Der Unterschied zu anderen Internetseiten ist bei Facebook der Livestream, der auf persönlichen Informationen basiert", meint Digital-Historiker Jens Crueger. Durch diesen Livestream sehe für jeden Nutzer die Seite anders aus. Dieses Gefühl könne man nicht konservieren, man könne höchstens ein Video vom Livestream als Beispiel zeigen.

1,4 Milliarden Facebook-Nutzer sterben bis 2100

Die Forscher haben sich Daten von den Vereinten Nationen zu den erwarteten Sterblichkeitsraten in jedem Land der Welt angesehen. Von Facebook entnahmen sie Daten zur Anzahl an Profilen. Der Studie zufolge werden bis 2100 voraussichtlich 1,4 Mrd. Menschen, die 2018 Nutzer von Facebook waren, sterben. Wenn das soziale Netzwerk weiter expandiert wie in den vergangenen Jahren, werden am Ende dieses Jahrhunderts 4,9 Mrd. Accounts von Toten existieren.

Laut Studienleiter Carl Öhman werfen diese Entwicklungen schwierige Fragen danach auf, wer die Rechte an all diesen Daten haben wird und wie sie am besten verwendet werden, ohne dabei die Angehörigen der Verstorbenen zu verletzen. Früher oder später seien die meisten Menschen von diesen Fragen betroffen. Jedoch sei die Gesamtheit der Profile von verstorbenen Nutzern mehr als die Summe ihrer Teile. "Es ist oder wird zumindest Teil unseres globalen digitalen Erbes sein", so Öhman.

Facebook soll mit Historikern zusammenarbeiten

Für David Watson, Ko-Autor der Studie, ist es vor allem wichtig, dass der Zugang zu diesen Daten nicht auf ein einzelnes, profitorientiertes Unternehmen beschränkt wird. Die Kontrolle über das Archiv der Profile sei die Kontrolle über die Geschichte. Es müsse kommenden Generationen möglich sein, mithilfe des digitalen Erbes die Geschichte zu erforschen. Deswegen müsse Facebook Historiker, Archivare, Archäologen und Ethiker konsultieren, um diese Daten richtig zu verwalten.

Crueger sieht durch Facebook große Veränderungen in der Geschichtsforschung. "Künftige Historiker werden viel mehr Wissen über das Leben von ganz normalen Menschen haben. Früher konnte man nur mit Glück auf Tagebücher und Briefe zurückgreifen. Man hat sich immer nur auf große Denker und Persönlichkeiten konzentriert, in Zukunft werden sich Historiker mehr mit gewöhnlichen Menschen befassen", meint der Digital-Historiker abschließend.