Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Fr, 10.05.2019


Symposium in Innsbruck

Social Media: „Geglaubt wird, was ins Weltbild passt“

Das Oberlandesgericht zum Thema Social Media und Datenschutz. Wählen per Handy bleibt vorerst Utopie.

Datenschützer Rainer Gerling warnte vor Cyberattacken.F

© Foto TT/Rudy De MoorDatenschützer Rainer Gerling warnte vor Cyberattacken.F



Von Reinhard Fellner

Innsbruck – „Social Media – eine Gefahr für Rechtsstaat und Demokratie?“, fragte gestern das Innsbrucker Oberlandesgericht aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft. Eine Expertenrunde stellte sich den Fragen. Die Innsbrucker Politikwissenschafterin Lore Hayek bezeichnete die digitale Öffentlichkeit bereits als „fünfte Gewalt im Staat“. Schließlich seien 3,9 Millionen Österreicher auf Facebook gemeldet, 88 Prozent aller Handys hätten WhatsApp installiert. Dies könne als Organisations- und Mobilisierungselement für Bürger und NGOs Positives bewirken, auch die Kommunikation mit der Politik sei nun wesentlich erleichtert. Der Bürger habe es jedoch mit einem neuartigen Nachrichtenkosmos zu tun, in dem er sich selbst seine eigene „Vertrauenswährung“ aufbauen müsse, um vor Falschinformationen geschützt zu sein.

Hier sieht auch Journalistin und Publizistin Ingrid Brodnig eine Verantwortung beim Medienkonsumenten. So müsse sich dieser über Quellen digitaler Information informieren und Webseiten über Suchmaschinen analysieren. Denn Fake News seien weit verbreitet. Noch nie sei es, beispielsweise über WhatsApp, so billig und einfach gewesen, Falschinformationen zu streuen. Auch eine professionell wirkende Webseite erfordere nur noch einen jährlichen Aufwand von 100 Euro. Das Problem liege nicht einzig bei der Technik. So ist bekannt, dass emotionale Meldungen immer großes Interesse entfachen: „Wut mobilisiert im medialen, aber auch politischen Bereich sehr erfolgreich. Und geglaubt wird, was ins eigene Weltbild passt“, so profil-Journalistin Brodnig. Für eine überproportionale Weiterverbreitung würden dann die Social-Media-Algorithmen sorgen, die Falschmeldungen auf noch mehr Menschen verteilen. Auf welche Bevölkerungsgruppen, verraten Facebook und Co. allerdings nicht. Eine rechtsgerichtete Webseite diente mit der Falschmeldung „Merkel hofft auf 12 Millionen Zuwanderer“ als eines von Brodnigs Beispielen. Die Meldung der unbedeutenden Seite war dann durch Klicken und Teilen einer der erfolgreichsten Texte über die deutsche Kanzlerin überhaupt. Brodnig nachdenklich: „Halbwahrheiten und Unsinn funktionieren bei den Usern leider oft besser als fundierte Recherche.“

Datenschützer und IT-Sicherheitsbeauftragter Rainer W. Gerling warnte hingegen vor Cyberattacken feindlicher Mächte. Auf der Hut müssten da sowohl User und Wähler als auch Behörden und Staaten sein. Gezielt würden da Angriffe mit Schadsoftware oder Fake News stattfinden. Noch in weiter Ferne scheint für Gerling auch die digitale Wahl. „Der Staat muss absolute Sicherheit haben, darf aber nicht wissen, was Sie wählen.“