Letztes Update am Di, 09.07.2019 20:24

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Bilder aus dem All erlauben düstere Blicke auf die Erde

Italiener und Holländer könnten auch zu Klimaflüchtlingen werden, warnt Christian Hoffmann. Sein Unternehmen GeoVille vermisst mit Satelliten die Erde. Die Bilder aus dem All sind Dokumente der Klimakatastrophe.

Bild 1: Was sehen Sie?

© GeovilleBild 1: Was sehen Sie?



Von Nina Werlberger

Die Klimakatastrophe ist für viele Europäer immer noch etwas, das weit weg passiert. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass längst nicht nur entfernte Südseeinseln geflutet werden und Wüstenbewohner ihre Heimat verlassen müssen. „Es kann durchaus passieren, dass bei Fortschreiten des Klimawandels bestimmte Gebiete in Europa nicht zu halten sein werden." Das sagt Christian Hoffmann. Er ist Eigentümer und Geschäftsführer des Innsbrucker Unternehmens GeoVille, das weltweit die Erdoberfläche mit Satelliten vermisst.

Bild 1: Was sehen Sie?

Dieses Satellitenbild zeigt die systematische Zerstörung eines natürlichen Regenwaldes. In Schwarz ist der Tucuruí-Stausee zu erkennen, der zu den 20 größten Stauseen der Welt zählt. Vor der Flutung des Stausees in den 1980er-Jahren wurde das Gebiet nicht gerodet. Die roten Flächen im Bild zeigen die seitdem für die Holzgewinnung und Landwirtschaft abgeholzten Flächen. Quizfrage: Wo wurde abgeholzt? Auflösung ganz unten.

Land unter in der Po-Ebene

Wie dramatisch der Meeresspiegel anschwellen könnte, zeigt Hoffmann anhand von Daten des Weltklimarats auf. Es gebe Szenarien für einen Anstieg von einem, drei oder gar fünf Metern. „Was machen dann die Holländer oder auch die Italiener, wenn das Po-Delta unter Wasser steht?", fragt sich Hoffmann. Dass der Klimawandel auch Tirol betreffen wird, daran lässt er keinen Zweifel. „Die vergangenen fünf, sechs Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Erfassung dieser Daten. Der Juni jetzt war der wärmste aller Zeiten", erinnert Christian Hoffmann.

„Hitzewellen werden viel öfter kommen und länger dauern. Was ich jedem raten muss, der in Tirol unterhalb von 800 Metern Seehöhe ein Haus bauen will: eine Kühlung einbauen", so Christian Hoffmann, GeoVille.
„Hitzewellen werden viel öfter kommen und länger dauern. Was ich jedem raten muss, der in Tirol unterhalb von 800 Metern Seehöhe ein Haus bauen will: eine Kühlung einbauen", so Christian Hoffmann, GeoVille.
- GeoVille

Die jüngste Hitzewelle sei allerdings kein Indiz für den Klimawandel, sondern dem Wetter geschuldet gewesen. Allerdings erwartet der Erdvermessungsexperte künftig deutlich häufigere Hitzezeiten. Es werde extreme Spitzen geben. Die Jahreszeiten würden sich auflösen. „Hitzewellen werden viel öfter kommen und länger dauern. Was ich jedem raten muss, der in Tirol unterhalb von 800 Metern Seehöhe ein Haus bauen will: eine Kühlung einbauen."

Bild 2.
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Bild 2: Millionen am Fluss

Dieses dicht besiedelte Delta ist die fruchtbarste Region auf dem Kontinent, auf dem es liegt. Das Gebiet ist Siedlungsraum für über 60 Millionen Menschen und hat etwa die doppelte Größe Tirols. Begrenzt ist es im Süden durch den größten Ballungsraum des Kontintens und durch eine Wüste, im Norden sieht man die Küste des Mittelmeers. Wo liegt das Gebiet?


Wirklich vorhersagen ließen sich die Auswirkungen des Klimawandels aber auf Basis von Satellitendaten nicht. Hoffmann spricht selbst auch lieber über Fakten als über Zukunftsvorhersagen. Und Fakten der Umweltzerstörung zeigen die Bilder aus dem All, die Hoffmanns Unternehmen am Inns­brucker Sparkassenplatz auswertet, sehr drastisch auf.

Wo sich der Klimawandel bereits deutlich erkennbar macht, ist an den Küstenlinien. Ein drastisches Beispiel ist die Insel São Tomé in Westafrika. Dort wurden schon ganze Siedlungen weggespült.

U. a., weil die Menschen den Sand vom Strand für den Bau ihrer Häuser verwendet haben. Bis zu 25 Meter Land sind dort bereits erodiert. Nun werden wieder Mangroven angepflanzt, um die Küsten zu retten. Und in Europa? Für die Europäische Umweltagentur, eine Organisation der EU, vermisst GeoVille aktuell die gesamte Küstenlinie des Kontinents. Es sei das erste Mal überhaupt, dass dies für ganz Europa gemacht werde. Dabei nehmen die Tiroler per Satellit Bilder von den Küsten und dem Hinterland auf und bewerten diese Aufnahmen. Mit diesem Wissen könnten dann gefährdete Regionen zum Beispiel ihre Dämme verbessern. Belgien sei ein Land, das hier große Schwierigkeiten habe, weiß Hoffmann.

Bild 3.
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Bild 3: Berg und Tal im Wandel

In diesem Satellitenbild wechseln einander Siedlungs- und Naturflächen rund um die Stadt auf kleinem Raum ab. Wohngebiete und Gewässer im Tal erscheinen ebenso wie die Felsflächen der Berggipfel schwarz: Hier gibt es keine Vegetation. Dazwischen zeigen viele Grüntöne ein buntes Mosaik von intensiver Landwirtschaft in den Tallagen und extensiver Almwirtschaft. Erkennen Sie die Region?


Trauerspiel im Regenwald

Bei einem weiteren neuen Projekt im Auftrag der EU kümmert sich GeoVille um alle großen Flussläufe Europas. Dabei geht es darum, herauszufinden, wie stark regulierte Flüsse repariert werden und Küstenstädte an Flussmündungen besser vor Hochwasser geschützt werden können. Das sei in Italien ein großes Thema.

Die Tiroler vermessen außerdem weltweit große Waldgebiete — etwa in Honduras, im Kaukasus, in Afrika und in Mittelamerika. Auf Basis dieser Daten können die Entwicklungsländer ihre Wälder unter Schutz stellen und dann im CO2-Handel so genannte Credits an die Industriestaaten verkaufen, erzählt Christian Hoffmann.

Sehr düster sieht es — auch vom Weltall aus betrachtet — am Amazonas aus. „Das ist ein Trauerspiel." Hoffmann erwartet, dass mit der neuen Freihandelszone Mercosur die weitere Ausbeutung des sensiblen Regenwalds noch beschleunigt wird.

Bild 4.
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- geoville

Bild 4: Hardcore-Oase

Dieses Satellitenbild zeigt künstlich angelegte runde Bewässerungsflächen inmitten einer extrem trockenen Wüste. Eine Pipeline pumpt Wasser dorthin. Die Anlage dient der Bewässerung von Flächen, auf denen Getreide, Tomaten, Zitrusfrüchte oder Kartoffeln produziert werden. Die verschiedenen Farben geben Rückschluss auf Wachstumsstand und Art der Feldfrucht. Wer hat diese „Oase" gebaut?


Pools und Kamine

Die Umweltschäden, die der Mensch auch im Kleinen anrichtet, bleiben den Erdbeobachtern ebenfalls nicht verborgen. So manche klimaschädliche Handlung sei den Österreichern auch gar nicht so bewusst, meint Christian Hoffmann. Das lodernde Feuer im offenen Kamin sei etwa so ein Fall. „Die Leute glauben, das sei behaglich, aber das Verbrennen von Holz im Winter ist ganz schlimm. Da wird Feinstaub ungefiltert in die Luft geblasen."

Auf den Bildern aus dem All tauchen seit drei, vier Jahren zudem immer neue Flecken in den Gärten der Österreicher auf: Swimmingpools. „Die Schwimmbadbauer dürften ein sehr gutes Geschäft machen. Sonderlich nachhaltig ist ein Schwimmbad aus Beton oder Plastik nicht", sagt Hoffmann.

Bild 5.
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Bild 5: Unter Schutz

Hier ist die Welt noch in Ordnung: Kunstvolle Strukturen entlang einer Küste im Indischen Ozean. In diesem unter Naturschutz stehenden Schwemmland mit hoher Artenvielfalt geht das Süßwasser allmählich in Salzwasser über und die Savannenlandschaft (lila Farbtöne) weicht sukzessive den immergrünen Mangroven (weiß). Wo ist das wohl?


Tiroler liefern Daten für die Welt

GeoVille beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Erdbeobachtung und hat seit seiner Gründung rund 450 Projekte in mehr als 130 Ländern durchgeführt. Aktuell beschäftigt das Unternehmen rund 70 Personen, in Innsbruck sind es mehr als 50. Der Umsatz belief sich 2018 am Standort auf rund 5,5 Mio. Euro.

95 Prozent des Geschäfts werden außerhalb Österreichs gemacht. Im Vorjahr hat GeoVille in Holland eine neue Tochterfirma mit zehn Mitarbeitern gegründet, die Teil eines großen Clusters im Bereich der internationalen Kartoffel-Produktion ist. Zu den Auftraggebern der Tiroler zählen neben den genannten Organisationen auch die Europäische Kommission, die Europäische Weltraum­agentur ESA, der Internationale Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung oder auch der Flugzeugbauer Airbus.

Auflösung

  • Bild 1: Regenwald in Brasilien
  • Bild 2: Nil-Delta im Norden Ägyptens
  • Bild 3: Innsbruck und Umgebung
  • Bild 4: Wüste in Saudi-Arabien
  • Bild 5: Australiens Nordküste

Die weltweiten Daten sind im Internet abrufbar: https://landmonitoring.earth/portal/