Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mi, 24.07.2019


Kommunikation

Nicht mehr ganz Ohr: Kein Anschluss unter diesen Kopfhörern

Es sind kleine Stecker im Ohr oder große Muscheln darüber – drahtlose Kopfhörer liegen im Trend, sie stören aber die Kommunikation und können im Straßenverkehr gefährlich werden.

Drahtlose Kopfhörer liegen im Trend.

© iStockDrahtlose Kopfhörer liegen im Trend.



Von Matthias Christler

Innsbruck – Eine Situation, wie sie jeden Tag passiert. Zwei Menschen gehen aufeinander zu, aber einer ist verwirrt: Ist das ein Bekannter, der auf Konfrontationskurs liegt und fröhlich dahinredet? Oder ist es jemand, der gedankenverloren Selbstgespräche führt? Nein, es ist eine telefonierende Person mit Kopfhörern im Ohr. Vor allem die kleinen kabellosen Geräte, die man kaum mehr sieht, führen allzu oft zu Missverständnissen.

Dass sich Menschen mit Kopfhörern von der Außenwelt abschotten, ist nicht neu. Doch mit Modellen wie zum Beispiel den AirPods von ­Apple geht man einen Schritt weiter: Sie sind klein, komfortabel und viele legen sie kaum noch ab. Die kabellosen Kopfhörer zählen zu der Gruppe der „Wearable Technologies“, also Technologie, die man ständig am Körper hat. Theo Hug vom Institut für Medien, Gesellschaft und Kommunikation der Uni Innsbruck sieht diese Entwicklung erst am Anfang. „Daran gewöhnen müssen wir uns nicht. Es liegt an uns, ob uns solche Technologien als tragbar erscheinen“, sagt er. Die Frage der Tragbarkeit hänge auch damit zusammen, „ob etwas praktisch ist, ob es sozial annehmbar und kommunikativ akzeptabel ist, ob es gesellschaftlich und moralisch vertretbar oder zumindest erträglich ist“.

Bei der Kommunikation von Angesicht zu Angesicht dürften viele die Kopfhörer-Dauerträger als unerträglich empfinden. Schon allein das Tragen irritiert und signalisiert, dass man nicht bei der Sache ist. „Selbstverständlich hat es einen Einfluss auf ein Gespräch, wenn ich nicht weiß, ob und in welcher Qualität mein Gegenüber mir seine Aufmerksamkeit schenkt“, meint Hug. Die Art, wie Menschen miteinander kommunizieren, hat sich laut dem Forscher in der Menschheitsgeschichte ständig verändert. Dabei hätten sich auch die Maßstäbe verschoben, „was als akzeptabel oder irritierend erscheint“.

Ein Beispiel: Wenn vor 50 Jahren jemand bei einer Verabredung einfach aufgestanden und aus dem Lokal gegangen wäre, um in der Telefonzelle zu telefonieren, wäre die Beziehung wohl von kurzer Dauer gewesen. Wenn heute jemand während einer Verabredung kurz sein Smartphone herausholt, um zu telefonieren, wird das eher akzeptiert. Der ständige Blick auf das Handy ist bei jüngeren Generationen schon fast normal.

Kleine Stecker im Ohr stören manchmal die Kommunikation.
Kleine Stecker im Ohr stören manchmal die Kommunikation.
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Zurück auf die Straße und zu einem anderen Problem moderner Kopfhörer. Mehrere Studien belegen, dass die Ablenkung durch Musik aus den Kopfhörern die Gefahr erhöht, einen Unfall zu erleiden. Beim Tippen einer Nachricht steigt das Risiko um das Doppelte, beim Musikhören sogar um das Vierfache, weil man die Umgebungsgeräusche nicht wahrnimmt – das hat eine aktuelle Fußgänger-Studie der Allianz ergeben.

Zumindest beim Thema Gesundheit kann vorerst Entwarnung gegeben werden. Dass eine zu laute Dauerbeschallung schädlich ist, weiß man inzwischen. Weniger Untersuchungen gibt es bei der für die kabellose Nutzung nötige Bluetooth-Funktechnologie. Dabei werden hochfrequente elektromagnetische Felder direkt am Kopf angewandt. Die Strahlung wird im SAR-Wert (spezifische Absorptionsrate) gemessen und bei den Kopfhörern liegt sie meist weit unter dem Wert von Smartphones und damit klar unter dem empfohlenen Wert.

Trotzdem: Den Ohren sollte hin und wieder eine Pause gegönnt werden, der Gesundheit und dem Zwischenmenschlichen zuliebe.