Letztes Update am Mo, 27.02.2012 12:25

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


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Vom Tipi aus die Welt verändern

Der Innsbruck-Ableger der „Occupy“-Bewegung besetzt die Stadt seit Wochen an ihrem höchsten Punkt. Schnee und Kälte zum Trotz. Von Winterschlaf keine Spur. In einem Tipi werden neue Aktionen geplant.



Von Christian Willim

Innsbruck – Von der Stadt ist nichts zu sehen. Der Wald verstellt den Blick hinunter ins Tal. Und doch gehört der Gramartboden zu Innsbruck, ist beliebtes Ausflugsziel vor allem für Familien. Im Sommer tollen hier Kinder über einen beliebten Spielplatz, jetzt rodeln sie über einen kleinen Hang. Die Nordkette, die sich dahinter auftürmt, macht das Winteridyll perfekt. Wie so vieles in Tirol ist auch ein kleiner Fußballplatz im Schnee versunken. Aus der weißen Pracht ragt dort ein Tipi heraus, die Schlafstätte von Thomas Amaran. „Ich hätte mir nie gedacht, dass ich mal im Winter in Innsbruck campieren werde, aber die politische Lage hat es nötig gemacht.“

Am 1. Dezember ist der Winer zu „Occupy Innsbruck“ gestoßen. „Nur die Tiroler waren in Österreich kernig genug, ein Camp zu machen“, zollt der 42-Jährige seinen Mitstreitern der ersten Stunde Respekt. Die schlägt am 11. November 2011. Nach dem Vorbild von „Occupy Wallstreet“ in New York schließen sich weltweit Menschen dem Protest gegen des Finanzsystem an. In Innsbruck errichten Aktivisten eine kleine Zeltstadt am Bozner Platz. Zehn Tage später nimmt „Occupy Innsbruck“ – in Absprache mit der Stadtführung – den Wal­therpark in Beschlag, den die Gruppe schließlich kurz vor Silvester ebenfalls räumt.

„Occupy“ heißt besetzen. Da wirkt es widersprüchlich, dass ein Platz freiwillig aufgegeben wird. Vom Waltherpark werden jedoch alljährlich die Raketen für den Innsbrucker Bergsilvester in den Himmel geschossen. „Wir wollten den Leuten nicht das Feuerwerk nehmen“, nennt Amaran einen Grund für den Wechsel in die Berge. Und Daniel Baumgartner, der inzwischen neben ihm im Tipi Platz genommen hat, ergänzt: „So etwas hätte breite Bevölkerungsteile abgeschreckt. Und wir wollen so offen wie möglich sein und den Dialog leben.“ Der Innsbrucker hat ebenfalls etliche Nächte im Occupy-Lager verbracht. „Ich wollte nicht mehr nur Politik konsumieren, sondern sie aktiv mitgestalten.“

Dass „Occupy Innsbruck“ immer noch als Camp besteht, ist Amaran und einem weiteren Hartegsottenen zu verdanken, der ebenfalls ein Zelt auf dem Gramartboden aufgeschlagen hat. „Zurzeit liegt er allerdings gerade mit Grippe daheim im Bett“, erzählt der Wiener. Der Osteopath hat den Tiroler Winter von seiner härtesten Seite kennen gelernt. Denn die Kombination aus derartigen Schneemengen und wochenlang sibirischen Temperaturen ist selbst im Land der Berge eine Seltenheit. „Man gewöhnt sich an die Kälte. Minus 5 Grad kommen mir inzwischen bacherlwarm vor.“ Aber das ständige Schaufeln von Schnee, das nötig war, um das Tipi nicht darin versinken zu lassen, sei erwärmend. Und ist der gusseiserne Holzofen in Betrieb, der in der Mitte des Zelts steht, wird es darin sogar richtig gemütlich.

Das Tipi ist Treffpunkt der rund 25-köpfigen Truppe. Denn auch wenn nicht alle Mitglieder mehr unter freiem Himmel schlafen, so arbeiten sie doch weiter an der Sache. „Ich bin jede freie Minute im Camp“, erzählt Georg Pleger, der eine Zeit lang Sprecher von „Occupy Innsbruck“ war. „Wir mussten einen Weg finden, wie wir weiter aktiv bleiben, aber trotzdem unser Leben weiterführen konnten“, beschreibt der zweifache Vater die Schwierigkeiten, sich für Veränderungen einzusetzen und das mit Familie und Job unter einen Hut zu bekommen.

Wogegen sich der „Occupy“-Protest genau richtet, war von Anfang an ein wenig diffus, was auch Anlass für Kritik bot. Ein Programm oder ganz klare Forderungen gibt es bis heute nicht. „Es muss sich auf allen gesellschaftlichen Ebenen etwas ändern. Wir haben darum Gruppen gebildet, die für verschiedene Themenbereiche Lösungen erarbeiten“, so Pleger. Für den Mathematiker gibt es aber einen Grundkonsens: „Das Geldsystem, das auf Zinseszinsen beruht, funktioniert nicht mehr.“

Vorschläge für Alternativen würden bereits am Tisch liegen. Und mit denen will „Occupy Innsbruck“ auch wieder ins Herz der Stadt vordringen. Noch bis kommenden Montag konfrontieren die Aktivisten Besucher der Kunstmesse „Art Innsbruck“ im Congress mit einer künstlerischen Form der Geldsystemkritik. Ebenfalls im Congress soll am 13. und 14. April auch über eine mögliche neue europäische Geldordnung diskutiert werden. „Wir wollen dafür auch Vertreter aus der Politik und dem Bankensektor gewinnen. Und ich bin zuversichtlich, dass das gelingt“, blickt Pleger, der diesen Kongress mitorganisiert, voraus. Innsbruck dürfe zudem mit einigen weiteren Aktionen rechnen.

Von Winterschlaf also keine Spur. Aus dem Bewusstsein, der Stadt habe man sich aber auch am Gramartboden nicht gerückt gefühlt, wie Amaran bekräftigt. „Wir kommen hier viel besser mit den Leuten ins Gespräch. Hier haben sie Zeit, kommen mit ihren Kindern in die Natur. Und genau für die Zukunft der nächsten Generationen wollen wir ja auch etwas verändern.“




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