Letztes Update am Di, 16.10.2012 10:12

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Kreuz.net

Nach Dirk-Bach-Verunglimpfung Kreuzzug gegen Hetz-Portal

Eine Strafanzeige, ein Offener Brief an die Bischofskonferenz, ein Anfrage an Innenministerin Mikl-Leitner und Kopfgeld: Ein homophober Artikel, der nach dem Tod des deutschen Komikers Dirk Bach auf dem radikalen Online-Portal kreuz.net veröffentlicht wurde, schlägt hohe Wellen.

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Köln, Wien – „Jetzt brennt er in der ewigen Homohölle“ - so titelte das radikale Online-Portal kreuz.net, am 2. Oktober, einen Tag nach dem Tod des deutschen Komikers Dirk Bach. Die Website bezeichnete den TV-Moderator in dem Artikel als „Homo-Gestörten“, „Homo-Perversen“ und es sei davon auszugehen, dass „seine Unzucht ihn so früh ins Grab brachte.“ Im Impressum des Portals bezeichnet sich kreuz.net selbst als „Initiative einer internationalen Gruppe von Katholiken in Europa und Übersee, die hauptberuflich im kirchlichen Dienst tätig sind“. Laut Selbstaussage auf Facebook besteht der „Inner Circle“ von Kreuz.net aus insgesamt vierzehn Personen: neun katholische Pfarrer, ein Bischof, ein Diakon, ein Landtagsabgeordneter aus Bayern und zwei Atheisten.

15.000 Euro Kopfgeld auf Betreiber ausgesetzt

Das Portal ist seit 2004 online und wird anonym betrieben. Als Kontakt ist eine Adresse in Kalifornien angegeben. Doch wer steckt hinter der schwulenfeindlichen Hetze?

Der Berliner Bruno Gmünder Verlag, der Medien für homosexuelle Männer produziert, hat ein Kopfgeld über 15.000 Euro für strafrechtlich verwertbare Informationen über die Macher von kreuz.net ausgesetzt. Mit einer zusätzlichen Spendenaktion auf www.stoppkreuznet.de will der Verlag noch mehr Geld für Informationen und Recherchen zur Verfügung stellen. „Theoretisch wäre hier der Verfassungsschutz zuständig. Der sagt aber, dass keine personellen Kapazitäten zur Verfügung stehen“, sagt David Berger, Koordinator der Kampagne „Stoppt Kreuz.net“. Dabei zitierte der „Kölner Anzeiger“ im März diesen Jahres den Verfassungschutzpräsidenten Heinz Fromm, kreuz.net zeichne sich „durch homophobe, muslimfeindliche und anitsemitische Äußerungen aus“.

Laut dem Theologen David Berger seien nach Aussetzen der Belohnung, innerhalb von 48 Stunden 600 Hinweise eingegangen, die großteils noch gesichtet werden müssten. Die meisten Hinweise enthielten jedoch keine relevanten Informationen. Berger selbst hatte das Erzbistum Köln im Mai 2011 die kirchliche Lehrberechtigung zur Erteilung von katholischem Religionsunterricht aufgrund seines Outings entzogen. „Nach unseren Informationen sind die Macher tatsächlich Personen, die ganz oder teilweise für die katholische Kirche arbeiten“, so Berger im Interview mit Pressetext Austria.

Offener Brief an Bischofskonferenzen

Im Zuge der Aktion „Stoppt Kreuz.net“ hat der Bruno Gmünder Verlag am Mittwoch einen Offenen Brief veröffentlicht, der an die Deutsche und die Österreichische Bischofskonferenz abgeschickt worden sei. Darin fordern die drei Geschäftsführer des Verlags, ihren Kampf gegen das Internetportal zu unterstützen. „Eine eindruckvolle Möglichkeit wäre, die angesetzte Belohnung so zu erhöhen, dass die Macher dieser Seite ausgemacht und der Staatsanwaltschaft übergeben werden können“, heißt es wörtlich.

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Matthias Kopp, grenzt die Katholische Kirche nicht zum ersten Mal scharf von kreuz.net ab. „Der Begriff des Katholischen wird von dieser Internetseite grob missbraucht.“ Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich schon immer deutlich von kreuz.net distanziert, so Kopp gegenüber katholisch.de.

Auch Paul Wuthe, bis 2010 Leiter des Medienreferats der Österreichischen Bischofskonferenz hatte sich in der Vergangenheit desöfteren gegen das Portal ausgesprochen. Schon 2009 hatte er erklärt, die Seite sei ein „Ausdruck einer geradezu sektiererischen Hetzpropaganda“, und sei „kein kirchliches und auch kein katholisches Internetmedium, weil es nicht die Breite und Tiefe des katholischen Glaubens und Meinungsspektrums wiedergibt.“ Es handle sich um eine rein private Initiative, deren Betreiber bewusst anonym bleiben.

Deutscher Lesben- und Schwulenverband erstattet Anzeige

Der Bruno Gmünder Verlag bleibt mit seinem Vorgehen gegen die hetzerische Webseite nicht allein. So hat der deutsche Lesben- und Schwulenverband (LSVD) eine Anzeige gegen kreuz.net wegen Volksverhetzung eingebracht. „Kreuz.net hetzt seit Jahren gegen homo- und transsexuelle Menschen und gegen alle, die für gleiche Rechte und Respekt eintreten“, kritisierte LSVD-Sprecher Manfred Bruns in einer Aussendung.

Reaktionen auf die umstrittenen Inhalte bleiben jedenfalls nicht aus. Eine Online-Petition gegen kreuz.net hatte bis Freitagmittag bereits 8723 Unterstützer. Nicht zu Unterstützern, aber zu Verfechtern der Meinungsfreiheit auch in diesem Zusammenhang bekannte sich „Anonymous Austria“ am 10. Oktober auf Twitter: „Pro ‘kreuz.net’! Keine Zensur!“. In einem weiteren Tweet heißt es: „Wenn ihr kreuz.net nicht mögt, dann verbrennt halt Bibeln oder stürmt eine Vatikan-Botschaft. Aber lasst das Internet in Ruhe!“

Anfrage an Mikl-Leitner

Die Empörung über die verunglimpfende und pietätlose Seite macht auch vor der Politik nicht halt. Der grüne Bundesrat Marco Schreuder wiederum stellte gemeinsam mit Elisabeth Kerschbaum und Efgani Dönmez eine Anfrage an Innenministerin Johanna Mikl-Leitner zur Tätigkeit ihrer Behörde gegen die Webseite: Unter anderem ob Anzeigen von Bürgern gegen Betreiber, Kommentarschreiber oder Autoren des Online-Portals eingegangen seien, wieviele Mitarbeiter des Innenministerium mit Ermittlungen gegen kreuz.net beschäftigt seien. Da das Portal bis vor Kurzem in Frankreich, mittlerweile aber in San Francisco gehostet wird, wirft Schreuder die Frage auf, ob den Behörden ein Ansuchen übermittelt worden sei, die Betreiber ausfindig zu machen. Bis 9. Dezember hat Mikl-Leitner nun Zeit die Fragen zu beantworten.

Kreuz.net antwortet auf dieses Ansuchen mit dem Artikel „Die grünen Genossen können nicht bis zwölf zählen: Endlich wendet sich das nutzlose österreichische Innenministerium den entscheidenden Dingen dieser Welt zu – dem europaweit größten katholischen Portal. Ein Kommentar.“

Wenig überraschend fällt auch die Reaktion auf den homophoben Dirk Bach-Nachruf aus. Das Portal zeigt sich erfreut über fast eine Million Klicks, die der Artikel nach sich zog. Dass die Hälfte der Zuschriften von schockierten Lesern kam, wird als Überreaktion von „Kotstechern, die spüren, dass Dirk Bachs Schicksal auch das ihre ist“ abgetan. (TT.com)




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