Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Do, 14.05.2015


Gesellschaft

Babywatching: „Was macht die Clara da?“

Beim Babywatching kommen Kinder oft zum ersten Mal in Kontakt mit einem Baby. Das soll ihre Feinfühligkeit wecken.

Krippenleiterin Andrea Weiskopf und ihre Schützlinge begrüßen Baby Clara in der Innsbrucker Kinderkrippe emil.

© Andreas Rottensteiner / TTKrippenleiterin Andrea Weiskopf und ihre Schützlinge begrüßen Baby Clara in der Innsbrucker Kinderkrippe emil.



Von Miriam Hotter

Innsbruck – Baby Clara sitzt auf einem grünen Teppich, greift nach einer Bürste und beißt zu. Ihre Mutter sitzt neben ihr, eine Milchflasche in Reichweite. Um sie he­rum in der „Frösche Gruppe“ der Kinderkrippe Emil in Innsbruck haben zwei Betreuerinnen und acht Kinder im Alter von eineinhalb bis drei Jahren Platz genommen.

„Was macht denn die Clara da ?“, fragt Krippenleiterin Andrea Weiskopf. „Die sitzt nur“, antwortet ein Mädchen. „Kann sie schon gehen wie du?“ „Nein.“ „Warum nicht?“ Keine Antwort. „Sie ist noch klein und muss das Gehen erst lernen“, erklärt die 32-Jährige.

Fragen wie diese sind beim Babywatching zen­tral: Was machen das Baby und die Mutter? Warum machen sie das? Wie fühlt sich das für sie an? Babywatching, das vom Tiroler Verein Frauen im Brennpunkt (fib) am vergangenen Dienstag zum ersten Mal angeboten wurde, soll Kindern helfen, Empathie zu entwickeln.

Das Projekt selbst ist nicht neu. Schon seit einigen Jahren bieten unterschiedliche Organisationen Babywatching in Tirol und über die Grenzen hinaus an.

„Darf ich Clara streicheln?“, fragt der dreijährige Noah. Mutter Alice nickt. Ganz vorsichtig streicht der Bub mit seiner Hand über Cla­ras Kopf. Das Mädchen schaut Noah mit großen blauen Augen an. Dann krabbelt sie zur dreijährigen Inika. „Die will zu dir“, sagt Mutter Alice. „Darf ich sie ,hoppelen‘?“, fragt das Mädchen. Mutter Alice setzt Clara auf den Schoß von Inika, die ihre beiden Arme fest um das Baby legt.

So „mutig“ sind nicht alle Kinder in der Kinderkrippe. Inika hat bereits einen kleinen Bruder. Babys sind daher nichts Neues für sie. Für andere schon. Manche der Krippenkinder beobachten das Geschehen lieber mit genügend Abstand.

Bald gehört ein Baby jedoch zu ihrem Alltag. „Manche Kinder erwarten demnächst ihr erstes Geschwisterchen“, sagt Weiskopf. Das Babywatching soll ihnen dabei helfen, sich auf die neue Situation vorzubereiten. „Die Kinder wissen dadurch, was sie erwartet, wenn das Geschwisterchen da ist“, erklärt die Krippenleiterin.

Clara ist das zweite Kind von Mutter Alice. Ihre erste Tochter, die zweieinhalbjährige Amélie, besucht ebenfalls die Kinderkrippe Emil. Sie hat sich längst an ihr Geschwisterchen gewöhnt. Singend tanzt sie um das Baby herum oder umarmt es. „Was spielt denn die Clara zuhause?“, fragt Weiskopf. „Mit Bausteinen“, antwortet Amélie und tanzt weiter im Kreis.

„Durch das Beobachten des Babys und seiner Mutter können sich die Kinder besser in andere hineinversetzen“, erklärt Weiskopf. Die Kinder beginnen, diese Fähigkeit auf alltägliche Situationen mit ihren Freunden zu übertragen, indem sie sich feinfühliger, sozialer sowie weniger ängstlich untereinander verhalten.

Schon in den 80er-Jahren hat der Aggressionsforscher Henri Parens in Philadelphia (USA) Studien zur Vorbeugung von aggressiven Verhaltensstörungen bei Kindergartenkindern durchgeführt. Auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen wurde das „Baby-Beobachten“ vom Münchner Bildungsforscher Karl Heinz Brisch zur Förderung von Empathie weiterentwickelt.

„Wer möchte Clara denn ihre Flasche geben?“, fragt Mutter Alice. „Iiiiich“, rufen die Kinder und laufen auf Clara zu. „Vorsicht, Vorsicht!“, mahnt Weiskopf. „Einer nach dem anderen.“ Die Kinder setzen sich neben das Baby, der kleine Noah darf sie als erstes Kind füttern. Von seinen Freunden wird der Bub genau beobachtet.

Nachdem Clara ihre Mahlzeit bekommen hat, dürfen auch die Krippenkinder ihre Jause essen. „Bleibt die Clara noch bei uns?“, fragt ein Mädchen. „Ein bisschen bleibt sie noch“, antwortet die Mutter, während sie ihr Baby auf den Schoß nimmt und die Krippenkinder sich an den Tisch setzen.

Für Mutter Alice lief das Projekt wie am Schnürchen. „Es war interessant zu sehen, wie groß die Hemmschwelle bei machen Kindern noch ist“, sagt sie. Die 34-Jährige beeindruckte das feinfühlige Verhalten der Kinder. „Sie haben sich sehr auf die Kleine eingelassen. Clara ist aber auch ein entspanntes Baby, mit ihr kann man so etwas machen“, erklärt die Innsbruckerin.

Auch für die Krippenleiterin waren die Unterschiede zwischen den einzelnen Kindern deutlich erkennbar. „Manche haben Clara gleich beschlagnahmt, andere wollten erst einmal alles beobachten“, sagt Weiskopf. Für sie war das Projekt Babywatching ein voller Erfolg. „Ich fand das alles wirklich sehr spannend.“

Vom Verein fib gibt es auch nur Positives zu berichten. „Babywatching wird mit Sicherheit wieder in unseren Kinderkrippen stattfinden“, heißt es. Baby Clara darf sich dann wieder über viele „Fütterer“ freuen.

Clara hat offenbar Spaß dabei.
Clara hat offenbar Spaß dabei.
- Andreas Rottensteiner / TT
Ein Mädchen macht erste Annäherungsversuche.
Ein Mädchen macht erste Annäherungsversuche.
- Andreas Rottensteiner / TT
Am Ende wollen alle Kinder Clara füttern.
Am Ende wollen alle Kinder Clara füttern.
- Andreas Rottensteiner / TT