Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Mo, 01.06.2015


Ausstellung

Für Gott und Kaiser ins Verderben

Die Gemeinde Kartitsch war unmittelbar vom Ersten Weltkrieg betroffen. Die Ausstellung „Pro Patria!?“ im Gemeindesaal berichtet vom Leben der Soldaten an der Bergfront, aber auch von Schicksalen im Dorf.

null

© Blassnig



Von Christoph Blassnig

Kartitsch – An der Wand hängt die hölzerne Beinprothese eines Kriegsversehrten. Kleine und größere Gegenstände haben einhundert Jahre überstanden: ein Transportkarren, der von Hunden gezogen wurde. Handgeschriebene Feldpostkarten, mit Buntstiften nachträglich zensiert. Ein Musterungssträußchen aus dem Jahr 1914, als man noch an die eigene Überlegenheit und die Erledigung der Serben innerhalb weniger Wochen geglaubt hat.

Eröffnet hat die Schau am Freitag Benedikt Erhard von der Kulturabteilung des Landes Tirol: „Als ich vor eineinhalb Jahren bei Bürgermeister Josef Außerlechner gesessen bin und er mir die Pläne geschildert hat, habe ich mich gefragt: Schaffen die das? Der Anspruch war hoch, die Zeit knapp.“ Aber es sei wie überall: Gute Leute und echtes Engagemen­t machten auch das möglich.

Für Gott, Kaiser und Vaterland: ein patriotischer Teller aus dem Ersten Weltkrieg.
Für Gott, Kaiser und Vaterland: ein patriotischer Teller aus dem Ersten Weltkrieg.
- Blassnig

„Größter Respekt für die Gemeinde und den Bürgermeister, die als Nachfahren der einzigen unmittelbar Betroffenen im Land Tirol an die nihilistische Zerstörung des Krieges erinnern“, so Benedikt. „Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater waren im Krieg. Ich hoffe, meine Kinder und Enkel werden wie ich nie wieder kämpfen müssen. Mögen wir etwas gelernt haben im Land, als Gesellschaft, in Europa.“ Benedikt erwähnte den Heimatdichter Oswald Sint, dessen Schriften eine eigene Perspektive auf das Leben der Menschen zeigten, die diese Jahre erlitten haben.

Der Krieg ist das Spezialgebiet von Ausstellungs-Kuratorin Isabelle Brandauer: „Was mich interessiert, ist das Schicksal des Einzelnen. Ich war schon zu Studienzeiten mit Harald Stadler zu Forschungen am Karnischen Kamm und kenne dieses Gebiet. Als Kartitsch nach jemandem für diese Ausstellung suchte, hat man an mich gedacht.“

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

In neununddreißig Themenbereichen zeigt die Schau das Überleben und den Tod zu jener Zeit. Der größte Teil der Schaustücke stammt aus Kartitsch und Umgebung. Mit Ober- und Untertilliach war Kartitsch die einzige Tiroler Gemeinde, die vom Gebirgskrieg vor der Haustür unmittelbar betroffen war. Vom Pustertal mit einem Schranken abgeschnitten, sorgte eine Materialseilbahn für Nachschub in das militärische Sperrgebiet. Teile dieser Bahn sind ausgestellt.

In einem Medienraum ist ein Tondokument zu hören. Maria Ebner vulgo Wieser Muito berichtete 1979 über ihre Kindheit im Ersten Weltkrieg: „Zum Leichentragen konnte man im Dorf fast keine Leute finden, da so viele krank waren.“

Die Ausstellung „Pro Patria!?“ läuft bis 31. Oktober. Geöffnet ist nachmittags: Montag bis Donnerstag von 14 bis 18 Uhr, Freitag von 14 bis 20 Uhr, sowie samstags, an Sonn- und Feiertagen von 10 bis 17 Uhr. Erwachsene zahlen fünf Euro, Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren drei Euro. Es gibt Führungen und Ermäßigungen für Gruppen und Schulen. Anmeldung unter 0664/2360961 oder per E-Mail unter gemeindeamt@kartitsch.at.

Benedikt Erhard, Ludwig Wiedemayr, Kuratorin Isabelle Brandauer und BM Josef Außerlechner (v. l.) am Abend der Eröffnung.
Benedikt Erhard, Ludwig Wiedemayr, Kuratorin Isabelle Brandauer und BM Josef Außerlechner (v. l.) am Abend der Eröffnung.
- Blassnig