Letztes Update am Do, 09.07.2015 12:02

TT / Tiroler Tageszeitung Onlineausgabe


Exklusiv

Cannabis wird salonfähig

Marihuana ist im Kommen. Die jahrzehntelang als Suchtgift geächtete Substanz erlebt eine Renaissance. Nicht nur im medizinischen, sondern auch im privaten Bereich.

© EPAImmer mehr Ärzte und Patienten setzen auf die Wirkstoffe im Hanf. Aber auch „Kiffer“ freuen sich in vielen Staaten über die Liberalisierung der Drogengesetze.



Von Thomas Hörmann

Innsbruck – Der Innsbrucker Gerhard S. leidet. Seit Jahren sorgen unerträgliche Rückenschmerzen für durchwachte Nächte. Die Folge einer Serie von Bandscheibenvorfällen. Auch tagsüber kann sich der 41-Jährige kaum rühren. „Jede unbedachte Bewegung löst einen stechenden Schmerz im Rücken aus“, erzählt der Tiroler. An eine geregelte Arbeit ist längst nicht mehr zu denken. Bis zu 20 Pillen schluckt S. täglich. „Aber wirklich helfen tut mir eigentlich nur ein Joint“, sagt der Tiroler: „Die Schmerzen nehmen ab, ich kann schlafen und ich vergesse für eine Weile, wie schlecht es mir geht.“

Das „Gras“ besorgt sich S. am Schwarzmarkt. Ein mühsames Unterfangen. Ohne Kontakte zur Drogenszene ist Marihuana für den 41-Jährigen nicht immer verfügbar. Mittlerweile denkt er daran zum Selbstversorger zu werden. Ein paar Hanfpflanzen am Balkon hält der Schmerzpatient in Anbetracht seiner Situation für ein überschaubares Risiko.

Szenenwechsel: Mit 18 zu elf Stimmen sprach sich der Südtiroler Landtag vor einem Monat für den Anbau von Cannabis für medizinische Zwecke aus. Wenn auch die Regierung in Rom zustimmt, steht einer Südtiroler Hanfplantage unter behördlicher Aufsicht nichts mehr im Weg. Das „Staatsgras“ soll beispielsweise Krebspatienten und Epileptikern helfen.

Auch in Österreich ändern sich die Zeiten: Zumindest an der medizinischen Cannabis-Front: Bisher dürfen Ärzte nur synthetische Cannabinoide verschreiben. Jetzt steht zur Diskussion, auch Arnzeien auf Basis des natürlichen Cannabis-Wirkstoffs THC für medizinische Zwecke freizugeben. Die entsprechende Gesetzesnovelle ist in Begutachtung. Der Grund für den Vorstoß: Natürliches Cannabis ist billiger und hat weniger Nebenwirkungen als das Laborprodukt. Auf die „Kiffer“, die Cannabis-Produkte ohne medizinische Notwendigkeit konsumieren, hat die Novelle keine Auswirkungen. Besitz und Konsum von Marihuana bleiben verboten, im besten Fall kommen Konsumenten mit einer Diversion davon.

Cannabis ist aber nicht nur in der Medizin auf dem Vormarsch. Immer mehr Staaten lockern die Bestimmungen, der Konsum von Gras und Haschisch wird salonfähig. Etwa in Uruguay, dort hat die Regierung den Kampf gegen Marihuana aufgegeben. Maximal sechs Pflanzen dürfen Privatpersonen züchten. Wer keinen grünen Daumen hat, kann Hanf auch in der Apotheke kaufen.

In den Vereinigten Staaten, die bisher sehr restriktiv gegen Suchtmittel vorgingen, findet ebenfalls ein Umdenken statt. Zumindest beim Cannabis – die Bundesstaaten Washington, Colorado, Oregon und Alaska erlauben mittlerweile Marihuana für den privaten Gebrauch. Und selbst in der Hauptstadt Washington haben Kiffer nichts mehr zu befürchten, nachdem 70 Prozent der Wähler für eine Legalisierung des berauschenden Hanfs gestimmt haben. Im medizinischen Bereich können Patienten in 20 US-Bundesstaaten auf die Wirkung der Pflanze zählen.

Die Anti-Cannabis-Front bröckelt auch in Europa. In Spanien treffen sich Konsumenten seit Jahren in den Social-Cannabis-Clubs, zahlen einen Mitgliedsbetrag und beziehen dort ihr Marihuana. Und das gefahrlos – die Vereine werden geduldet. In Tschechien dürfen Erwachsene bis zu 15 Gramm besitzen, in Holland werden die Hanfprodukte seit den 70er-Jahren in Coffeeshops verkauft. Portugal geht sogar noch einen Schritt weiter – hier ist auch der Besitz von harten Drogen in geringen Mengen straffrei.

Auch wenn in Österreich eine Liberalisierung in weiter Ferne scheint, sind Haschisch und Co. auf dem Vormarsch: 24 Prozent der Wiener gaben vor zwei Jahren an, Erfahrungen mit der Droge zu haben. 2011 waren’s noch 21 Prozent.

Politik beim Thema Freigabe zwiegespalten

Innsbruck – Der Südtiroler Landtag beschäftigte sich unlängst mit dem Thema Cannabis. Dabei ging es darum, ob das Land den kontrollierten Anbau für medizinische Zwecke beantragen solle. Der entsprechende Antrag wurde mit 18 zu 11 Stimmen angenommen. Eine Legalisierung der Droge stand nicht zur Diskussion.

Was die Frage der Freigabe von Cannabis betrifft, sind die politischen Parteien hierzulande zwiegespalten. Ein klares Nein dazu kommt von der ÖVP. „Wir sind dagegen, weil Cannabis eine Einstiegsdroge ist und die negativen Auswirkungen medizinisch belegt sind“, erklärt VP-Klubobmann Jakob Wolf. Die Grünen, Koalitionspartner der ÖVP im Land, sehen das hingegen anders. „Das größte Problem im Umgang mit Cannabis ist die Begleitkriminalität. Die entsteht aber hauptsächlich durch das Verbot. Wer für ein Verbot eintritt, unterstützt damit die Dealer und die dahinterstehende Mafia, und das wollen wir Grüne nicht“, erklärt Klubchef Gebi Mair. Er spricht sich für eine geregelte und kontrollierte Produktion mit entsprechender Besteuerung aus.

Auch die Tiroler SPÖ hat beim Thema Cannabis-Freigabe eine liberale Position bezogen. Klubobmann Gerhard Reheis verweist auf einen entsprechenden Beschluss des Landesparteitages vor einem Jahr, bei dem sich die Delegierten mehrheitlich für die Legalisierung ausgesprochen haben.

„Klar und deutlich Nein“, sagt Rudi Federspiel, Klubobmann der Freiheitlichen im Tiroler Landtag zur Legalisierung von Cannabis. „Weil es ein Rauschgift und eine Einstiegsdroge ist.“ Ins selbe Horn stößt auch impuls-tirol-Klubchef Hans Lindenberger: „Eine Freigabe von Cannabis ist für uns kein Thema, wir sind absolut dagegen.“ Die Liberalisierung würde dem Missbrauch Tür und Tor öffnen und den Drogenkonsum außer Kontrolle geraten lassen“, meint Lindenberger.

Gegen eine völlige Legalisierung spricht sich die Liste Fritz aus. „Wir sollten den Cannabis-Konsum aber entkriminalisieren und vom Strafrecht ins Verwaltungsstrafrecht bringen“, sagt Klubobfrau Andrea Haselwanter-Schneider. ( np )


Mehr Artikel aus dieser Kategorie

Exklusiv
Exklusiv

Der zornige Mann: Journalistin Angelika Hager im Interview

Männer befinden sich nicht erst seit #MeToo in der Krise, sagt Angelika Hager. Was die maskuline Unsicherheit und Unzufriedenheit mit Donald Trump zu tun hat ...

Thanksgiving
Thanksgiving

„Peas“ und „Carrots“ dürfen leben: Trump begnadigt Truthähne

Es ist ein festes Ritual im Weißen Haus: Vor Thanksgiving begnadigt der US-Präsident zwei Truthähne. Die Tiere wurden schon vor der Zeremonie verwöhnt: Sie ü ...

Gesellschaft
Gesellschaft

Aufregung um Lugners Black-Friday-Plakate

Eine Plakataktion von Richard Lugner sollte für besondere Rabatte werben, löste stattdessen aber lediglich einen Sturm der Entrüstung aus.

Lotto
Lotto

Historischer Siebenfachjackpot: Rund 16 Millionen Tipps erwartet

Am Mittwochabend geht es beim ersten Siebenfachjackpot der Geschichte um 14 Millionen Euro. Die Ziehung findet unter strengsten Sicherheitsvorschriften statt ...

KidsRights
KidsRights

Kampf gegen Waffengewalt: US-Schüler erhalten Kinder-Friedenspreis

Sie überlebten ein Schulmassaker – und starteten eine Protestbewegung gegen Waffengewalt, die Hunderttausende Menschen auf die Straße brachte. Nun sind die S ...

Weitere Artikel aus der Kategorie »