Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.09.2015


Innsbruck

Stadtsäle-Abriss in Innsbruck: Außen hart, innen zart

An der Fassade der Innsbrucker Stadtsäle nagt seit gestern der Abbruchbagger. Im Inneren wurden indes die Weiler-Friese in einer wahren Zentimeterarbeit abgenommen – eine Arbeit der Gegensätze.

Rustikal, wenngleich mit nicht weniger Geschick als im Inneren bei der filigranen Abnahme der Weiler-Friese (unten), gestalten sich die Abbrucharbeiten mit schwerem Gerät an den Innsbrucker Stadtsälen.

© Andreas Rottensteiner / TTRustikal, wenngleich mit nicht weniger Geschick als im Inneren bei der filigranen Abnahme der Weiler-Friese (unten), gestalten sich die Abbrucharbeiten mit schwerem Gerät an den Innsbrucker Stadtsälen.



Von Manfred Mitterwachauer

Innsbruck – Spuren hinterlassen. Das will Christine Oppitz-Plörer in Innsbruck. Und da kann es ruhig auch einmal etwas härter zur Sache gehen. Zentimetertief gräbt sich nämlich gestern Vormittag die Raupenkette des Abbruchbaggers in den asphaltierten Gehsteig vor dem Stadtsaal-Eingang, als die Bürgermeisterin den Retourgang einlegt und Gas gibt. Am anderen Ende des ausgefahrenen Greifarms hängen die ersten Fassaden- und Mauerteile, die Oppitz-Plörer zuvor unter fachkundiger Anleitung von Maschinist Hermann Koppensteiner aus dem Gebäude gerissen hat. Damit ist der Startschuss für den Abbruch der Stadtsäle gefallen. Und auch jener für den Neubau des Hauses der Musik, welches auf diesem Areal in unmittelbarer Nachbarschaft zu Landestheater und Hofburg bis Mitte 2018 in Betrieb gehen soll. Das obligatorische Foto für die Stadtchronik mit dem bereits abgenommenen „Stadtsäle“-Schriftzug darf natürlich auch nicht fehlen.

Die Zeit geht, der Name bleibt: Von den Stadtsälen wird bis Mitte Oktober wohl nur noch dieser Schriftzug übrig bleiben.
Die Zeit geht, der Name bleibt: Von den Stadtsälen wird bis Mitte Oktober wohl nur noch dieser Schriftzug übrig bleiben.
- TT/Rottensteiner

Mit unnachgiebiger Konsequenz schält der Greifarm in Folge die Fahnenstangen aus ihrer Verankerung, reißt sie entzwei, lässt sie zu Boden fallen. Getöse, Gequietsche, Staub – rund sechs Wochen lang werden die Touristen auf ihrem Weg zur Schwarzmanderkirche auch das auf ihrer Sightseeing-Tour bekommen – sozusagen als Gratis-Einlage. Geschützt allerdings durch einen Bauzaun, der gestern vorerst nur als Provisorium entlang der Universitätsstraße errichtet worden war.

In Summe, sagt Bauleiter Stefan Eller vom Bauträger Innsbrucker Immobilien Gesellschaft (IIG), werden bei dem Abbruch 27.000 Kubikmeter Material anfallen. Material, das nicht vor Ort, sondern erst in umliegenden Deponien fachgerecht getrennt und recycelt oder deponiert werde.

Keine Sentimentalitäten lässt indes Koppensteiner aufkommen, als er einen Kleinbagger von einem Tieflader fährt. Früher sei er schon das eine oder andere Mal in den Stadtsälen gewesen, jetzt sei es eine Baustelle wie viele andere auch. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Doch mit den Stadtsälen weicht ein Stück Innsbrucker Geschichte. Über viele Jahre tagte hier der Gemeinderat, lernten Tausende Jugendliche ihre ersten Tanzschritte und debütierten, und ein ums andere Mal wurde im Stadtcafé die Nacht zum Tag gemacht. Künftig sollen sich hier Musiker, Sänger und Kulturschaffende die Hand geben.

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- Andreas Rottensteiner / TT

Schauplatzwechsel: Während draußen im Groben gearbeitet wird, ist im großen Veranstaltungssaal im Inneren der Stadtsäle noch jede Menge Präzision und Augenmaß vonnöten. Gilt es doch, die in Stücke geschnittenen Weiler-Friese von den Wänden zu nehmen. Zentimeter für Zentimeter arbeiten sich die Spezialisten mithilfe eines mobilen Krans vor. Vor Überraschungen ist man hier trotzdem nicht gefeit. Ursprünglich geschätzt auf rund 800 Kilo, entpuppen sich die Friese-Teile dann doch als erheblich schwerer – rund 1800 Kilo bringt eines dabei auf die Waage. Gut verpackt und mit einem Spezial-Lkw wandern sie zur Restaurierung. Erst im Neubau des Management Centers Innsbruck (MCI) am nahen Fennerareal werden sie wieder als Ganzes zu bewundern sein – die TT berichtete am Samstag exklusiv.

Für das Haus der Musik stehe „in Kürze die Bauverhandlung“ an, sagt IIG-Geschäftsführer Franz Danler. Bereits ab Mitte Oktober werde man mit dem Aushub der Baugrube beginnen. Im Dezember oder Jänner 2016 soll dann der Hochbau folgen. Die Zeit drängt: Bauen geht dort nur in der Niederwasserperiode.