Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Sa, 17.10.2015


Landeck

Ein Plädoyer für Respekt

vor ursprünglicher Kirche

Weil Tuffstein in der Landecker Pfarrkirche eingefärbt wurde: Bildhauer

Traxl ortet Beschädigung des Gesteins, Denkmalamt verteidigt Maßnahme.

Die spätgotische Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt wird derzeit restauriert.

© WenzelDie spätgotische Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt wird derzeit restauriert.



Landeck – Vor mehr als 40 Jahren stand der Bildhauer und Steinmetz Reinhold Traxl aus Landeck – so erzählt er – heftig protestierend vor der noch unverputzten Stadtpfarrkirche Maria Himmelfahrt. Zwei Tage zuvor habe er beim damaligen Chef des Denkmalamtes, Hofrat Menardi, Alarm geschlagen. „Nach Fehlleistungen im Innenraum sollte das charakteristische und einzigartige Mauerwerk der Außenfassade endgültig verschwinden“, erinnerte er sich kürzlich im TT-Gespräch. „Menardi konnte nicht belegen, dass das spätgotische Bauwerk jemals verputzt war.“ Der damalige Obmann des Kirchenrates, Heinrich Unterhuber, habe Traxls Kompetenz bezweifelt. „Und der Stadtpfarrer Lugger meinte zynisch, mein Interesse an der Kirchensanierung freue ihn. Ich könnte ja jederzeit Frondienste leisten.“

Ursprüngliches Mauerwerk, der Verputz wurde abgeschlagen.
Ursprüngliches Mauerwerk, der Verputz wurde abgeschlagen.
- Wenzel

Kürzlich stand der in die Toskana emigrierte Künstler wieder vor der Kirche. Die gegenwärtige Renovierung sei wegen der von ihm vorausgesagten „Bausünden“ dringend notwendig geworden. „Meine Warnungen wurden in den Wind geschlagen, es wurde gedankenlos herumgebastelt“, stellte Traxl fest. Der Innenputz und der mit zu viel Zement angereicherte Kalkmörtel außen habe nun abgeschlagen werden müssen, um das hochgefährdete Mauerwerk über einen jahrelangen Prozess zu sanieren. „Inzwischen sieht man einige rustikale Probeputzflächen für das neuerliche Zupflastern der gotischen Mauer.“

Nach Jahrzehnten erlaube er sich wieder die Frage: „Sollte jetzt nicht wenigstens der untere Teil des gotischen Mauerwerks unverputzt und sichtbar bleiben?“ Vor allem aber die Pfeiler im Kirchenschiff – Maßwerke aus Grinner Tuffstein – sind ihm ein Dorn im Auge: Der gesamte Tuff wurde in einem Ockerton einheitlich eingefärbt.

Die Tuffstein-Pfeiler wurden in einem Ockerton „geschlämmt“.
Die Tuffstein-Pfeiler wurden in einem Ockerton „geschlämmt“.
- Wenzel

Ende der 40er-Jahre hatte Martha Gritsch, später Chefin des Denkmalamtes, in einem wissenschaftlichen Beitrag zum Thema „Tiroler Werksteine“ angemerkt: „Dem streng und durch die Restaurierung von 1929 etwas kühl wirkenden Raum der Pfarrkirche von Landeck verleiht der reich verwendete Grinner Tuff Leben und Wärme.“

Er sei fassungslos, resümierte Traxl. Man müsse sich fragen, wo denn dieses Leben und die Wärme geblieben sind. Unter Gritsch, die den Schrofensteiner Altar der Pfarrkirche in den 60er-Jahren eigenhändig restaurierte, sei der Tuffstein nur gereinigt und gebürstet worden.

Niemandem solle Gedankenlosigkeit unterstellt oder guter Wille verweigert werden, hält der Künstler fest. „Aber vielleicht werden die derzeitigen Restauratoren und Sanierer etwas demütiger, wenn sie ihren Vorgängern unsachgemäße Eingriffe vorwerfen.“ Der Respekt vor dem Ursprünglichen müsse Leitlinie aller Verantwortlichen bei derart anspruchsvollen Projekten sein.

Für die Landecker Kirchenrenovierung im Denkmalamt zuständig ist Reinhard Rampold. Er verteidigt die Vorgangsweise und erläuterte am Freitag: „Der Grinner Tuffstein war ein leicht abbaubares Baumaterial. Es ist ein poröser Stein, der an den Außenmauern der Verwitterung ausgesetzt ist.“

Bei den Pfeilern im Innenraum habe man sich entschieden, den Tuffstein mit einer ockerfarbenen einheitlichen „Opferschicht einzuschlämmen“. Die Maßnahme diene dem Schutz der Pfeiler. Auch griechische Tempelsäulen seien mit Farbe „geschlämmt“ worden, so Rampold. „Ziel der Restaurierung ist es, dass wir uns möglichst dem historischen Originalzustand des Baukörpers nähern.“

Sehr wohl habe es Fehler bei der letzten Restaurierung gegeben: Der Zementverputz an den Außenmauern sei nicht atmungsaktiv gewesen, Wasserschäden waren die Folge. Das kann Dekan Martin Komarek nur bestätigen: „Etliche zerfressene Stellen müssen saniert und stabilisiert werden.“ Der Austausch von beschädigten Tuffsteinen und die Auftragung von atmungsaktivem grauen Kalkputz wie am Turm komme schon aus Kostengründen nicht in Frage. Für die Außenmauern sei jetzt ein weißer, atmungsaktiver Putz vorgesehen. Mauern ohne Verputz kann Komarek nicht bestätigen: „Wir haben ein Bild aus dem Jahr 1766, wo die Kirche in weißem Verputz zu sehen ist. (hwe)