Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom Di, 08.12.2015


Geschichten zum Advent

Sicherer Hort abseits der Straße

In Ségou, der zweitgrößten Stadt Malis, betreibt die Caritas ein Zentrum für Buben, die auf der Straße leben müssen. Sie erhalten Nahrung, Kleidung und Bildung.

Im Caritas-Straßenkinderzentrum in Ségou können die Buben auch die Schule besuchen.

© CaritasIm Caritas-Straßenkinderzentrum in Ségou können die Buben auch die Schule besuchen.



Ségou – Drei Mal in der Woche – zweimal während des Tages und einmal während der Nacht – macht sich Bintou Dao auf den Weg. Dann sucht sie in den Straßen von Ségou, der zweitgrößten Stadt Malis, nach Kindern, die auf der Straße leben. Die 28-jährige ausgebildete Juristin arbeitet seit zwei Jahren für das Straßenkinderzentrum der Caritas Ségou. Ehrenamtlich hatte sie sich schon vorher als Praktikantin engagiert. Bis zu 20 Buben zwischen sechs und 18 Jahren werden dort betreut.

Meist sei es leicht, mit den Buben auf der Straße in Kontakt zu treten. „Wenn ich vorbeikomme und sie gerade gemeinsam essen, frage ich, ob ich mitessen darf“, so Bintou Dao. Die Kinder halten zueinander – sie legen die erbettelten Lebensmittel, die sie in leeren Plastikbechern oder Tomatenmarkdosen sammeln, zusammen, um gemeinsam zu kochen und zu essen. „Wenn die Kinder zum Beispiel die Münzen zählen, die sie während des Tages erbettelt haben, dann scherze ich, was mein Anteil ist. Frage, ob sie die Caritas kennen, dass ich sie anspreche, weil ich helfen möchte. Dass sie bei uns übernachten können, essen und spielen“, so die Caritas-Mitarbeiterin. Am Anfang seien die Kinder meist sehr skeptisch, sogar ängstlich. Viele Straßenkinder haben schlechte Erfahrungen mit Erwachsenen gemacht. Kinderhandel, Gewalt und Armut sind die häufigsten Ursachen, wieso Kinder auf der Straße landen.

So wie Moussa. Eines Nachts fand ihn die Caritasmitarbeiterin auf dem Busbahnhof von Ségou, einem beliebten Schlafplatz. Der acht Jahre alte Bub schlief auf einem Stück Karton am Boden zwischen den geschlossenen kleinen Läden und Kiosken. Er war neu, lag etwas neben den anderen Kindern. Er habe zuhause Streit gehabt. Nein, er könne nicht dorthin zurück. Ja, er wolle gerne ins Straßenkinderzentrum zum Schlafen kommen.

Am nächsten Morgen, als Bintou Dao seine Daten aufnimmt, fängt er mitten im Gespräch an zu weinen. Zeigt ihr seine Wunden. Abdrücke der Schläge, der Gewalt. Plötzlich taucht sein Peiniger auf und fragt, ob sein „Neffe“ hier sei, er habe ihn verloren. Moussa beginnt am ganzen Körper zu zittern. Der „Onkel“ wird gebeten zu gehen, kommt mit einem Polizisten zurück und versucht alle einzuschüchtern. Aber die Fakten sind eindeutig. Moussa kann im Straßenkinderzentrum bleiben, seine Eltern werden informiert. Sofort nehmen sie den nächsten Überlandbus in die Stadt. Sie hatten keine Ahnung, sind erschüttert und waren überzeugt, ihren Sohn bei dem weitschichtigen Verwandten in guten Händen zu wissen. Moussa wohnte bei ihm, um die Schule zu besuchen. As Gegenleistung zwang er Moussa zum Betteln. Bintou Dao: „Kinder zum Betteln zu missbrauchen, ist Ausbeutung.“

TT-ePaper gratis testen

Jetzt kostenlos TT-ePaper lesen, das Test-Abo endet nach 4 Wochen automatisch

Schritt 1 / 3

In nur 30 Sekunden gelangen Sie zum kostenlosen Test-Abo.

Moussa ist wieder bei seinen Eltern. Sie sind Peul, ein mittlerweile sesshaft gewordenes Hirtenvolk, und leben in einem sehr abgelegenen Dorf. Bintou Dao ist in regelmäßigem Kontakt mit Moussa. Es geht ihm gut. Was sie sich wünscht? „Die Rechte von Kindern müssen gesetzlich besser geschützt werden. Kinder dürfen nicht ausgenutzt werden.“

Das Caritas-Straßenkinderzentrum in Ségou wird von der Caritas Tirol über Spenden aus Tirol finanziell unterstützt: Die Buben bekommen drei Mahlzeiten am Tag, Kleidung und werden medizinisch versorgt. Sie können die Schule besuchen und eine Lehre absolvieren. Gespräche mit Psychologen und Sozialarbeitern stehen ebenso auf dem Programm wie Sport, Trommeln oder Theaterspielen. Großes Augenmerk liegt auf der Präventionsarbeit. Nach Möglichkeit kehren sie wieder zurück in ihre Familie. (TT)

Geschichten zum Advent.
Geschichten zum Advent.
- Frank



Kommentieren


Schlagworte