Printausgabe der Tiroler Tageszeitung vom So, 13.12.2015


Geschichten zum Advent

Im Garten der Hoffnung

Wie ein einfaches Gewächshaus das Leben vieler Familien in einem Dorf erleichtern kann, zeigt das Beispiel aus der Region Morazán im Norden El Salvadors.

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© BSIN



Innsbruck – Armut ist weiblich. 70 Prozent aller Menschen in Armut weltweit sind Frauen. „Bruder und Schwester in Not“ ist es ein Anliegen, das Schicksal von Fraue­n in den Mittelpunkt der 55. Adventsammlung zu stellen. Die Spenden aus Tirol helfen unter anderem Frauen dabei, ihre Lebens­geschichten gut und hoffnungsvoll weiterzuschreiben.

Eine dieser Hoffnungsgeschichten spielt in El Salvador in Zentralamerika. Die Bevölkerung im kleinsten aller mittelamerikanischen Staaten leidet unter Armut, Kriminalität und Arbeitslosigkeit, vor allem die Frauen. Das von Gewalt und Armut geprägte Land El Salvador ist neben Mexiko das Auswanderungsland in Zentralamerika. Rund ein Viertel der Bevölkerung El Salvadors, das sind fast 2,5 Millionen Menschen, lebt bereits im Ausland. Vor allem junge Männer verlassen täglich das Land in Richtung USA in der Hoffnung, sich dort ein vermeintlich besseres Leben aufzubauen. Zurück bleiben ältere Menschen, Kinder und Frauen. „Bruder und Schwester in Not“ fördert Projekte, die Perspektiven für Familien auf dem Land schaffen. Vor allem Frauen werden dabei unterstützt, sich ein Kleingewerbe aufzubaue­n und die Ernährungssituation der Familien zu verbessern.

Eine dieser Frauen ist Natalia Márquez. Sie wohnt mit ihren vier Kindern in der Region Morazán im Norden El Salvadors. Das Familien­einkommen ist bescheiden, der Ehemann von Señora Márquez arbeitet auswärts, als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Grundnahrungsmittel wie Mais und Bohnen baut die Familie selbst auf einem kleinen Stück Land an. „Wenn die Ernte gut ausfällt, dann geht es auch uns in der Familie gut”, bringt es Frau Márquez auf den Punkt. Eine gute Ernte bedeutet, dass weniger Geld in den Kauf von Lebensmittel fließt und mehr für andere wichtige Ausgaben im Haushalt übrig bleibt, etwa für das Schulgeld der Kinder.

Zusammen mit ein paar Nachbarinnen und Nachbarn hat Frau Márquez ein einfaches Gewächshaus errichtet, das sie gemeinsam nutzen. Ein landwirtschaftlicher Berater der Hilfsorganisation „Segundo Montes“ stand ihnen begleitend zur Seit­e. Die Konstruktion aus Holzlatten und Plastikplanen war schnell errichtet, das Material und die Tomatensetzlinge haben sie zur Verfügung gestellt bekommen. Die Frauen lernten auch, selbst organischen Dünger und biologische Insektenmittel zu produzieren. Bald werden die ersten Tomaten reif sein und den Speiseplan der Familien bereichern. Ein Großteil der Ernte soll jedoch auf dem lokalen Markt verkauft werden, hier wechseln sich die Familien mit dem Verkaufsstand ab.

„Die Organisation ,Segundo Montes‘ unterstützt uns, sodass wir den Ertrag im Anbau von Gemüse steigern können“, schildert Natalia Márquez die Veränderungen, seit sie im nachbarschaftlichen Projekt mitarbeitet, „zudem haben wir gelernt, etwas aus den Produkten hier in der Region zu machen.“

Zusammen mit ein paar Nachbarinnen hat Frau Márquez in einem leerstehenden Raum im Dorf eine kleine Backstube aufgemacht. Einmal pro Woche ist Backtag, dann backen die Frauen gemeinsam Brötchen und kleine Süßigkeiten, die sie im Umkreis verkaufen. Mit einem großen Korb gefüllt mit frisch gebackenen Köstlichkeiten machen sich die Bäckerinnen zu Fuß auf dem Weg von Haus zu Haus und preisen ihre Produkte an.

„Monatlich erwirtschafte ich so einen Gewinn von 75 Dollar“, rechnet Natalia Márquez vor. Mit dem zusätzlichen Einkommen kann sie wichtige Ausgaben im Haushalt decken, wie Strom, Medikamente und das Schulgeld der Kinder. Außerdem engagiert sich Frau Márquez in einem Frauennetzwerk und motiviert andere Frauen, einen ähnlichen Weg zu gehen. Denn nur wenn Frauen gemeinschaftlich und aktiv an der Zukunft arbeiten, werden sich das Leben der Familien und die Gesellschaft ändern.

Das Projekt der Organisation „Segundo Montes“ ist eines von rund 30 Projekten der Entwicklungszusammenarbeit, die „Bruder und Schwester in Not“ durch Spenden aus der Adventsammlung 2015 fördert. In den Pfarren der Diözese Innsbruck wird die traditionelle Spendensammlung am 3. Adventsonntag durchgeführt, heuer ist es bereits die 55. Adventsammlung von „Bruder und Schwester in Not“. (TT)